Meldungen aus der Forschung

Forschung und Bildung für Nachhaltigkeit: Antrittsvorlesung von Maik Adomßent

17.07.2017 Wie wird mit den globalen Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeitswissenschaften umgegangen? In seiner Antrittsvorlesung „Forschung und Bildung für Nachhaltigkeit: vom Globalen zum Lokalen und zurück“ zeigte apl. Prof. Dr. Maik Adomßent am 28. Juni 2017, dass die Forschung der Bildung in diesem Bereich hinterherhinkt.

Etwa in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts begann der „Umweltgedanke“ weltweit Fuß zu fassen, erklärt Adomßent und stellt kurz die Geschichte des Konzeptes Nachhaltigkeit dar: So wurde etwa 1970 die United States Environmental Protection Agency (EPA) gegründet, der in Folge der nächsten Jahre wichtige Internationale Umweltkonferenzen folgten, beispielsweise 1972 in Stockholm. Gleichwohl sollte es mit einer Definition des Begriffs „nachhaltige Entwicklung“ noch bis 1987 dauern, als die Brundtland Kommission ihren Berichts „Unsere gemeinsame Zukunft“ fertigstellte, der die folgende, allseits bekannte Formulierung enthielt: „Sustainable development meets the needs of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs.“
Politisches Gewicht bekam das Leitbild dann mit dem ersten Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992, wobei darauf hinzuweisen ist, dass die seinerzeit verabschiedete Agenda 21 zwar den Charakter eines Aktionsplan zur nachhaltigen Entwicklung für das 21. Jahrhundert darstellte, jedoch im Gegensatz zu den zugleich verabschiedeten Konventionen – etwa zum Klimaschutz und zur Biodiversität – nicht völkerrechtlich bindend war. In weiteren Folgekonferenzen rückten dann auch die Rolle von Bildung und Wissenschaft stärker in den Fokus. 

Widersprüchliche Sustainable Development Goals

Schließlich wurden 2015 auf dem Weltgipfel in New York die Sustainable Development Goals verabschiedet: 17 Ziele, die bis 2030 erreicht werden sollen. Im Gegensatz zu den Millenniums-Entwicklungsziele der Vereinten Nationen stehen dabei alle Länder auf einer Stufe, denn sie müssten sich alle zugleich als Lernende begreifen. Bildung und Forschung seien gleichermaßen für die erfolgreiche Realisierung aller 17 nachhaltigen Entwicklungsziele essentiell, nicht zuletzt wenn es um die Thematisierung sich widersprechender Ziele gehe – beispielsweise zwischen Ernährungssicherheit und umweltbezogenen Zielen. So könne Bildung einerseits durch die Zielorientierung an der Vision einer sich nachhaltig entwickelnden Gesellschaft die eigene Zukunft zum sinnstiftenden Moment von Bildungsprozessen machen. Und zugleich vermöge sie den Diskurs über gesellschaftliche Werte zur eröffnen und dabei das Erlernen des Umgangs mit vielen, auch einander widersprechenden Wertvorstellungen umfassen.

Wandel von Institutionen als wichtiger Faktor

Dafür müssten sich jedoch auch die Institutionen selbst wandeln. Die Leuphana sei dafür ein gutes Beispiel – auch durch die Kooperation mit der Stadt Lüneburg im Projekt „Lüneburg 2030+“. Solange sich eine Institution nicht vollständig, sondern nur in einem Themenbereich wandele, sei die Veränderung weniger tiefgehend. Kernelemente der Wissensproduktion im Rahmen der Nachhaltigkeitsforschung seien Problem- und Akteursorientierung sowie die Selbstreflexivität und die im Mittelpunkt stehende Integrationsproblematik, etwa von unterschiedlichen Wissensdomänen  – also ein transdisziplinäres Feld. 
Bei einem Blick auf die Forschungslandschaft zeigt sich, dass die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen im Bereich der Nachhaltigkeitswissenschaften in den letzten Jahren stark angestiegen, der Forschungsgegenstand dabei immer komplexer geworden sei. Dabei besteht ein großer Unterschied zwischen sogenannten High- und Low-Income Countries: Erstere haben mehr als drei Viertel aller Publikationen in diesem Bereich veröffentlicht. Diese Dominanz spiegelt sich auch thematisch in den Publikationen wider, was nicht zuletzt an den hohen finanziellen Zuschüssen in den privilegierten Standorten liegt. 

Kooperationsstrukturen zwischen Nord und Süd stärken

Adomßent zog die Schlussfolgerung, dass es wichtig sei, die Kooperation von Ländern des globalen Nordens mit denen des globalen Südens zu stärken und dabei besonders darauf zu achten, Strukturen – physische wie soziale – zu stärken. Da Nachhaltigkeitswissenschaft im größten Teil der Welt bislang noch eher eine Marginalie darstellt, gelte es hier auch darum, deutlich zu machen, warum und wie gerade ärmere Länder von diesem Ansatz profitieren können. Hingegen sei Bildung für nachhaltige Entwicklung global betrachtet bereits weiter fortgeschritten, hatte allerdings mit der Weltdekade und dem anschließenden Globalen Aktionsprogramm auch ungleich bessere Voraussetzungen.


Maik Adomßent ist seit 1993 an der Leuphana tätig und dort am Institut für Umweltkommunikation und am UNESCO Chair Hochschule für nachhaltige Entwicklung verortet. Im Bereich der Lehre koordiniert er das Komplementärstudium am Leuphana College und leitet das Zertifikatsstudium Ausstellungsmanagement und Evaluation an der Professional School. Gegenwärtig arbeitet er als Mitglied einer internationalen Steuerungsgruppe im Auftrag der UNESCO an der Formulierung von wissenschaftspolitischen Leitlinien zur weltweiten Stärkung der Nachhaltigkeitsforschung. In einem aktuellen Vorhaben koordiniert er ein Konsortium mit Partnern aus 15 Ländern Mittel- und Osteuropas zur Förderung der Nachhaltigkeitswissenschaften mit Hilfe der Entwicklung aussagekräftiger und anwendungsorientierter Indikatoren. 
Im Bereich der Bildung für nachhaltige Entwicklung liegt einer seiner Schwerpunkte auf der ganzheitlichen Transformation von Lehr- und Lernumgebungen im Rahmen im Rahmen seiner Tätigkeiten im entsprechenden Weltaktionsprogramm (GAP) der UNESCO. Auf nationaler Ebene entwickelt er derzeit gemeinsam mit der Initiative „rootAbility“ ein Weiterbildungsprogramm für Studierende zur Unterstützung des Aufbaus von Nachhaltigkeitsbüros ("Green Offices") an deutschen Hochschulen. 


Apl.-Prof. Dr. Maik Adomßent
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Autorin: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.