Meldungen aus der Forschung

Die Heide und ihr Schutz. Werner Härdtles BMBF-Projekt ÖkoKult

30.01.2017 Prof. Dr. Werner Härdtle vom Institut für Ökologie führt ein Projekt zum Schutz und Erhalt der Heide durch: „Sicherung der Ökosystemdienstleistungen und Biodiversität von extensiv bewirtschaften Kulturlandschaften“. Das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Projekt untersucht, wie alte Kulturlandschaften in ihrer Artenvielfalt und ihren Dienstleistungen für den Menschen (ecosystem services) in Zeiten globalen Wandels langfristig erhalten werden können. Mit 6.000 Jahren zählen Heiden, bespielsweise in Skandinavien, zu den ältesten Kulturlandschaften Europas. Das Projekt steht im Kontext der „EU-Konvention zum Schutz der biologischen Vielfalt (CBD)“.

Werner Härdtle im Labor des Instituts für Ökologie.

Die Lüneburger Heide, beliebtes nahes Freizeitziel für Groß- und Mittelstädter Norddeutschlands, scheint ein Beispiel für Natur im ursprünglichen Zustand zu sein: Weite, unbebaute Flächen, genügsam weidende Schafe, unaufdringliche Landwirtschaft. Tatsächlich ist die Heide jedoch menschengemacht: Vom Farbenspiel der Blüte im August bis zu den Sonnenuntergängen über den satten Heidesträuchern – die Heide gäbe es ohne den Menschen nicht. „Die Heide“, erklärt Werner Härdtle, „ist im Mittelalter entstanden, etwa nach der Völkerwanderung. Zu der Zeit wurde diese Region von Bauern besiedelt, welche dort sesshaft wurden. Sie fanden einen Buchen-Eichen-Mischwald vor, den sie rodeten. Für Bauholz und Brennholz – der Holzbedarf war im Mittelalter enorm. So entstand eine offene Landschaft mit Heiden, welche unter anderem durch Beweidung offengehalten wurden.“ Somit ist die Heide eine Kulturlandschaft, und, wie jede Kulturlandschaft, geprägt von einem Zusammenspiel Mensch und Natur. Durch Rodung und andere Nutzungsformen wie Plaggen verarmte der Boden, wodurch sich Pflanzen, die viele Nährstoffe brauchen, nicht mehr halten konnten. „In diese Lücke trat ein Zwergstrauch, nämlich die Besenheide“, die umgangssprachlich auch schlicht Heidekraut genannt wird, „diese ist typisch für diese nährstoffarmen Standorte. Sie ist nicht nur gegen Beweidung robust, sondern sogar gegen Brand. Anstelle des Waldes sind peu-à-peu immer mehr Heideflächen entstanden. Noch bis vor 500 bis 600 Jahren war fast die Hälfte des heutigen Norddeutschlands Heidelandschaft.“

Schutzwürdigkeit ist ein zusammengesetzter Faktor

Zunächst überrascht es, dass in seinem Projekt eine Landschaft geschützt werden soll, die nicht ‚gänzlich natürlich‘ ist. Doch Härdtles Zugang ist ein umfassender und geht über die kategoriale Dichotomie ‚Natur‘ und ‚Kultur‘ hinaus: „Man muss sich klar machen, dass viele Dinge im Naturschutz normativ sind. Wir als Ökologen sagen nicht ‚Das ist wertvoll - das ist wertlos‘ oder ‚Das schützen wir – das nicht‘, sondern letztlich bestimmt eine Gemeinschaft, welche Landschaften sie als schutzwürdig empfindet. Es gibt viele Landschaften, die durch den Menschen entstanden sind und als schutzwürdig erachtet werden. Der Schutzwert wird nicht nur durch den ökologischen Wert beschrieben, sondern auch durch den sozialen, den ökonomischen, den ästhetischen und vieles mehr. Im Landkreis Soltau-Fallingbostel etwa wird 60% des Bruttosozialprodukts aus dem Vorhandensein der Heidelandschaft erwirtschaftet.“

Die Stakeholder der Heide

Die Heide ist also eine Landschaft, in der viele Nutzungen gebündelt sind. Daher reicht es nicht, wenn sein Projekt einfach darauf hinausliefe, die Heide in ihrem jetzigen Zustand ‚einzufrieren‘. „Man muss die Interessen des Naturschutzes berücksichtigen“, führt Härdtle aus, „die Interessen der Jägerschaft, die der Bauern, die der Wasserwirtschaft, die Interessen der Touristen sowie die der Anwohner. Und diese Interessen widersprechen sich zum Teil. Die Wasserwirtschaft wird sagen: ‚Wir müssen es so entwickeln, dass in ausreichenden Mengen neues Grundwasser entsteht‘. Manche Naturlandschaft-Liebhaber mögen sagen: ‚Macht am besten gar nichts, wir wollen Naturwälder entwickeln‘. Naturwälder würden aber die Grundwasserneubildung verändern. Die Jäger sagen: ‚Wir müssen Deckungen für unser Rehwild haben, also idealerweise mal Gebüsch und mal nicht.‘ Der Tourist wird sagen: ‚Ich möchte mich in blühenden Heidelandschaften erholen.‘ Jede Stakeholder-Gruppe hat andere Erwartungen. Unterschiedliche Erwartung erzeugen Konflikte, die wiederum im Konsens gelöst werden sollten. Solche Kulturlandschaften wie die Lüneburger Heide sind prädestiniert für das Erzeugen von Konflikten. Deswegen ist jede Entscheidung, wie eine Landschaft genutzt wird, ein Kompromiss. Oder zumindest ein Weg hin zur Findung des Kompromisses. Es gibt keine einzig richtige Nutzungsform.“

Konflikte minimieren

Werner Härdtle und sein Team entwickeln daher Managementansätze, die vermitteln. Darin besteht allerdings auch die große Herausforderung des Projekts. „Es gibt Managementverfahren, die viel Positives bewirken. Die haben aber zugleich negative Nebeneffekte“, hält Härdtle fest und nennt ein Beispiel: „Dünger führt zu Stickstoffeinträgen in der Luft, dies ist absolut problematisch für derlei Landschaften. Wenn ich deren Auswirkungen entgegenwirken will, muss ich sehr spezielle Pflegeverfahren anwenden. Etwa Plaggenwirtschaft, also das Abtragen der gesamten Vegetation und Teilen des Oberbodens. Das ist aber zum einen sehr teuer, und zum anderen gelangt dann der Stickstoff, der vorher im System gehalten wurde, in das Grundwasser und verursacht dort eventuell eine erhöhte Stickstoffkontamination. Dies ist ein Problem, unter anderem auch weil Hamburg ein Drittel seines Grundwasserbedarfs in der Lüneburger Heide entnimmt. Managementverfahren erzeugen also Konflikte zwischen den verschiedenen Dienstleistungen, die die Landschaft erbringt, etwa zwischen der Kohlenstoffspeicherung und dem Stickstoffentzug oder zwischen dem Stickstoffentzug und dem Reinhalten des Grundwassers." 

Die Lüneburger Heide

"Und es gibt kein Managementverfahren", erklärt Werner Härdtle, "mit dem ich alle diese Dienstleistungen gleichermaßen fördern kann. Es gibt immer Verfahren, wo ich zwei, drei Dienstleistungen fördere, aber den anderen schade. Ein Kernziel des Projektes ist es, Maßnahmen so zu entwickeln, dass ich die Konflikte minimiere.“

Zwei Wege zum Schutz der Heide

Zum Erreichen dieses Ziels nutzt Härdtle zwei Methoden: „Zum einen modifizieren wir gängige Pflegeverfahren, zum Beispiel die Beweidung mit Heidschnucken. Man kann auch Mähverfahren variieren, indem man sie zum Beispiel nicht ganz so intensiv betreibt. Dadurch werden die Heidepflanzen in ihre Verjüngung zurückgeworfen und sind somit unempfindlicher gegenüber dem Klimawandel. Wir arbeiten auch an modifizierten Pflegeverfahren, um die Heidepflanzen stressresistenter zu machen. Zum anderen ist es das Betreiben von Öffentlichkeitsarbeit und das Kommunizieren der Projektziele. Es ist uns wichtig, die Öffentlichkeit einzubinden, um Transparenz dafür zu schaffen, was solche Managementverfahren bewirken können.“
Über die Forschung zum Schutz der Heide hinaus umfasst Härdtles Projekt noch eine ganze Reihe an weiteren alten Kulturlandschaften, darunter extensiv genutzte Ackerlandschaften, Dreesch-Äcker sowie alte Weidenlandschaften. All diese Lebensräume wären von Natur aus Wald, sind aber durch die Nutzung des Menschen über Jahrhunderte baumfrei geworden. 


Prof. Dr. Werner Härdtle ist seit 1997 Professor für Ökologie mit den Schwerpunkten Landschaftsökologie und Naturschutz am Institut für Ökologie. Zu seinen Forschungsgebieten zählen die Waldökologie und -dynamik, der Nährstoffhaushalt und die Nährstoffdynamik von Ökosystemen, insbesondere Wald und Heide. Darüber hinaus erforscht er die Beziehungen zwischen Biodiversität und Ökosystemfunktionen sowie verschiedene Landnutzungsformen und deren Einflüsse auf die Vegetation. 

Kontakt

Prof. Dr. Werner Härdtle
Scharnhorststr. 1, C13.103
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2842
Fax +49.4131.677-2808
werner.haerdtle@uni.leuphana.de


Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.