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„Where have all the leaders gone?“ Michael Hardt zu Gast an der Leuphana

24.07.2017 Michael Hardt, US-amerikanischer Literaturtheoretiker und Autor der politisch-philosophischen Studie „Empire“ war am 9. Mai 2017 zu Gast an der Leuphana. Den Vortragsabend organisierte Dr. Ben Trott. In seinem Vortrag „Where have all the leaders gone?“ untersuchte Hardt den Zusammenhang zwischen linken und progressiven sozialen Bewegungen auf der einen Seite und Leadership auf der anderen.

Hardt beginnt mit einer ganz einfachen Frage: Warum waren die großen sozialen Bewegungen der jüngsten Vergangenheit nicht in der Lage, anhaltende Veränderungen zu schaffen? „Occupy Wall Street“ oder die Gezi-Park-Demonstrationen gingen trotz ihrer Größe und medialen Beachtung nicht in langfristige soziale Beziehungen über. Lag es daran, dass sie keine klare Leader-Figur hatten? In Hardts Worten: „Do they need new leaders?“. Als Beispiel führt er die „Black Lives Matter“-Bewegung an. Sie hat, im Gegensatz zu der Menschenrechtsbewegung der sechziger Jahre, keinen Leader, keinen neuen Martin Luther King. 

Wo sind nun die ganzen Anführer hin?

Hardt gibt trocken zwei Antworten: Entweder die Anführer_innen sind tot beziehungsweise im Gefängnis, wie etwa Nelson Mandela. Oder das Prinzip des Leaderships in sozialen Bewegungen wurde durch den Anti-Autoritarismus „von innen heraus“ aufgelöst. Dabei wechselwirkte der Anti-Autoritarismus mit dem Feminismus und anderen Strömungen, die, der zentralisierte Anführer kritisierte. Insbesondere der „Black Feminism“, so Hardt, übte demnach Kritik auf die einseitige Fokussierung auf männliche Anführer, wie Malcom X, aus. Daher habe auch Black Lives Matter keinen Anführer mehr: Bewegungen seien nach Hardt „immun“ gegen Leadership geworden. Sind sie dadurch weniger effektiv? Hardt erklärt, dass man nicht mehr zum Ideal eines charismatischen Anführers zurückkehren kann. Es bräuchte keine Anführer im traditionellen Sinne mehr, sondern neue Formen der Organisation. Traditionell sind soziale Bewegungen so aufgestellt, dass sich das Leadership um die Strategie, das „big picture“ kümmere und die Basis um die Taktik, also die konkrete Umsetzung. Hardt schlägt eine Umkehrung der Rollen vor: Es sollte ein „geschwächtes“ Leadership intakt gelassen werden, dieses solle sich aber nur um die Taktik kümmern. Die Strategie soll die Basis verantworten. Somit seien beide Rollen optimal genutzt und die Basis könnte verhindern, dass Leader zu viel Macht ansammeln. 

 „Kapital funktioniert nur durch Extraktion“

Hardt, der sich in seiner Arbeit viel mit der Multitude beschäftigt hat, setzt diese Aufforderung in Kontext der gesellschaftlichen Vielheit, die gesellschaftlich in den letzten Jahren stattgefunden hat. Es ist nicht mehr so, dass es auf der einen Seite Produktion und Waren gibt und auf der anderen das Soziale, sondern Waren und Produktion selbst werden sozial, wofür die Digitalisierung ein gutes Beispiel ist. Die Erosion des Sozialstaats führe auf nationaler Ebene dazu, dass das „Entrepreneurship“ zunehmend den Sozialstaat ersetzt und auf individueller Ebene zu der Aufforderung, sich selbst als Entrepreneur und für das eigene Wohlbefinden als selbstverantwortlich zu begreifen. Während Hardt auf der einen Seite das Entrepreneurship des Selbst kritisiert, argumentiert er auf der anderen Seite für eine neue Sicht. Entrepreneure sollen nicht bloß als Menschen verstanden werden, die sich für Innovationen einsetzen und Risiken aufnehmen, sondern als Menschen, die neue Formen der Kooperation schaffen. Dass Produktion immer sozialer, gemeinschaftlicher werde, schütze indes nicht vor Ausbeutung. Nach Hardt funktioniert Kapital nur durch Extraktion. Hardt versteht den in Kapital ausdrückbaren Wert als etwas, das durch den Prozess der Extraktion gewonnen wird; so, wie man dem Boden Mineralien oder fossile Brennstoffe entnimmt. Doch auch sozialer Wert kann extrahiert werden, etwa bei Gentrifizierung. Als positives Beispiel für eine individuelle Rolle in der Gesellschaft der Vielfalt (Multitude) führt Hardt Hospiz-Krankenschwestern an: Sie haben eine sehr verantwortliche Aufgabe, sind an einer exponierten Stelle, sie vernetzen, kreieren Kooperationsnetzwerke und echte Verbindungen. Als Negativbeispiel führte er Café-Ketten an, die von ihren Baristas erwarten, dass diese beim Verkaufen des Kaffees auf falsche, unehrliche Weise Freundschaft suggerieren. 

Where is all the listening gone?

Mit dieser Frage leitet Hardt in die Diskussion über. Diese beginnt mit einer Frage aus dem Publikum nach Bitcoins. Diese seien als Gegenwährung gestartet, sind jetzt aber auch nur noch Teil des Verwertungszusammenhangs. Hardt entgegnete, dass die Gefahr, dass Dinge von dem Kapitalismus absorbiert werden, fortwährend bestünde. Eine andere Zuhörerin wies darauf hin, dass es nicht nur keine großen Führungspersönlichkeiten, sondern auch keine Rockstars mehr gäbe – vielleicht, weil niemand mehr richtig zuhört. „Where is all the listening gone?“, fragte sie. „I’m happy with this comment“, entgegnete Hardt, lächelnd. Ein weiterer Zuhörer kritisierte Hardts Optimismus: Produktion bringe nicht nur Subjektivität, sondern diese Subjektivität sei bereits im System gebunden. Hardt erklärt, dass „Multitude“ eine heterogene Bewegung sei und damit immer in einem Stadium des Entstehens und nicht des Seins ist. „Multitude“ sei ein Prozess der Konstruktion.   


Michael Hardt lehrt Literaturwissenschaften an der Duke University in Durham, North Carolina. Ferner unterrichtet er Philosophie und Politik an der European Graduate School in der Schweiz. Bekannte Werke Hardts sind „Empire“, „Multitude“ und „Commonwealth“, die er in Zusammenarbeit mit Antonio Negri verfasste. Der Vortrag basierte auf Hardts neuem Buch „Assembly“, das ebenfalls mit Antonio Negri geschrieben ist und im September erscheint.


Autor: Martin Gierczak, Redaktion: Jula Hoffmeister, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.