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10 Minuten Soziologie: Zeit zum Querdenken

18.04.2017 Was es mit der Materialität der Terra auf sich hat, erfuhren die Besucherinnen und Besucher der Auftaktveranstaltung zur neuen Vortragsreihe „10 Minuten Soziologie“. In diesem Semester zum Rahmenthema „Materialität“ gibt es immer donnerstags von 12.00 bis 12.10 Uhr in Hörsaal 2 einen „soziologischen Blick“. Die Vorlesungsreihe wird vom Institut für Soziologie und Kulturorganisation unter der Leitung von Frau Professorin Dr. Anna Henkel organisiert, die in der ersten Vorlesungswoche den Eröffnungsvortrag hielt.

Dr. Anna Henkel beim Auftaktvortrag der Reihe "10 Minuten Soziologie".

Frau Professorin Henkel, in Ihrem Vortrag geht es um den Begriff „Terra“, also Erde oder Boden. Gleichzeitig sprechen Sie von dem „Hauptstadtbarsch“. Was haben die beiden Begriffe miteinander zu tun? 

Anna Henkel: Der sogenannte „Hauptstadtbarsch“ wird seit einigen Jahren in Berlin gezüchtet. Mit „Boden“ hat er zwar gerade nichts zu tun – aber weil die Moderne zwischen Boden, kartierter Fläche und mineralischem Pflanzenwachstum trennt, kommt der Barsch dann doch ins Spiel. Denn die Aufzucht dieser Fische in einer Aquakultur wird mit einer Tomaten-Hydrokultur verbunden. Der Barsch ist die Grundlage für das „bodenlose Pflanzenwachstum“ – Pflanzenwachstum zwar ohne Boden, aber doch mit „Terra“ als das separierte mineralische Pflanzenwachstum. Die Zucht des „Hauptstadtbarsches“ ist ein gutes Beispiel für diesen kontraintuitiven Zugriff auf „Terra“ und steht damit für das, was wir mit den „10 Minuten Soziologie“ möchten: zum Querdenken anregen.

 

An der Leuphana gibt es seit 20 Jahren das Pausenformat „10 Minuten Philosophie“. Was hat Sie inspiriert, nun auch „10 Minuten Soziologie“ ins Leben zu rufen?

Anna Henkel: Ich finde das „10 Minuten“-Format großartig. Die knappe Zeit zwingt dazu, die Inhalte zu kondensieren. Es gelingt, Kolleginnen und Kollegen, Studierenden sowie auch Fachfremden Einblicke in die eigene Forschung zu gewähren. Das „10 Minuten“- Format ist zudem eine ideale Möglichkeit zu zeigen, was die Soziologie alles kann: Die Soziologie hilft bei der Auseinandersetzung mit konkreten gesellschaftlichen Herausforderungen wie Materialität, Fakten oder Mobilität und hat ein breites Spektrum an Analyseperspektiven, um gesellschaftliche Phänomene zu beleuchten – auch als Kontrapunkt gegenüber antiwissenschaftlichen und populistischen Tendenzen.

 

Wie sieht das Konzept „10 Minuten Soziologie“ aus?

Anna Henkel: Wir haben in jedem Semester ein Oberthema. Jetzt ist es „Materialität“; im Wintersemester vermutlich „Fakten“. Idee dieser Reihe ist es, eine theoretische Perspektive zu wählen, beispielsweise die historisch-semantische Analyse. Damit soll dann ein empirischer Fall idealerweise überraschend aufgeschlüsselt werden. In diesem Semester sind solche empirischen Fälle zum Beispiel Weltraum, Stadt oder Liebe. Damit ist das Konzept der „10 Minuten Soziologie“ ganz nah an der klassischen soziologischen Vorgehensweise in der theoriegeleiteten, empirischen Forschung.

 

Warum haben Sie als erstes Oberthema der Reihe den Begriff der „Materialität“ gewählt?

Anna Henkel: Zunächst ist Materialität Kern meiner aktuellen Forschung – das Buch zur „Materialität der Gesellschaft“ erscheint hoffentlich dieses Jahr. Gleichzeitig ist Materialität eines dieser etwas quer liegenden Bezugsthemen. Die Reihe will gerade nicht auf die klassischen Begriffe der Soziologie, also etwa Struktur oder Gesellschaft, fokussieren. Es geht vielmehr darum, die eigene Alltagswelt anders anzuschauen und zu hinterfragen, was es mit scheinbaren Selbstverständlichkeiten wie Materialität, Fakten oder Mobilität auf sich hat. Eine thematische Klammer – in diesem Semester eben Materialität – erlaubt dabei, heterogene Perspektiven und Phänomene in Vergleich zu setzen. Um das zu realisieren, greifen wir bei der Zusammenstellung des Programms auf das breite soziologische Spektrum der Leuphana zurück; außerdem bringen Gastreferenten neue Eindrücke und Denkmodelle in die Reihe. 

 

Was möchten Sie, dass die Zuhörer und Zuhörerinnen aus den „10 Minuten Soziologie“ mitnehmen?

Anna Henkel: Ich möchte zu einem soziologischen Blick einladen und anregen, soziale „Tatsachen“ bewusst zu hinterfragen. Denn häufig denkt man: Das ist jetzt so! Aber wenn man die Prämisse ändert, stellt sich dieselbe Tatsache ganz anders dar. Es ist also die Einladung, einen kritischen Blick für das Auch-anders-möglich-Sein sozialer Tatsachen zu üben – und damit die Einladung zu einer kritisch-neugierigen Haltung.  

 

Ein Leitbild der Leuphana ist der Humanismus. Wie fügt sich die Vortragsreihe „10 Minuten Soziologie“ dort hinein? 

Anna Henkel: Anfang des 21. Jahrhunderts ist eine Definition von „Humanismus“ schwierig. Gesellschaftstheoretisch betrachtet ist Humanismus eine Semantik der modernen Gesellschaft, mit der sie sich selbst beschreibt als „aus Menschen bestehend“ – aus allen, aber eben auch nur aus Menschen. Tiere und Bäume, oder auch Engel und Geister gehören also nicht dazu, wohl aber Menschen jeden Geschlechts, Alters, etc. Ich denke, diese Prämisse ist zentral für die Funktionsfähigkeit moderner Institutionen. Gleichzeitig ist die moderne Gesellschaft zunehmend mit Problemen konfrontiert, die eben nicht ohne Weiteres auf das Handeln einzelner Menschen kausal zurechenbar sind und bei denen Technik im weitesten Sinne jedenfalls mitwirkt. Es gibt inzwischen einen ganzen „post-humanism“ Diskurs zu Cyborgs, technischen Agenten und anderen nicht-menschlichen Akteuren. Gerade wenn man – mit Hilfe eines „soziologischen Blicks“ – die Bedingungen normativer Annahmen einschließlich ihrer Grenzen sowie komplexe Systemdynamiken versteht, stellt sich die Frage, wie ein Humanismus im „post-humanistischen“ Zeitalter aussehen kann. Dinge anders zu denken und kritisch zu hinterfragen, bliebe jedenfalls eine „humanistische“ Denkgeste – vielleicht können die „10 Minuten Soziologie“ ein bisschen dazu beitragen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.


Prof. Dr. Anna Henkel
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Autorin: Marietta Hülsmann, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.