Meldungen aus der Forschung

Einblick in die Zeitbudgetforschung: Joachim Merz und das FFB

14.12.2016 Jede und jeden, die oder der viel arbeitet, beschleicht manchmal ein Unbehagen: Dass das Geld, das man mit dem Arbeiten verdient, die Zeit, die man nicht hat, nicht aufwiegt. Gesellschaftlich betrachtet, ist der Zusammenhang zwischen Geld und Zeit komplexer als nur: Man gibt seine Zeit und bekommt dafür Geld. Der Volkswirtschaftler Prof. Dr. Joachim Merz und sein Forschungsinstitut Freie Berufe (FFB) gehen in ihrer Forschung dem Verhältnis von Zeit und Geld nach.

„Ohne Zeit läuft nichts“, sagt Joachim Merz. Zeit zu haben ist Bedingung dafür, überhaupt irgendetwas machen zu können: Zu arbeiten, sich mit Freundinnen oder Freunden zu treffen, einzukaufen. Ganz gleich welche gesellschaftliche Größe untersucht wird, Einkommen, Armut, Reichtum, Zufriedenheit; Zeit ist immer die Dimension, mit der sie verbunden ist. Interessanterweise weiß man aber nur wenig darüber, wie Menschen die Zeit verbringen. Es gibt eine Menge Daten darüber, wie hoch etwa Einkommen und Beschäftigungsverhältnisse sind, aber kaum etwas dazu, was Menschen mit ihrer Zeit machen.

Merz und sein Team schließen diese Lücke, indem sie die Zeitbudgetstudien des Statistischen Bundesamtes auswerten. Die Befragten tragen für drei Tage in ihren Zeittagebüchern alle zehn Minuten ein, was sie gerade tun, mit wem und welche Nebenaktivität sie parallel dazu ausführen. „Also zum Beispiel: Ich betreue mein Kind und wasche ab“, erklärt Merz. Drei Zeitbudgetstudien des Statistischen Bundesamts, in dessen Auswertungsbeirat er ist, wurden alle 10 Jahre seit 1991/92 mit jeweils über 30.000 Zeittagebüchern durchgeführt.

Im Fokus von Joachim Merz‘ Auswertung stehen die Selbstständigen und mit ihnen die Freien Berufe. Ihn interessiert das Phänomen der multidimensionalen Armut: Also eine Armut nicht nur in Bezug auf Einkommen, sondern auch in Bezug auf Zeit, die für soziale Partizipation, also gesellschaftliche Teilhabe, zur Verfügung steht. „Manche liegen vom Verdienst zwar über der Einkommensarmutsgrenze, ihr Einkommen reicht aber nicht aus, um das durch das Arbeitsaufkommen verursachte Zeitdefizit auszugleichen“, sagt Merz, „wir werten die Spannung zwischen Zeit und Einkommen aus und schauen, wer sowohl zeit- als auch einkommensarm ist und ob es Kompensationen gibt.“ Dabei fanden er und seine Mitarbeiter heraus, dass ein großer Teil der Selbstständigen in diesem Sinne ‚multidimensional interdependent arm‘ sind.

Zeit und Zufriedenheit

„Man kann also auf mehr als nur materielle Art arm oder auch reich sein“, führt Merz aus. Einer der Nachteile, die mit Zeitarmut einhergehen, ist, dass man weniger an der Gesellschaft teilhaben kann. Jetzt könnte man einwenden: Spielt das überhaupt eine Rolle, ob man arm ist, wenn man beispielsweise als Selbstständiger zufriedener ist? Dieser Frage ist Merz empirisch nachgegangen, indem er in einer anderen Studie Selbstständige nach ihrer Arbeitszufriedenheit befragt hat. Dabei wurde ein Muster deutlich: Wenn man in einem Angestelltenverhältnis unzufrieden war, steigt die Zufriedenheit kurzfristig nach dem Wechsel in die Selbstständigkeit. Anschließend fällt sie aber auf das Ausgangsniveau zurück. „Über eine längere Zeitspanne gesehen, sind somit Selbständige mit ihrer Arbeit nicht zufriedener“, kommentiert Merz diese sogenannte ‚long run adaptation‘.

In den Armutsanalysen konzentrieren sich Merz und sein Team auf Vollzeitbeschäftigte, also Menschen, die mehr als fünf Stunden am Tag arbeiten: die „working poor“. Dabei fanden sie heraus, dass zwölf Prozent interdependent arm sind: Wenig Zeit und wenig Geld haben. Das ist also mehr als ein Zehntel und damit, in Merz‘ Worten, „gesellschaftlich zumindest bedenklich zumal eine Vollzeitbeschäftigung dahinter steht“. Und so nicht erwartet: Der Anteil der multidimensionalen armen Selbständigen ist mit 20% doppelt so hoch wie der der abhängig Beschäftigten.

Wie ließe sich aus der Armut wieder herausfinden? Nach Merz ist es nötig, dass die Politik Zeit als Faktor mit in ihre Gestaltung aufnimmt. Dazu gehört zum Beispiel der Ausbau von Kindertagesstätten und generell synchronisierende Maßnahmen, um Beruf und Familie besser vereinbaren zu können. Das grundsätzliche Phänomen gilt für Familien nämlich besonders, unterstreicht Merz: „Zeitmangel ist durch Geld nicht aufzuwiegen.“


Prof. Dr. Joachim Merz ist Professor für Volkswirtschaftslehre und Ökonometrie, Inhaber der Professur Statistik und Freie Berufe und Direktor des Forschungsinstituts Freie Berufe (FFB), Sprecher des ‚Center for Research in Entrepreneurship, Professions and Small Business Economics’ sowie Research Fellow am Institute for the Study of Labor (IZA), Bonn, Germany. 2016 erhielt er zusammen mit seinem Doktorand Tim Rathjen den renommierten John W. Kendrick-Preis für den Aufsatz „Time and Income Poverty: An Interdependent Multidimensional Poverty Approach with German Time Use Diary Data”. Darin entwarfen sie eine Methode, interdependente multidimensionale Armut mit Transparenz beider Dimensionen eindeutig zu bestimmen. In seinem aktuellen Projekt untersucht er zusammen mit Bettina Scherg die multidimensionale Polarisierung von Zeit und Einkommen, also die Frage ob und in welchem Ausmaß die beiden Pole von Armut und Reichtum auseinanderdriften. Das Forschungsinstitut Freie Berufe (FFB) ist ein Institut der Fakultät Wirtschaft und bietet auch dort Vorlesungen, Projekte und Seminare im Bereich der Statistik und Arbeitsmarktanalyse an.


Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.