Meldungen aus der Forschung

Die Erforschung und Anwendung der videobasierten Unterrichtsanalyse bei angehenden Lehrkräften

24.11.2016 Lehramtsstudierende werden an der Leuphana mit Hilfe von Videos auf ihre spätere Tätigkeit an den Schulen vorbereitet. Prof. Dr. Marc Kleinknecht vom Institut für Bildungswissenschaften setzt in seinen Lehrveranstaltungen das Videoportal „V-Share“ ein, durch welches Unterrichtssituationen im Nachhinein ausgewertet werden können. Studierende des Studiengangs Lehren und Lernen filmen sich dazu selbst mit einer Kamera im Unterricht ihres Schulpraktikums und werten einzelne Lehr- und Lernsituationen anschließend am Bildschirm aus. Auch die Kommiliton_innen analysieren diesen Unterricht und geben ihr Video-Feedback schriftlich und systematisch über das Portal zurück.

Dr. Bernadette Gold von der Universität Münster und Prof. Dr. Marc Kleinknecht von der Leuphana erforschen die videobasierte Unterrichtsanalyse.

Forschungsergebnisse aus der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Marc Kleinknecht zeigen, dass die Probanden ihre eigenen Aufnahmen oft sehr negativ bewerten und die Analyse mit negativen Emotionen einhergeht. Der Mehrwert des Videofeebacks durch Peers (Mitstudierende) oder Lehrende ist es, dass deren Analyse auch die Reflexion positiver Aspekte umfasst und neue Perspektiven auf kritisch beurteilte Situationen eröffnet. Nach der Auswertung können die Studierenden den Unterricht theoriebasierter und systematischer reflektieren.

Ziel des videobasierten Vorgehens ist es, die Wahrnehmungs- und Analysekompetenz der Studierenden zu verbessern, die sich in einigen Studien als eine Voraussetzung für professionelles Handeln im Unterricht und letztlich höhere Lernerfolge der Schüler_innen erwiesen hat. Zum videobasierten Lernen gehört, dass sich die zukünftigen Lehrkräfte auf inhaltliche Schwerpunkte konzentrieren, die die Qualität von Unterricht ausmachen, wie etwa die effiziente Klassenführung oder ein kognitiv-aktivierendes Frageverhalten. 

Videos können auch zur Fortbildung von Lehrpersonal an Schulen eingesetzt werden, wobei hier noch stärker als in der Ausbildung an den Themen- und Feedbackwünschen der Lehrkräfte angesetzt wird. Die Forschungen zu videobasierten Lehrerfortbildungen zeigen, dass solche Formate im Vergleich zu konventionellen Fortbildungen lernwirksamer sind und sich Überzeugungen zum Lehren und Lernen sowie Reflexions- und Handlungsroutinen aufbrechen lassen.

Die Vortragsreihe zum „Fördern und Prüfen von Wahrnehmungs- und Analysekompetenzen von Lehramtsstudierenden“ lädt Gastwissenschaftlerinnen und Gastwissenschaftler an die Leuphana ein, die über ihre Forschungsergebnisse und Erfahrungen auf diesem Gebiet berichten. Sie richtet sich an Studierende, zukünftige Lehrende, sowie an Lehrerinnen und Lehrer und Vertreter_innen von Schulen, die Interesse am Einsatz von Videos in der Lehreraus- und Weiterbildung haben.

Auftakt der Gastvortragsreihe zum Thema „Lehrkompetenz“

Den Auftakt zur Vortragsreihe machte Dr. Bernadette Gold von der Westfälischen Wilhelms Universität Münster am 15. November 2016. In ihrem Vortrag fokussierte sie sich speziell auf die Förderung von Klassenführungsfähigkeiten durch videobasierte Unterrichtsanalyse in der universitären Lehrbildung und schlug damit die Brücke zu Marc Kleinknechts oben erklärtem Konzept der Videoanalyse. Es wurden das „ViU Early Science – Projekt“ zur videobasierten Unterrichtsanalyse und Studienergebnisse vorgestellt, sowie das dazugehörige Online-Portal, welches Studierenden ebenfalls die Möglichkeit zur Nutzung des Videomaterials zur Weiterbildung in Eigeninitiative bietet.

Die Gastwissenschaftlerin Dr. Bernadette Gold machte den Auftakt der Vortragsreihe.

Das Forschungsprojekt ViU Early Science

Das von einem interdisziplinären Team aus Psychologen und Psychologinnen und Fachdidaktiker_innen an der Universität Münster (Prof. Dr. Kornelia Möller und Prof. Dr. Manfred Holodynski) und des Instituts für Naturwissenschaften in Kiel (IPN; Prof. Dr. Mirjam Steffensky) ausgearbeitete ViU-Projekt zur videobasierten Unterrichtsanalyse umfasst zwei drittmittelgeförderte Teilprojekte. In einem Zeitraum von drei Jahren wurde ein Videoportal entwickelt, das es angehenden Lehrkräften ermöglicht, ihre Fähigkeiten zur Wahrnehmung effektiver Klassenführung weiterzuentwickeln.

Die Forschung zu diesem videobasierten Portal untersucht, welche Fähigkeiten Lehramtsstudierende bereits mitbringen und wie sie sich durch spezifische Trainings verbessern lassen. So konnte eine Studie von Gold und Kollegen zeigen, dass Studierende ihre Aufmerksamkeit primär auf Disziplin und Autorität richten. Erfahrene Lehrende achteten bei der Beobachtung hingegen mehr auf die verfolgten Lernziele der Lehrperson und der tatsächlichen Auswirkungen auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler. Erfahrene Lehrkräfte können zudem Situationen schneller beurteilen, um angemessene Reaktionen zu zeigen. Studierenden fallen diese raschen und doch gründlichen Urteile deutlich schwieriger.

Klassenführungskompetenz vorbereitend in drei Bereiche gliedern

Auf Basis einer Vielzahl von Studien zur Klassenführung entwickelten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Modell von professioneller Klassenführungskompetenz, das die Bereiche „Monitoring“, „Organisation und Strukturierung“ sowie „Regeln und Routinen“ umfasst. Das Monitoring beinhaltet die Störungsprävention und Allgegenwärtigkeit einer Lehrkraft, die Organisation und Strukturierung beschreibt die Fähigkeit einer Lehrkraft die Gruppe zu aktivieren, sowie die Ziele den Lernenden transparent zu machen. In den Bereich Regeln und Routinen fallen vor allem Aspekte wie Regeln in der Klasse zu etablieren und deren Einhaltung konsequent zu überwachen. 

Wie der Einsatz der Videoanalyse die Kompetenzwahrnehmung verbessert

Mehrere Studien konnten zeigen, dass Studierende bei der Videoanalyse und beim Videofeedback durch Lernaufgaben gezielt unterstützt werden müssen, um die Wahrnehmung von Klassenführungskompetenzen zu erlernen. Im Klassenzimmer stünden die Lehrenden unter unmittelbarem Handlungsdruck, so dass es Sinn macht, sich durch Analyse von fremden Videos und Reflexion der eigenen Unterrichtseinheiten schrittweise solchen Drucksituationen anzunähern. 

In unterschiedlichen Seminargruppen führte Gold vor und nach verschiedenen Trainingsmethoden Tests durch, um die Entwicklung der Wahrnehmungskompetenzen zu untersuchen. Während eine Seminargruppe nur textbasierte Unterrichtsfälle benutzte, um Klassenführung praxisnah zu erarbeiten, wurde in zwei weiteren Gruppen gezielt die Videoanalyse eingesetzt. Die Videogruppen verwendeten entweder lediglich fremde Videos oder fremde und Videos aus ihrem eigenen Unterricht. Das Ergebnis am Ende des Semesters bestätigte deutlich einen stärkeren Lernzuwachs in den Videogruppen. Die Studierenden, die mit selbstgedrehten Filmen arbeiteten, wiesen hierbei sogar den höchsten Erfolg auf.

Wie die Online-Portale weiter ausgebaut werden

Einige der verwendeten Videos wurden nach Beendigung der Forschungsarbeit an der Universität Münster professionell aufbereitet. Neben Materialien wie Unterrichtsentwürfen, Protokollen und Methoden sind diese nun auf der Online Plattform ViU zu finden. Sie sollen angehenden Lehrkräften ein authentisches Berufsbild vermitteln und der individuellen und kooperativen Weiterbildung dienen. Momentan zeigen alle Filme Ausschnitte aus dem Sachunterricht der Grundschule. Weitere Aufnahmen und Begleitmaterial aus anderen Fächern und Klassenstufen, sowie konkrete Analyseaufgaben für zukünftige Dozierende sind in Planung.

Auch Marc Kleinknecht plant das video- und onlinebasierte Lernen an der Leuphana Universität Lüneburg weiter auszubauen. Es besteht bereits ein Netzwerk aus Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die das Lernen mit Videoaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven oder mit Eye Tracking-Daten weiterentwickeln und erforschen. Moderne Ansätze in der Lehrerbildung mit Digitalisierung zu verbinden, trifft in der Universität auf großes Engagement. Nicht nur, weil die digitale Nutzung von Lehrressourcen Mobilität fördert und neue Möglichkeiten offeriert, sondern auch, weil die Lernwirkungen bewiesenermaßen hoch seien.

Weitere Gastvorträge zur Lehrkompetenz im Wintersemester

Die Aneignung von Lehrkompetenzen wird dieses Semester auch weiterhin ein großes Thema an der Leuphana sein. Die Vortragsreihe wird durch eine Wissenschaftlerin und einen Wissenschaftler im Dezember und Januar fortgeführt: 

  • Prof. Dr. Charlotte Wolff, Open Universiteit Heerlen (Niederlande), wird am 15.12.2016, darstellen, wie sich mittels Eye-Tracking die Wahrnehmungskompetenz von Lehrkräften untersuchen lässt. Sie beschäftigt sich damit, wie sich erfahrene und unerfahrene Lehrkräfte in ihrer Wahrnehmung und Interpretation von Klassenführung im Unterricht unterscheiden. 
  • Am 19.01.2017 ist Prof. Dr. Johannes König von der Universität zu Köln zu Gast in Lüneburg. Er wird empirische Untersuchungen zum Erwerb professioneller Kompetenzen in der Lehrerausbildung präsentieren und insbesondere auf die Potenziale von Längsstudien in diesem Bereich eingehen.

Prof. Dr. Marc Kleinknecht
Universitätsallee 1, C1.226
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1620
Fax +49.4131.677-1688
marc.kleinknecht@leuphana.de


Redaktion: Ann Cathrin Frank und Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.