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Bildung bewegt: Sportwissenschaftlerin Jessica Süßenbach im Portrait

03.05.2017 „Die Mädchen an die Turngeräte, die Jungs zu den Fußbällen!“ Im Schulsportunterricht werden die Rollen oft noch klar verteilt. Doch diese strikte Zuweisung beschränkt die Entwicklungspotentiale der Kinder. Entfaltung jenseits von Geschlechterstereotypen – das ist ein Kernbereich der Professorin für Sportpädagogik und Sportdidaktik Jessica Süßenbach. Ende vergangenen Jahres ist sie von der Universität Duisburg-Essen an die Leuphana gewechselt.

Die Sportwissenschaftlerin Süßenbach im Portrait.

Mädchensport und Jungensport – als Kind hat Jessica Süßenbach diese Einteilung gar nicht gemocht. „Ich fand es immer gut, wenn ich im Sportunterricht nicht nur beim Turnen dabei sein musste. Ich habe mich stattdessen gerne mit den Jungs zum Beispiel im Basketball gemessen“, erinnert sich die 47-jährige an ihre Schulzeit in Hamburg. 
In ihrer Dissertation hat sich die Sportexpertin diesem Thema im wissenschaftlichen Kontext gewidmet. In „Mädchen im Sportspiel: Analysen zur Identitätsentwicklung im Jugendalter“ geht sie der Frage nach, inwiefern jugendliche Mädchen in ihrer Entwicklung von Sportspielen (z.B. Fuß-, Hand- oder Basketball) profitieren können.
Mit Blick auf die traditionell als männlich etikettierten Spiele analysiert sie gleichzeitig deren Widersprüchlichkeit. Als Beispiel nennt die Professorin den Frauenfußball: Sportlerinnen wollen als Frauen anerkannt werden, obwohl sie sich in einem von Männern dominierten Feld bewegen. „Wir kennen das ja“, veranschaulicht Süßenbach, „Spielerinnen lassen sich im Playboy ablichten um zu beweisen: Ich bin zwar Fußballerin, habe trotzdem weibliche Reize."

Bildung über Sport

Seit Oktober 2016 ist Jessica Süßenbach Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Durch ein aktuelles Projekt steht sie mit ihrer alten Heimat Essen aber noch in Verbindung. In Kooperation mit der Universität Duisburg-Essen forscht sie zum Thema „Sprachsensibler Schulsport mit neu Zugewanderten“. Ein dazu in Essen entwickeltes Konzept findet in Lüneburg seine konkrete Fortsetzung. „Jeden Dienstag kommt eine 3. Klasse der Anne Frank Grundschule für den Sportunterricht zu uns auf den Campus, unter den Schülern sind auch zwei syrische Kinder “, erklärt Süßenbach. Ihnen bringen Studierende der Leuphana die deutsche Sprache auf eine körperlich spürbare Art und Weise näher. Der Gedanke dahinter: Bewegung dient als Sprachanlass, Spiel und Sport funktionieren als Türöffner für das Lernen von Sprache. Statt Begriffe an die Tafel zu schreiben, werden Wörter erlebt. „Die Kinder verbalisieren beispielsweise ihre Bewegungen und erweitern dadurch ihren Wortschatz“, erläutert die Sportpädagogin. Sie gehen, schleichen, hopsen oder springen und sprechen gleichzeitig diese Begriffe aus. Am Anfang und gegen Ende des Unterrichts setzen sich die Studierenden mit den Kindern in Ruhe zusammen.
Dann geht es um mehr als einzelne Wörter: Die Schüler_innen können Spielregeln und Abläufe erklären und erfragen. Auch dieser Teil des Sportunterrichts soll die Sprachentwicklung unterstützen. „Es geht um die Frage, wie Sprachvermittlung eingängig sein kann“, sagt Süßenbach und betont: „Sport ist mit Gefühlen besetzt, und emotionales Lernen prägt sich besonders ein – das bestätigt auch die Wissenschaft.“ Gleichzeitig ist ihr wichtig: „Die Bewegung steht immer im Mittelpunkt."

Inklusion als Herausforderung

Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Forschungsarbeit ist das Thema Inklusion im Schulsport. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen hat 2006 die Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung verabschiedet, was im schulischen Alltag bedeutet: Kinder sollen unabhängig von Geschlecht, Alter, Bildung oder eventuellen Behinderungen gleichberechtigt am Unterricht teilnehmen.  Dies gilt auch für das Fach Sport, wozu es unterschiedliche inklusionssensible Konzepte gibt.
In zwei Studien setzt sich Prof.in Dr.in Jessica Süßenbach damit auseinander, ein Forschungsschwerpunkt ist dabei die Entwicklung von universitären Lehrkonzeptionen. Angehende Lehrer_innen müssen so ausgebildet werden, dass sie auf einen inklusiven Sportunterricht vorbereitet sind. „Was das anbelangt, haben sowohl Schulen als auch Universitäten noch Entwicklungsbedarf,“ drängt die Sportwissenschaftlerin. Ideen und Konzepte für einen inklusiven Sportunterricht gibt es also. Zum Beispiel Ballspiele, in denen für alle Schüler_innen Nicht-Angriffszonen eingerichtet werden. In diesen Zonen hat jedes Kind ausreichend Zeit, einen Ball alleine anzunehmen, sich neu aufzustellen, eine_n andere_n Spieler_in zu finden und erst dann zu schießen. „Mit entsprechenden Regel-, Material- oder Spielfeldveränderungen kann ein spannendes Spiel ermöglicht werden,“ sagt Süßenbach, „diese Konzepte müssen aber auch im Alltag stattfinden."

Es hapert oft an der Umsetzung

Gleichberechtige Partizipation am Unterricht – ein Ideal, das nicht mit einer guten Lehrer_innenausbildung allein gelöst werden kann. Denn im Rahmen der Ganztagsbildung an deutschen Schulen gibt es zunehmend Akteure_innen, die sich im Sportunterricht engagieren und nicht aus den Universitäten kommen. Schulkooperationen mit Vereinen ermöglichen auf der einen Seite ein breites, sportliches Angebot. Auf der anderen Seite haben Trainer_innen oft tradierte Vorstellungen darüber, wie der Unterricht aussehen soll. In einer kürzlich abgeschlossenen Evaluation hat sich Süßenbach im Auftrag des Landessportbundes Niedersachsen ein genaues Bild von den Sportangeboten in Ganztagsschulen gemacht: „Ich habe einmal mit einem Trainer gesprochen, der in einer Grundschule ein getrenntes Fußballangebot für Mädchen und Jungen angeboten hat“, erinnert sie sich. „Ich habe ihn gefragt, wie er damit umgehen will, dass die Jungengruppe so groß ist. Seine Antwort darauf: ,Naja, Sie haben ja gesehen, dass da einige Jungs nicht so gut sind. Die kommen dann einfach in die Mädchengruppe.'" Nach Erfahrung der Sportwissenschaftlerin gehört diese Vorstellung von Unterrichtsgestaltung zum Alltag an den Ganztagsschulen. Dabei ist das Ziel, dass sowohl Jungen als auch Mädchen die gesamte Sportkultur angeboten wird. „Sie müssen gefördert und gefordert werden, damit ihnen alle Entfaltungsmöglichkeiten offen stehen“, fordert die Wissenschaftlerin.  Eine enge, qualitative Vernetzung aller Akteuren_innen und die Schulung von Übungsleitern_innen seien deshalb sinnvoll und notwendig.

Reisen und Sport

Das Thema Sport steht nicht nur im beruflichen Kontext im Vordergrund, Jessica Süßenbach ist im wahrsten Sinne des Wortes immer in Bewegung: Wenn sie nicht gerade in der Uni ist, spielt sie Tennis, joggt oder fährt Rad. Ähnlich aktiv sehen auch ihre Urlaube aus. „Mallorca am Strand? – Undenkbar!“ lacht sie. Aktiv-Reisen in ferne Länder und Regionen wie Nepal oder Patagonien, das ist eher ihr Ding. „Die Urlaube sind mal mehr, mal weniger gut organisiert“, sagt sie. „Ein bisschen Ungewissheit im Leben finde ich ganz gut.“ Im Alltag dann aber doch eine stabile Basis zu haben, das weiß sie gleichzeitig zu schätzen. „Die Leuphana Universität Lüneburg bietet mir verlässliche Strukturen, sie ist sehr gut organisiert“, resümiert Süßenbach nach etwa einem halben Jahr Uni-Leben. Hier kann sie auch weiterhin ihre Überzeugungen und Ideen verfolgen und weitergeben: „Wenn Kinder Freude an Bewegung und Erfolg im Sportunterricht haben, wenn sie sich zugehörig und wertgeschätzt fühlen, dann haben wir im Bildungsbereich hervorragende Lernvoraussetzungen“, betont sie.


Prof. Dr. Jessica Süßenbach
Universitätsallee 1, C16.106b
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2790
jessica.suessenbach@leuphana.de


Autorin: Urte Modlich, Redaktion: Ann Cathrin Frank, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.