Meldungen aus der Forschung

Neu an der Leuphana: Soziologin Prof. Dr. Anna Henkel

28.11.2016 Seit Oktober 2016 ist Anna Henkel Professorin für Kultur- und Mediensoziologie am Institut für Soziologie und Kulturorganisation. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen an der Schnittstelle von Sozial-/Gesellschaftstheorie und empirischer Forschung.

In ihrer Forschung zeigt Anna Henkel auf, wie Materialität, das vermeintliche Vorfinden der Welt in einem festen und abgeschlossenen Zustand, stets das Ergebnis einer Konstruktion beziehungsweise eines gesellschaftlichen Prozesses ist. Wenn zum Beispiel bis zum 19. Jahrhundert die Vorstellung vorherrschte, und dies den Menschen damals als offensichtliche Wahrheit vorkam, jedes Ding sei durch ein Mischverhältnis der vier Grundelemente Feuer, Wasser, Erde und Luft bestimmt, zeigt dies heute, dass derlei Gewissheit stets historisch bedingt ist. „Kognitive semantische Strukturen, mit denen man Materialität beschreibt, verändern sich“, sagt Anna Henkel dazu. Dieses Prinzip des Hinterfragens von „Gewissheiten“ bezüglich Materialität wendet sie auf verschiedene Forschungsgegenstände an, unter anderem auf Nachhaltigkeit.

Anna Henkel bringt Soziologie und Nachhaltigkeit zusammen, eine Disziplin und ein Forschungsfeld, die beide auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben. Dabei nähert sie sich Nachhaltigkeit zunächst in einem weiten Sinne: als einem bestimmten Begriff oder Diskurs, der vor etwa 20 Jahren in einer breiten Öffentlichkeit auftauchte und zunehmend benutzt wird, und das in ganz unterschiedlichen Kontexten (von der „nachhaltigen Windenergie“ bis hin zum „nachhaltigen Umgang mit dem eigenen Körper“). Aus einer soziologischen Perspektive ist auffällig, dass Forschung in vielen Disziplinen mit oder ohne Nachhaltigkeitsschwerpunkt durchgeführt werden kann. Diejenigen Zugänge, die sich der Nachhaltigkeit selbst zurechnen, scheinen aber einen Punkt gemeinsam zu haben: „Es geht darum, Komplexität und unintendierte Rückwirkungsverhältnisse in Rechnung zu stellen – mit Bezug auf ökologische Systeme, aber auch mit Bezug auf etwa die eigene Gesundheit oder das Arbeitsklima in einer Organisation“, sagt Henkel.

Jenseits der Handlungs-Effekt-Logik

Eine dezidiert soziologische Perspektive gibt es in diesem Bereich bisher erst in Ansätzen, zum Beispiel als Akzeptanz- oder Partizipationsforschung. Erst seit kurzem entsteht in der Soziologie eine systematischere Aufmerksamkeit für „Nachhaltigkeit“. In der Heterogenität des Nachhaltigkeitsfeldes sieht Henkel einen entscheidenden Vorteil: Eben weil es ein multi- und transdisziplinärer Diskurs ist, ist er auch offener dafür, dass verschiedene Zugänge gebraucht werden. Was die Soziologie beitragen kann, ist, so Henkel, neben der gesellschaftshistorischen Einbettung eine Reflektion. Auf die Frage, warum der Nachhaltigkeitsdiskurs gerade jetzt geführt wird, weist sie auf ein spezifisches Phänomen hin: „Ich denke, die moderne Gesellschaft hat ein Komplexitätsniveau erreicht, auf dem zwischen Handlung und Handlungseffekt nicht mehr ohne Weiteres eine direkte Verbindung plausibel herstellbar ist. So lässt sich beispielsweise im Fall einer zu hohen Nitratbelastung der Böden streiten, ob dafür der Bauer als Eigentümer des Bodens verantwortlich ist, der Konsument mit seinem Kaufverhalten von Butter und Fleisch, eine eventuell unzureichende Regulierung oder gar eine wissenschaftlich fehlerhafte Grenzwertfestsetzung.“ Henkel diagnostiziert einen gegenwärtigen Bruch zwischen dieser Entwicklung und den bestehenden Theorieinstrumenten. Anders ausgedrückt: Die herrschenden Instrumente und Methoden gehen im Großen und Ganzen von Modellen aus, in denen Akteur_innen handeln, Effekte produzieren und dann die Verantwortung für diese Effekte übernehmen oder nicht. „Doch damit kommt man nicht mehr weiter“, kommentiert sie. Mit dem Nachhaltigkeitsdiskurs öffnet sich jedoch eine Perspektive, in der man das bisherige Modell zum Beispiel um Rückkopplungsschleifen ökologischer Effekte erweitert. 

Die aktuellen Projekte

Zu ihrem Forschungsschwerpunkt – der „Materialität der Gesellschaft“ –, fand Anna Henkel durch ihre Promotion zur Soziologie des Pharmazeutischen. Die Auseinandersetzung mit dem Wandel dessen, was als außeralltäglich wirksames Mittel und damit als „Pharmakon“ gilt, führte sie zur Frage nach dem Verhältnis von Materialität und Gesellschaft, das sie derzeit am Gegenstand der „Terra“ (als analytischem Begriff für „Boden“, „Erde“, „Grund“ oder „Territorium“ etc.) untersucht. In diesem Zusammenhang verbindet sie Perspektiven der Wissenschaftsforschung, Gesellschaftstheorie, Verantwortungsforschung und nicht zuletzt der Nachhaltigkeit.

Neben ihrem Publikationsprojekt zur „Materialität der Gesellschaft“ forscht Henkel in mehreren Verbundprojekten. In dem von ihr geleiteten Projekt „Reflexive Responsibilisierung“ untersucht sie mit ihren Oldenburger Konsortialpartner_innen, wie, und ob überhaupt, sich Programme für eine nachhaltige Gesellschaft in der Praxis konkret auswirken. Das von der Volkswagen-Stiftung sowie dem MWK Niedersachsen im Rahmen des Förderprogramms „Wissenschaft für nachhaltige Entwicklung“ geförderte Projekt geht von der These aus, dass Verantwortung für nachhaltige Entwicklung im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeitsprogrammen mit Interventionscharakter und eigendynamischer Praxis entsteht. Der vom Evangelischen Studienwerk Villigst geförderte und ebenfalls von Anna Henkel geleitete Forschungsschwerpunkt „Dimensionen der Sorge“ thematisiert Sorge als gegenwärtiger Zukunftsbezug. Interdisziplinär – unter Beteiligung von Soziologie, Philosophie und Theologie – geht es um die Frage, wie sich gegenwärtige Zukunftsbezüge unterschiedlich gestalten können. Das Potential eines gegenwärtigen Zukunftsbezugs als Quelle von Phantasie und Gestaltung, aber auch als Quelle von Paralyse und Erstarrung wird gegenwartsanalytisch und genealogisch untersucht. Die Bezüge einer Sorge um sich, Sorge um Andere und Sorge um die Umwelt dienen dabei als heuristische Perspektiven. Im Projekt „Nachhaltige Erfüllung von Mobilitätsbedürfnisse im ländlichen Raum“ (NEMo), dessen Federführung bei der Oldenburger Wirtschaftsinformatik liegt, leitet Henkel das sozialwissenschaftliche Teilprojekt. Das Ziel von NEMo ist, nachhaltige und innovative Mobilitätslösungen sowie darauf basierende Geschäftsmodelle für den ländlichen Raum zu entwickeln.

Ein ganz frisches Projekt beginnt Henkel an der Leuphana: Gerade wurde von der DFG die Förderung des Wissenschaftlichen Netzwerks „Soziologie der Nachhaltigkeit“ bewilligt. Die Auftaktveranstaltung der 15 beteiligten Soziologinnen und Soziologen wird im März 2017 im neuen Zentralgebäude an der Leuphana stattfinden.

Anna Henkel fühlt sich an der Leuphana wohl – auch weil ihr die Lehre wichtig ist. Über die Universität sagt sie: „Was ich hier wirklich schätze, ist, dass Lehre auch auf der Ebene der Universität als ganzer gedacht wird. So etwas wie das Studium Individuale kann man nicht an einem Institut machen; es geht nur auf Uni-Ebene. Lehre als Komplement der Forschung wird hier konzeptionell und individuell angegangen – ich denke, das ist etwas wirklich Besonderes.“ Und bezüglich der Studierenden fügt sie hinzu: „Ich habe den Eindruck, schon bei der Vorstellung der Vertiefung ‚Kulturtheorie und Kulturanalyse‘ und in den ersten Seminaren, dass die Studierenden sehr reflektiert sind und sich ernsthaft trauen, Positionen zu beziehen. Das finde ich wirklich toll.“


Prof. Dr. Anna Henkel
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Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.