Meldungen aus der Forschung

Liebe und Nachhaltigkeit. Professorin Regine Herbrik untersucht beide als „Soziale Fiktionen“

10.07.2017 Nachhaltig zu leben, scheint eine Sache kognitiver Einschätzungen und Entscheidungen zu sein und nichts mit Emotionen zu tun zu haben: Ist mein Gemüse schadstofffrei? Woher kommt mein Strom? Welche Konsequenzen hat mein Lebensstil für ärmere Länder? Dass Liebe und Nachhaltigkeit trotz ihrer Gegensätzlichkeit auch Gemeinsamkeiten haben, möchte Prof. Dr. Regine Herbrik in einer neuen Studie darlegen. Im Rahmen der Vortragsreihe der Arbeitsgruppe „Sustainable Consumption and Sustainability Communication“ (SuCo²) am Institut für Umweltkommunikation (Fakultät Nachhaltigkeit) stellte sie unter dem Titel „Liebe und Nachhaltigkeit – Zwei wirkmächtige, normative, soziale Fiktionen?“ ihre aktuellen Forschungsfragen vor und verriet auch, warum Ordensschwestern beim Papstbesuch gern ein Smartphone benutzen.

Früher trug mancher Katholik den Papst auf einem Gebetsbildchen im Gesangbuch mit zur Kirche. Heute kann man das Foto mit dem Handy selbst schießen. Regine Herbrik forscht unter anderem zu Emotionalität in der Religion und hat es beim Besuch von Papst Benedikt XVI. in Berlin selbst erlebt: Selbst Ordensfrauen knipsten und filmten dort mit ihrem Handy statt Benedikt XVI. mit eigenen Augen anzuschauen. „Diese Geste zeigt immer noch, dass es ein ganz besonderer emotionaler Moment ist, aber die emotionale Performanz hat sich verändert“, erklärt die Professorin. Mit diesem Beispiel will die Wissenschaftlerin zeigen, dass nicht nur Psycholog_innen zu Gefühlen forschen sollten, sondern auch Kulturwissenschaftler_innen. Gefühle sind für Herbrik nicht nur ein psychologisch-individuelles Phänomen, sie sind auch kulturell codiert, von Gemeinschaften sanktioniert und damit gesellschaftlich relevant. 

In ihrer aktuellen Forschung möchte sie anhand des Vergleiches von Liebe und Nachhaltigkeit zeigen, in welchem Verhältnis Normativität und emotionale Figurationen zueinander stehen. „Liebe gaukelt uns vor, nicht normativ zu sein; Nachhaltigkeit dagegen nicht emotional“, sagt sie. Praktisch sähe dies aber anders aus: Gerade Themen der Nachhaltigkeit würden oft Gefühle wie Wut oder ein schlechtes Gewissen auslösen. Dann heißt es: „Ich kann doch ohnehin nichts machen“ oder „Billige Kleidung aus Fernost kaufe ich doch nur sehr selten“. Romantische Liebe, in all ihren unterschiedlichen Formen von Polyamorie bis zur lebenslangen Treue, wiederum sei nicht ausschließlich impulsiv und emotional, sondern diene durchaus als normative Richtschnur in einer weitgehend entideologisierten Gesellschaft. 

Praktisch plant sie ethnographische Forschung in Form von teilnehmender Beobachtung und Interviews in den Feldern Liebe und Nachhaltigkeit. Die Ergebnisse will sie anschließend miteinander vergleichen. Eine Auswertungsmethode ist unter anderen interpretativen Verfahren die Metaphern-Analyse. Herbrik schaut, welche sprachlichen Bilder in beiden Feldern genutzt werden und wie diese sich unterscheiden oder gleichen. Liebe als auch Nachhaltigkeit böten den Menschen Orientierung. Welche Rolle dabei die erlebten, erwünschten oder limitierten Gefühle spielen und welche Emotionen dabei genau im Spiel sind, soll nun die Studie klären.


Kontakt

Prof. Dr. Regine Herbrik
Universitätsallee 1, C40.525
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1561
Fax +49.4131.677-2713
regine.herbrik@leuphana.de


Autorin: Marietta Hülsmann; Redaktion: Ann Cathrin Frank, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.