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Prof. Dr. Ulf Wuggenig: Die Kunst, nicht zu vergessen

04.07.2017 „Es waren Greise, Kinder, und Frauen. Sie sind verhungert, verdurstet, erfroren oder wurden ermordet“, berichtet Professor Dr. Ulf Wuggenig und zeigt im Kunstraum der Leuphana auf einer Landkarte den weißrussischen Ort Osaritschi. Die 9. Armee der deutschen Wehrmacht hatte Menschen dort interniert. Als Arbeitskräfte waren sie ihnen zu schwach oder nicht verwertbar, zugleich erschienen sie als „unnütze Esser“. Die Gefangenen vegetierten auf von Stacheldraht umzäunten Wiesen beziehungsweise Waldflächen. Seuchen brachen aus. Im März 1944 endete das Grauen: Die Rote Armee befreite die 33 000 Gefangenen - fand aber auch mindestens 9000 Tote. „Osaritschi gilt als das größte Kriegsverbrechen der Wehrmacht an der Ostfront. Begangen wurde es von Soldaten aufgestellt in der Kaserne, die heute die Leuphana beherbergt“, sagt der Kunstsoziologe und Dekan der kulturwissenschaftlichen Fakultät Wuggenig. Er möchte, dass die Verbrechen der Nazis nicht vergessen oder gar vertuscht werden. Deshalb forscht er und deshalb hat er die dreiteilige Ausstellung „Hinterbühne“ mit organisiert. Der Titel irritiert zunächst, macht aber auch klar: Hier wird das in den Vordergrund gestellt, was bisher nicht genug im Fokus war.

Der Kampf gegen den Faschismus und die Aufklärung der NS-Vergangenheit waren für Wuggenig früh ein Thema. Noch als Schüler besuchte er 1967 Paris, kurz vor den Studentenprotesten im Mai 1968. Freunde von ihm studierten in Nanterre, der Universität, von der die 68er-Bewegung ausging. Bereits als Teenager war Wuggenig klar, welche generationsprägenden Auswirkungen diese Proteste haben würden: „Ich war aufmerksam genug um zu sehen, was da passierte“, erinnert er sich. 

Als Wuggenig sich nicht viel später in Wien für Soziologie, Philosophie, Wirtschaft und Politik einschrieb, war er auch politisch aktiv. Er ging zu Demonstrationen gegen den spanischen Diktator Franco, protestierte gegen den Faschismus und wollte an der Uni nicht nur Fakten lernen, sondern selbst denken. „Ein Professor der Wirtschaftswissenschaft las damals einfach nur aus dem Lehrbuch Wöhe vor. So hatte ich mir akademische Lehre nicht vorgestellt“ erinnert sich Wuggenig. Deshalb zog er sich aus diesem Fach zurück und fokussierte sich mehr auf seine gesellschaftspolitischen Studienfächer. 

Nicht nur die 68er-Bewegung prägte ihn, auch seine Freundschaften zu Menschen jüdischen Glaubens. Doch auch die, mit denen er nicht einverstanden war und ist, beeinflussten sein Wirken: „Jörg Haider war mein Jahrgang und hatte auch an der Uni Wien studiert. Seine Politik war wie das Denken der 68er aus der Studentenbewegung erwachsen“, erklärt Wuggenig. Gerade der „Austro-Faschismus“ beängstigt den Kultursoziologen. „In Deutschland ist die AfD weit mehr diskreditiert als die Rechtspopulisten in Österreich“, sagt Wuggenig. Dass dies so bleibt, ist eines seiner Ziele. Deshalb arbeitet er gegen das Vergessen. Wuggenig wehrt sich dagegen, die heutigen Universitätsgebäude der Leuphana als Bauten der Weimarer Republik zu bezeichnen, wie es einige Studierende ihm gegenüber getan hätten.
„Es ist eine Nazi-Kaserne“, konstatiert Wuggenig. 

Er spricht pointiert und unmissverständlich. Das bringt ihm nicht nur Freunde ein: Kürzlich bekam der gebürtige Österreicher Post von einem pensionierten Juristen, der sich darüber empörte, dass Wuggenig kein „Volksdeutscher“ sei, aber dennoch Dekan der kulturwissenschaftlichen Fakultät. Solche rassistischen Beleidigungen prallen an Wuggenig ab. „Das ist mir zu randständig“, erklärt der Wissenschaftler. Vielmehr interessieren ihn gesamtgesellschaftliche Prozesse, genauso wie ihn der wachsende Rechtspopulismus beunruhigt. Die Kulturwissenschaft ist sein Vehikel, diese Veränderungen historisch einzuordnen. „Ihr ist das kulturelle Gedächtnis zentral“, definiert Wuggenig.

Die Ausstellung "Hinterbühne III" erinnert an die Verbrechen.
Prof. Dr. Ulf Wuggenig wehrt sich gegen das Vergessen.

Mit der Ausstellungsreihe „Hinterbühne“ will der Kunstsoziologe an die Verbrechen der Nazis erinnern, aber auch aktuelle Missstände anprangern. So geht es beim dritten Teil unter anderem um die aktuelle Berichterstattung der lokalen Presse zu Kriegsdenkmälern. Die Schau ist noch bis zum 6. Juli im Kunstraum zu sehen. Seine Forschung nach außen zu tragen, ist ihm gerade als Wissenschaftler sehr wichtig. „Die Kunstsoziologie ist in Deutschland sehr esoterisch. So bin ich nicht“, erklärt Wuggenig. Mit dieser Einstellung hat er die Kulturwissenschaft an der Leuphana mit aufgebaut und geprägt. Nach wissenschaftlichen Stationen in Hannover, Osnabrück und Hildesheim kam Wuggenig 1987 nach Lüneburg. „Da stand die Kulturwissenschaft noch in ihren Anfängen“, erinnert er sich. 1993 gründete er gemeinsam mit der Kunsthistorikerin Beatrice von Bismarck und dem Mathematiker Diethelm Stoller den Kunstraum nicht nur als zeitgenössische Universitätsgalerie, sondern auch als Praxiswerkstatt für Studierende. Dort sollen sie mit Künstlern Einblicke in künstlerische Produktionsprozesse gewinnen und das Kuratieren lernen. 

Auch in der Wissenschaft wendet Wuggenig neue Methoden an. Der Kultursoziologe gilt als Begründer der Fotobefragung. Bei dieser qualitativen Methode fotografieren die Forschungsteilnehmenden, die Bilder sind dann später Bezugspunkte von Befragungen. Wuggenig ist ebenso Mitbegründer des Fachs „Kulturtheorie“ an der Leuphana und war 2015 beteiligt, die Kulturwissenschaftliche Gesellschaft (KWG), in deren Vorstand er seit damals mitwirkt, ins Leben zu rufen - ein Novum in Deutschland.

Noch immer ist der 66-Jährige voller Tatendrang. Er liebt Wissenschaft und Lehre. „Ich unterrichte sehr gern“, sagt er. Bis mindestens 2018 ist Wuggenig Dekan der kulturwissenschaftlichen Fakultät. Was dann kommt, weiß er noch nicht. Aber er hat eine Idee zum Beginn seines Ruhestandes und erklärt: „In Amerika unterrichten die Professoren nicht selten, bis sie 85 Jahre alt sind.“


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Apl. Prof. Dr. phil. Ulf Wuggenig
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Fax +49.4131.677-2602
ulf.wuggenig@leuphana.de


Autorin: Marietta Hülsmann. Redaktion: Ann Cathrin Frank, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.