Meldungen aus der Forschung

Philosoph Prof. Dr. Roberto Nigro im Portrait

07.12.2016 Seit 2016 hat Roberto Nigro die Professur für Philosophie, insbesondere kontinentale Philosophie, am Institut für Philosophie und Kunstwissenschaft inne. Nebenbei ist er als Programmdirektor am Collège International de Philosophie in Paris tätig und war zuvor Professor an der Zürcher Hochschule der Künste. Seine Arbeit situiert sich an der Schnittstelle zwischen der zeitgenössischen französischen Philosophie, dem Erbe der klassischen deutschen Philosophie im heutigen Denken und der italienischen Kulturtheorie und -philosophie. Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen Fragen nach den politischen, sozialen und ästhetischen Transformationen, in denen die Analyse des Kapitalismus, der Lebensformen und der Ästhetik der Existenz eine wichtige Rolle spielen.

Prof. Dr. Roberto Nigro ist ein Kosmopolit: Bevor er im Mai 2016 an die Leuphana kam, war er sieben Jahre in Zürich Professor an der Hochschule der Künste. Davor zwölf Jahre in Paris, nebenbei immer wieder für Gastprofessuren in verschiedenen Ländern, darunter in den USA in Harvard, ursprünglich kommt er aus Italien. Die Internationalität in der Forschung begrüßt er. „Meine Erfahrung zeigt vielleicht noch einmal den Schwanengesang des Nationalstaates - obwohl in einer Zeit von starken Rückfällen von Nationalismen, wo die Versuchung, neue Grenzen und Mauern herzustellen, leider wieder sehr stark ist. Sie weist vielleicht auf eine der intimsten Bedeutung des Wortes 'Universität' in seiner Herkunft vom lateinischen 'universitas' hin: die Tatsache, dass Wissenschaft und Ideen Landesgrenzen überschreiten und es so etwas wie eine weltweite ‘Gelehrtenrepublik’ gibt, auch wenn die verschiedenen scientific communities sich in der Praxis entlang von kulturellen Grenzen organisieren. Die Produktion des Wissens findet heute mehr als je in transnationalen Konstellationen statt.“

Philosophie und Kulturwissenschaften 

Nachdem er in der Vergangenheit bereits einige Postdoc-Programme in Deutschland absolviert hatte, war er mit dem deutschen universitären System und der akademischen Philosophie in Deutschland bereits vertraut. Ganz gezielt wählte er jedoch die Leuphana als seine neue akademische Heimat. „Hier ist die Philosophie in einer Fakultät von Kulturwissenschaften angesiedelt. Das ist sehr interessant und in Deutschland sehr außergewöhnlich“, führt Roberto Nigro aus. In seiner Forschung interessiert er sich für die heutigen Veränderungen, denen Begriffe wie (extreme) Gewalt, Geschlecht, „Rasse“ und Sexualität unterliegen. Seine Arbeit zu Fragen nach der Klassenzusammensetzung, der immateriellen Produktion, dem Post-Fordismus, der Multitude und dem Gemeinsamen, der Reproduktion und den Geschlechterverhältnissen treffen sich hier mit Themen wie neuen Formen des Rassismus, Migration, sans papiers oder mit der Frage nach (historischen, symbolischen, imaginären) Grenzen. Diese Themen stehen in der klassischen Philosophie nicht im Mittelpunkt, reichen aber in die Philosophie hinein. Diese interdisziplinäre Arbeitsweise passt sehr gut in und zu der Fakultät Kulturwissenschaften und ermöglicht auch eine Orientierung der philosophischen Forschung an einer zeitgenössischen Dimension. Denn seine Forschung ist an Aktualität orientiert: „Die Gegenwart zu denken ist der Mittelpunkt meiner Fragestellungen.“

Ein Teil konkreter Erfahrung 

Dass Gegenwart und Interdisziplinarität Teil eines philosophischen Vorhabens sind, scheint auf den ersten Blick überraschend, insbesondere wenn man bei ‚Philosophie‘ das Bild einer Platon-Statue oder einen Text über Erkenntnismöglichkeiten von Kant vor Augen hat.

„Man denkt, dass Philosophie abstrakt sei und nur für Spezialisten", sagt Roberto Nigro, „aber Philosophie ist Kunst der Kritik, des Problematisierens. Sie besteht in keiner Kontemplation, sondern sie ist Erfindung, das heißt Erfindung von Begriffen. Jeder Begriff bezieht sich auf ein Problem, auf ein konkretes Problem, auf einen Aspekt unserer Existenz, den wir eventuell noch nicht gesehen oder erfahren haben. Wenn man eine Philosophin oder einen Philosophen liest, sollte man immer versuchen zu verstehen ‚Was sind die Probleme, auf die er oder sie versucht zu antworten?' Dann kann man wunderbare Entdeckungen machen: was auf den ersten Blick so abstrakt scheint, zeigt sich als sehr konkret. Man entdeckt, dass Philosoph_innen über konkrete Probleme nachdenken, welche die unseren sind.“

Seine philosophische Forschung orientiert Roberto Nigro an Gegenwart und Zeitgenossenschaft.

Auf diese Weise können zum Beispiel auch Texte der antiken griechischen Philosophen oder der klassischen Aufklärer sehr aktuell sein. Nicht nur in dem Sinne, dass sie einen Gegenstand behandelten, zum Beispiel reale Demokratie oder die Formen des Schönen, der für uns ebenso relevant ist. Sondern darüber hinaus auch insofern, als sie noch ein bestimmtes Verhältnis zur Gegenwart haben: sie sind noch Teil unserer Erfahrung; sie konstituieren unsere Subjektivität, also sozusagen das sich-selbst-in-der-Welt-Verorten. Darüber nachzudenken, das kritisch zu reflektieren, ist eine philosophische Hilfestellung uns selbst und unsere Gegenwart zu reflektieren. 

Aktuelle Projekte 

Zurzeit führt Roberto Nigro verschiedene Projekte durch. Er befasst sich mit der Transformation der kontinentalen Philosophie. Anstatt nationale Philosophien zu sein, waren German Philosophy, French Theory und Italian Thought im 20. und 21. Jahrhunderte Formen des nomadischen Denkens oder teilweise Formen eines zum Nomadenleben gezwungenen Denkens. Aus diesen nomadischen Begegnungen entstand eine entscheidende Wende in der kontinentalen Philosophie. In einem Publikationsprojekt untersucht Roberto Nigro die politischen Implikationen einer solchen Verschiebung: Theorien der Revolutionen, Suche nach neuen Räumen der Freiheit, Bürgerkrieg in einer globalisierten Welt stehen hier unter anderem im Mittelpunkt der Analyse. Daran angeknüpft, obwohl als separates Publikationsprojekt konzipiert, untersucht er die Verschiebungen des ästhetischen Paradigmas: Wie verändert sich Kunst und die künstlerische Praxis im Zeitalter des Kognitariats oder der immateriellen Produktion?

Mit den Universitäten Paris Ouest- Nanterre, Paris 8 – Vincennes-Saint-Denis, der Universität Caen und dem IMEC (Institut Mémoires de l’édition contemporaine, Caen) entwickelt er derzeit Kooperationen zu Forschungsprojekten, in denen Fragen nach den sich verändernden medialen Formen des Wissens untersucht werden. In diesen Forschungsvorhaben untersucht er, inwiefern sich künstlerische, wissenschaftliche und philosophische Forschung unterscheiden und welche verschiedenen Wissensformen sie hervorbringen. Es geht darum, sich zu fragen, welche neue Subjektivität und Wissensform mit der digitalen Transformation der letzten Jahre einhergeht. 



 

Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.