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Gender Studies: Dr. Ben Trott im Gespräch

22.05.2017 Was meint queer? Was ist Homonormativität? Ist Repression immer noch ein Thema? Der Gastwissenschaftler und Genderforscher Dr. Ben Trott spricht über aktuelle Fragen der Gender und Queer Studies und den Aufenthalt an der Leuphana.

Warum haben Sie die Leuphana gewählt und wie gefällt es Ihnen hier?

Ben Trott: Eines der Charakteristika der Leuphana ist die Interdisziplinarität. Das unterscheidet sie von vielen anderen Universitäten in Deutschland. Studierende haben hier die Möglichkeit über den Tellerrand in andere Wissensgebiete zu schauen und besitzen viel Freiheit ihr Studium selbst zu gestalten. Die Art, wie die Fakultäten organisiert sind, fördert zudem die interdisziplinäre Forschung und bringt Wissenschaftler_innen aus unterschiedlichen Gebieten zusammen. All das macht die Leuphana zu einem großartigen Ort, um hier zu arbeiten.Teil meiner Verantwortung liegt in der Weiterentwicklung des neuen Geschlechter- und Diversitätsforschungsnetzwerks. Eines der Ziele ist es, die Zusammenarbeit von Fakultäten und Studierenden auszubauen, die auf diesem Gebiet arbeiten. Das Netzwerk ist gerade erst ein Jahr alt und es ist in dieser Beziehung auch schon einiges passiert. 2016 hat das Netzwerk eine Reihe von Diskussionsrunden über Bedeutung, Schwerpunkte, Herausforderungen und verschiedene Ansätze der Geschlechter- und Diversitätsforschung veranstaltet. Jeden Mittwoch gibt es das Format 10 Minuten – die den Unterschied machen, wo Mitglieder des Netzwerks Kurzvorträge über ihre Forschung geben. Und eine monatliche Lesegruppe schaut sich neue kritische Arbeiten aus dem Feld an, die möglicherweise von interdisziplinärem Interesse sind. Das Netzwerk zielt außerdem darauf ab, Verbindungen und Möglichkeiten für die Zusammenarbeit außerhalb der Universität zu schaffen. Es ist LAGEN (Landesarbeitsgemeinschaft der Einrichtungen für Frauen- und Geschlechterforschung in Niedersachsen) beigetreten, die sich verpflichtet hat, die regionale Koordinierung zwischen Gender-Studies-Wissenschaftler_innen und jenen, die in verwandten Disziplinen arbeiten, zu verbessern. Einige Mitglieder der Fakultät haben in diesem Jahr bei der LAGEN-Konferenz in Hannover über die „Politik der Reproduktion“ Vorträge gehalten. Zudem veranstaltet das Netzwerk aktuell eine internationale Vorlesungsreihe zu Work, Gender, and Social Reproduction.

Was ist Homonormativität?

Ben Trott: Es könnte hilfreich sein, wenn ich zunächst “Heteronormativität” definiere. Dieser Begriff wurde in den frühen Neunziger Jahren von Queer-Theoretiker_innen verwendet, um zu zeigen, wie Heterosexualität als eine unmarkierte Norm funktioniert. So wird prinzipiell erst einmal vermutet, jemand sei heterosexuell, solange es nichts gibt, das konkret auf etwas anders hindeutet. Zudem problematisiert der Begriff Heteronormativität, wie Heterosexualität als ein Ideal eingesetzt oder auf bestimmte Weisen privilegiert wird. “Homonormativtät” weicht in seinen Bedeutungen hiervon etwas ab. Ursprünglich sollte damit gezeigt werden, wie bestimmte Gendernormen im schwul-lesbischen-Kontext reproduziert und andere damit ausgeschlossen oder herabgewürdigt werden. Die Historikerin Susan Stryker weist darauf hin, dass „Homonormativität“ in den frühen Neunziger Jahren in Bezug auf Schwule und Lesben verwendet wurde, die sich zwar für queere Politik einsetzten, hierbei aber transgender Anliegen ablehnend gegenüberstanden. In jüngerer Zeit allerdings wird die Vorstellung von “Homonormativität” meist mit Lisa Duggans Verwendung des Begriffs assoziiert. Namentlich wird damit beschrieben, wie queere Bewegungen und Communities sich zunehmend entpolitisiert haben und einige Schwule und Lesben dominante Annahmen und Institutionen nicht nur nicht länger untergraben, sondern sie vielmehr unterstützen oder sogar in sie assimiliert werden wollen.

Ist “queer” etwas, was man ist oder etwas, was man tut?

Ben Trott: Wenn wir Wittgensteins Ansatz akzeptieren, dass die Bedeutung eines Wortes grundsätzlich dem Sprachgebrauch entspricht, dann entsteht hier eine gewisse Spannung. Auf der einen Seite benutzen einige den Begriff, um sich zu beschreiben. Wenn sie das tun, heißt das in der Regel, dass sie sich als lesbisch, schwul oder bisexuell sehen oder ein Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, trans Personen, intersexuellen Menschen und anderen ausdrücken. Aber zu sagen, man sei „queer“ kann auf der anderen Seite auch heißen, dass es schwierig auszudrücken ist, was jemand ist. Es kann ein Weg sein, zu sagen, dass du dich selbst nicht so siehst, wie andere es dir sagen oder dass es nicht nur einen einzigen Weg gibt, dein Geschlecht oder deine Sexualität zu signifizieren. Manchmal kann es sehr wichtig für eine Person sein, das Recht zu haben so gesehen zu werden wie man auch selbst gesehen werden möchte. Manchmal aber, kann es sein, dass man die Notwendigkeit, sich als etwas zu beschreiben und festzulegen, ablehnt, insbesondere wenn die zur Verfügung stehenden Optionen sehr restriktiv erscheinen. Das meinen manchmal Leute, wenn sie sagen, „queer“ sei etwas, das man „tut“: sich dazwischen bewegen, sich des-identifizieren, irritieren oder versuchen, dem zu entkommen, von dem uns gesagt wird, dass wir das sind (oder zu sein haben). 

Während der Startwoche 2016 wurde an der Universität eine lebhafte Debatte über das Für und Wider von geschlechtsneutralen Toiletten geführt. Was ist Ihre Meinung?

Ben Trott: Das Thema wird teilweise als trivial angesehen, aber es ist sehr wesentlich. Zugang zu Toiletten ist Teil dessen, was auch den Zugang zu öffentlichen Räumen ermöglicht, also auch zu Arbeit oder Studium. „All-gender-bathrooms“ wurden an der Universität zusätzlich zu den geschlechtsgetrennten Toiletten eingeführt. Diese Maßnahme macht eine Teilhabe für Menschen einfacher, die sich nicht als männlich oder weiblich, nicht als Mann oder Frau verstehen. Sie sollten allein aus diesem Grund willkommen geheißen werden. Aber es ist auch wichtig zu sehen, dass öffentliche Toiletten Orte sind, an denen die Gendernormen oft streng überwacht werden. Trans Menschen, androgyne Personen, aber auch Menschen mit nicht normativen geschlechtlichen Ausdrucksweisen können sich Verwirrung und Feindseligkeit gegenüber sehen. (Im Buch Female Masculinity, behandelt Jack Halberstam all diese Themen.) All-gender-bathrooms können helfen, all dies zu vermeiden.

Man sollte auch im Kopf behalten, dass es nichts „Natürliches“ an geschlechtsgetrennten Toiletten gibt. Die Frage, wer Zutritt zu welchen Toiletten erhält, ist stets ein Schlüssel zum Erhalt verschiedener sozialer Hierarchien gewesen. Terry S. Kogan hat die Geschichte der geschlechtsgetrennten Toiletten in den USA studiert und gezeigt, wie es hierbei großsteils darum ging, Frauen die volle Integration ins öffentliche Leben zu verwehren und die Ideologie „getrennter Sphären“ zu erhalten, die im Haushalt den eigentlichen Platz von Frauen sah. In den USA dienten öffentliche Toiletten auch der rassistischen Segregation. Und in den Anfängen der AIDS-Krise wurden aufgrund irrationaler Ansteckungsängste als homosexuell wahrgenommene Männer oft aus den Toiletten geworfen. Behinderten-Aktivist_innen und Wissenschaftler_innen der Disability Studies haben zudem viel getan, um zu zeigen wie Architektur – inklusive Toiletten-Architektur – bestimmte Körper vom öffentlichen Raum ausschließen kann. Kathi Weeks hat gerade eine Sammlung von Essays zum Thema “The Politics of the Public Toilet” herausgegeben, die viele dieser Fragen aufgreift, veröffentlicht bei South Atlantic Quarterly.

Ist Repression immer noch ein Thema, wenn man daran denkt, dass wir in vergleichsweise toleranten Zeiten leben?

Ben Trott: Ja, teilweise haben Sie sicher recht. Wir leben in vergleichsweise toleranten Zeiten, jedenfalls was Queer- und LGBT-Themen betrifft. Volle rechtliche Gleichheit ist jedoch in vieler Hinsicht noch weit weg, etwa wenn gleichgeschlechtliche Paare immer noch nicht heiraten dürfen. Viele LGBT-Menschen sind auch nach wie vor Stigmatisierung ausgesetzt. In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern dürfen Männer, die Sex mit Männern haben, kein Blut spenden. Sie gelten pauschal als sogenannte „Risikogruppe“, während andere Spender_innen individuell auf ein mögliches Risiko hin durchleuchtet werden. Und trotz größerer rechtlicher Gleichstellung kommt es vielerorts zu erhöhter Gewalt.2016 sind die homophob-motivierten Verbrechen in Deutschland um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen.

In England und Wales spricht die Polizei von einem Anstieg sexualitätsbezogener Hasskriminalität um 29 Prozent von 2014/15 auf 2015/16. Die britische Wohlfahrtsorganisation „Galop“ meldete in den drei Monaten nach der Brexit-Entscheidung einen Anstieg um 147 Prozent bei den Hass-Verbrechen gegen LGBT-Menschen. Bei der Frage, ob Repression weiterhin ein Thema ist, bin ich mir nicht sicher, ob ich diesen Begriff wählen würde. Es impliziert eine Art von Verbot und es scheint heute mehr Menschen zu geben, die sich als LGBT outen können. Dennoch spielen Scham und Angst immer noch eine große Rolle. Didier Eribon bringt ein überzeugendes Argument in seinem Buch “Insult and the Making of the Gay Self”. Er sagt, dass Schwule in einer Welt voller Beleidigungen leben und dies ihr Selbstbild formen würde. Beleidigend seien nicht nur die expliziten Ausdrücke, sondern auch Andeutungen, Anspielungen, Metaphern und bestimmte Formen der Ironie. Für Eribon sind Beleidigungen „performativ“.

Sie weisen der Person, die sie beleidigen, durch die Beleidigungen und die Angst, die sie verbreiten, einen bestimmten abgetrennten und stigmatisierten Platz in der Gesellschaft zu. Diese Abgrenzung wird dann von den beleidigten Menschen internalisiert. “Beleidigungen sagen mir was ich bin” sagt er, “bis zu dem Ausmaß, dass ich zu dem werde, was sie über mich sagen.“2013 berichtete die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte, dass 90 Prozent der Befragten homophobe Kommentare oder homophobes Verhalten an der Schule erlebt haben. Es ist wahrscheinlich die Häufigkeit der Beleidigungen – genauso wie die Angst vor Gewalt – die die Tatsache erklärt, dass 68% der Befragten angaben, zu diesem Zeitpunkt ihres Lebens völlig oder oft versteckt schwul, lesbisch oder bisexuell zu leben. 

Stagniert der Prozess des “de-gender-izing“? Beispielsweise sind die meisten Soldaten immer noch Männer und die meisten Menschen, die im Kindergarten arbeiten, Frauen. 

Ben Trott: Berufe und ökonomische Bereiche bleiben hinsichtlich Geschlecht schon weiterhin ziemlich segregiert. „UN Frauen“ hat zudem 2016 gemeldet, dass Frauen weltweit durchschnittlich etwa 24% weniger verdienen als Männer und es weniger wahrscheinlich ist, dass sie eine Rente bekommen. „Race“, Ethnie, Klasse, Bürgerstatus und andere Faktoren prägen auch weiterhin die Höhe des Einkommens, der Berufsmöglichkeiten und das Feld in dem man arbeitet. Zudem entscheiden sie oft darüber, ob jemand in der informellen Ökonomie arbeitet oder nicht, wo Arbeitsschutz und gesetzliche Richtlinien oft fehlen.Unbezahlte Arbeit bleibt auch stark „gegendert“. „UN Frauen“ fand auch heraus, dass Frauen durchschnittlich 2,5 mal mehr unbezahlte Haus- und Sorgearbeit leisten als Männer. Es gibt hier allerdings signifikante Unterschiede zwischen und innerhalb von Ländern. Die Menge und Art von unbezahlter Arbeit ist wieder beeinflusst vom Einkommen, dem Ort, der Geografie, der Klasse, Kaste, „Race“ und Ethnizität genauso wie von der öffentliche Versorgung durch Wasser, Energie, Gesundheitsversorgung, Kanalisation und von anderen Diensten.

Welche Möglichkeiten, Mittel und Werkzeuge gibt es, um den Kampf für Gleichheit zu unterstützen?

Ben Trott: Ich denke, die Frage von Zusammenschlüssen und Bündnissen ist vielleicht die wichtigste. Wir müssen dringend heterogene, demokratisch soziale und politische Projekte, Bewegungen und Initiativen entwickeln, die soziale, politische und ökonomische Hierarchien angehen. Das wird gebraucht, um den vielen nativistischen, rassistischen und reaktionären Bewegungen entgegenzutreten. Aber dies ist zum Scheitern verurteilt, solange es nicht gelingt, zugleich neue soziale, politische und wirtschaftliche Modelle zu entwerfen und entwickeln; neue Weisen zueinander in Beziehung zu treten und neue Narrative darüber, was ein gutes Zusammenleben bedeutet.

Es lohnt sich aber auch zu fragen, worüber wir sprechen, wenn wir über Gleichheit reden. Wir können davon profitieren, wenn wir breiter darüber nachdenken, als wir es oft tun. Wir sollten uns beispielsweise fragen: Wie gehen wir das Problem an, dass unterschiedliche Tätigkeiten verschieden gewertschätzt werden – oft auf der Basis dessen, wer diese Aufgaben traditionell ausgeführt hat? Wie gestalten wir eine Situation, mit anderen Worten, in der notwendige Dinge wie Sorgearbeit weniger abgewertet werden – sowohl sozial und kulturell als auch ökonomisch?

Wir sollten in jedem Fall versuchen, gleichen Zugang für LGBT-Menschen zu sozialen sowie politischen Rechten und zu ökonomischer Sicherheit zu sichern. Aber wir sollten auch darüber nachdenken, wie wir dies auf eine Weise tun, dass queere Beziehungsweisen, queere Intimitäten und queere Formen der Verwandtschaft, die in der Institution der Ehe oder den Zeitlichkeiten der normativen Heterosexualität nicht aufgehen, Anerkennung finden. Gleichheit muss auch ein gleiches Recht bedeuten, selbst zu bestimmen, auf welche Rechte wir ein Recht haben. 

Vielen Dank für das Gespräch!


Weitere Informationen

Kontakt

Dr. Ben Trott
Universitätsallee 1, C5.330
21335 Lüneburg
ben.trott@leuphana.de


Das Interview führten Martin Gierczak und Marietta Hülsmann, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.