Meldungen aus der Forschung

PriMus praktiziert die Promotion im Museum

22.02.2017 Das Projekt „PriMus - Promovieren im Museum“ startete zum Januar an der Leuphana Universität Lüneburg. Dass man zu Beständen eines Museums promovieren kann, ist nicht neu, wohl aber die Art und Weise, wie es in den nächsten drei Jahren umgesetzt wird. Ziel des interdisziplinären Promotionsprogrammes ist es, ein museumsbezogenes Ausbildungsmodell zu implementieren, das Promotion und Bestandteile eines Museumsvolontariats verbindet, den Austausch zwischen kunst- und kulturwissenschaftlicher Forschung und Museen zu befördern und Museen verschiedenen Typs in einen wissenschaftlichen Dialog zu bringen.

Sechs Museen in der Hamburger Region nehmen Doktorandinnen und Doktoranden auf, die dort Praxiserfahrungen sammeln können und gleichzeitig eine Ausstellungskonzeption zu ihren Forschungsergebnissen erstellen. PriMus wird vom BMBF mit 1,3 Mio gefördert. Die Leiterinnen des Projekts, Prof. Dr. Beate Söntgen und Prof. Dr. Susanne Leeb, stellen im Interview ihren Anspruch an das neue Projekt vor.

Frau Prof. Dr. Söntgen, Frau Prof. Dr. Leeb, worin besteht die Notwendigkeit einer solchen Form der Promotion?

Prof. Dr. Beate Söntgen: Die Ausbildung der Fachkräfte, die in einem Museum arbeiten, ist derzeit sehr lang. Zuerst das Studium, dann die Promotion und anschließend das Volontariat. Das bedeutet nicht nur einen späten Eintritt in das Berufsleben. Auch reißt in der Zeit des Volontariats der Kontakt zur Forschung an der Universität ab, wie umgekehrt während der Promotion meist ein Austausch mit dem Museum fehlt. Wir wollen mit unserem Projekt Praxis und Forschung wieder enger zusammenbringen.

Prof. Dr. Susanne Leeb: Für jemanden, der oder die schon weiß, dass er oder sie gerne im Museum arbeiten möchte, ist dieses Modell ideal, weil die Praxisnähe während der gesamten Promotion besteht und man Einblick in die Anforderungen musealen Arbeitens erhält.

Welche Vorteile bringen der intensivierte Austausch zwischen Museen und Universität?

Prof. Dr. Susanne Leeb: Es gibt in Deutschland zwar sogenannte Forschungs-Museen, aber nur wenige tragen diesen spezifischen Status, mit dem sie Forschungsgelder beantragen können. Es gibt aber weitaus mehr Museumssammlungen, die ein großes Forschungspotential in sich tragen. Die Museumsmitarbeiter/innen sind von der wissenschaftlichen Ausbildung her natürlich geeignet, diese Forschung vorzunehmen, und sie findet auch immer wieder statt. Aber im normalen Museumsalltag fehlt dafür häufig Zeit und Geld, und Volontäre kommen selten dazu, eigene Projekte in ihrer Volontariatszeit zu verfolgen.

Prof. Dr. Beate Söntgen: Bei Kunstausstellungen ist es so, dass diese zwar in der Regel gut recherchiert sind. Die Zwänge der Besucherzahlen führen aber dazu, dass die Vermittlung an das Publikum häufig „kulinarisch“ ausfällt. Doch man kann auch wichtige Entdeckungen in der Forschung auf interessante Weise präsentieren. Welche Modelle die Museen bislang erarbeitet haben und wie sie erweitert werden können, ist ebenfalls eine Frage unseres Programms.

Was ist mit dem „kulturwissenschaftlichen Erzählen“ in Ausstellungen gemeint?

Prof. Dr. Susanne Leeb: Jede Ausstellung liefert auf die eine oder andere Weise eine Erzählung. Kulturwissenschaftlich heißt zum einen, den Fokus insgesamt stärker auf Kontexte zu richten, als dies normalerweise gerade in Kunstausstellungen der Fall ist. Die Fragen an das Material sollen eher aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektive gestellt werden. Andere Museumsparten sind damit ohnehin weitaus vertrauter, da sie ihre Exponate stärker in einem jeweiligen kulturellen Umfeld präsentieren. Zum anderen aber kann dies auch bedeuten, mit einer ganzen Bandbreite an Materialien die jeweiligen Forschungsergebnisse zu präsentieren: anhand von Kunst, Objekten, Dokumenten, Filmen, Texten, Grafiken etc. Daher sind auch die Anforderungen an die jeweiligen Museen unterschiedlich. Neue Erzählweisen in einem Kunstmuseum, in einem historischen Museum oder in einem Literaturmuseum sollen im Rahmen von PriMus von den DoktorandInnen gemeinsam mit den Museen entwickelt werden. Daher planen wir Workshops, um jeweils zu konkretisieren, was das für das jeweilige Forschungsprojekt genau heißen kann, und eine Tagung genau zu diesem Thema.

Es heißt, dass aktuelle Forschungsergebnisse durch das Projekt einem breiten Publikum (im Museum) vorgestellt werden. Sind damit die Ergebnisse aus den Promotionen gemeint oder weitere?

Prof. Dr. Beate Söntgen:  Ja, damit sind primär die Ergebnisse aus den einzelnen Promotionen gemeint. Das bedeutet aber nicht, dass sich in einer Dissertation und in einer Ausstellung, die die DoktoranInnen konzipieren sollen, genau dasselbe vermitteln lässt. Zu überlegen, was und wie etwas in einer Ausstellung zeigbar ist und worin ihr Mehrwert im Unterschied zu einem Buch besteht und umgekehrt, ist die Herausforderung, die sich den DoktorandInnen stellt.

v.l.n.r.: G.Diercks; A.Kipke; A.Völker; Dr. N.Samuel; Dr. E.Ruelfs; Prof. Dr. S.Leeb; Prof. Dr. B.Söntgen; Dr. J.Mähnert; J.Windmöller; I.Klinkenbusch; S.Regenbrecht; Dr. J. S.Kreiseler; Dr.M.Bertsch; E.Berroth; F.Takayanagi; Prof.Dr.B.Schmelz; Dr.J.Kokott
Sahra Kreiseler (PriMus Doktorandin am Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg) und Dr. Esther Ruelfs (Leiterin der Sammlung Fotografie und Medien, Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg)

Das Projekt verbindet den Erwerb eines Doktortitels mit dem einer dem Volontariat gleichwertigen beruflichen Qualifikation und validiert das innovative Ausbildungsmodell.“ Museen müssen meistens sparen. Heißt das, die Promovenden haben hinterher bessere Einstiegschancen im Museum? Als was könnten die dort arbeiten oder gibt es andere Berufsfelder?

Prof. Dr. Beate Söntgen:  Die heutige Realität sieht so aus, dass viele MuseumsmitarbeiterInnen über Werkverträge finanziert werden. Später bekommt man vielleicht eine Stelle als Kurator. Hierfür ist die Promotion aber bei sehr vielen Museen Voraussetzung. Mit unserem Ausbildungsmodell versuchen wir, die Zeit bis zu einer festen Anstellung zu verkürzen. Namhafte Museen haben uns in der Antragsstellung mit einem Schreiben unterstützt, weil sie diese Art der kombinierten Ausbildung sehr gut finden.

Prof. Dr. Susanne Leeb: Es gibt auch Skepsis gegenüber dem Modell. Viele MitarbeiterInnen in den Museen haben uns aber gesagt, dass sie sich genau so eine Verbindung von Wissenschaft und Praxis als leichteren Berufseinstieg in das Museum gewünscht hätten. Am Ende des Projektes werden wir sehen, ob sich das neue Modell bewähren kann. Die Ergebnisse werden in einem Handbuch veröffentlicht, um das Modell breiter implementierbar zu machen.

Die finanzielle Lage der Museen lässt kaum noch eigene Forschung zu; wie Sie schreiben, liegt diese bundesweit durchschnittlich nur bei 10%. Damit stünde der „Charakter des Museums“ in Frage. Als Lösung könnten Universitäten und Museen stärker miteinander kooperieren: Das Museum stellt die Sammlung, die Universitäten die Methodik und die Analyse aufgrund des aktuellen Forschungsstandes. War es für das Ministerium nie eine Option, die Museen in ihrer eigenen Forschung zu unterstützen? Dort arbeiten doch auch Wissenschaftler. Spielen hier denn nur die Kosten eine Rolle?

Prof. Dr. Susanne Leeb: Das ist tatsächlich hauptsächlich eine Etat-Frage. Es geht den Museen nicht viel anders als den Universitäten in Deutschland. Forschung kann meistens nur über Drittmittel finanziert werden. Vom Drittmittelgeber hängt es dann wiederum ab, welche Personen und Projekte gefördert werden. Wenn Museen und Universitäten sich hier mehr zusammentun, profitieren beide davon.

Prof. Dr. Beate Söntgen: Uns ist es wichtig zu betonen, dass der Wissenstransfer in beide Richtungen geht, also aus der universitären Forschung in die Museen und umgekehrt. Es ist also ein Austausch zwischen gleichberechtigten PartnerInnen. Immer wieder ist die Rede davon, dass in den Museen nicht mehr geforscht werden kann. Aber die Wissensformen des Museums werden in der Universität immer noch viel zu wenig eingesetzt.

 

Vielen Dank für das Gespräch!


Kontakt

Prof. Dr. Susanne Leeb
Universitätsallee 1, C5.410
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2761
susanne.leeb@leuphana.de

Prof. Dr. Beate Söntgen
Universitätsallee 1, C5.409
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1696
beate.soentgen@leuphana.de


Redaktion: Julia Graßhoff, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.