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Mit Natur leben oder Natur dominieren? Nachhaltigkeitswissenschaftler forschen über die Verbundenheit von Mensch und Natur

25.07.2017 Dass der Mensch leben und überleben kann, verdankt er der Natur. Aus ihr bezieht er seine Nahrung, ihre Rohstoffe nutzt er, um Produkte herzustellen. Doch die Abhängigkeit von der Biosphäre wird in der globalisierten Welt zunehmend vernebelt, wohlhabende Gesellschaften haben sich von ihren regional verfügbaren Ressourcen weitgehend entkoppelt. Welche Auswirkungen das hat, dazu haben Wissenschaftler der Fakultät Nachhaltigkeit geforscht und eine Studie veröffentlicht.

Der Wandel begann mit der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Maschinen ersetzten Arbeitskräfte und neue Transportmittel ermöglichten Handel über weite Distanzen. Bis heute ist die Entwicklung vor allem in der westlichen Welt rasant. Für den Menschen bedeutet das augenscheinlich eine fortschreitende Unabhängigkeit von den Gegebenheiten vor Ort. „Aus einer Systemperspektive lässt sich beobachten, dass durch die Verwendung von Maschinen, Agrochemikalien und dem Import von Biomassegütern wie Futtermittel oder Energiepflanzen, nicht nur menschliche Arbeitskraft, sondern auch die natürliche Produktivität der regionalen Biosphäre ergänzt und teilweise ersetzt wurde“, fassen die Autoren Christian Dorninger, Prof. Dr. David Abson, Prof. Dr. Jörn Fischer und Prof. Dr. Henrik von Wehrden in ihrem Artikel zusammen. Er wurde kürzlich in der Zeitschrift „Environmental Research Letters“ veröffentlicht. Doch es gibt auch eine Kehrseite dieser Medaille: Diese Entwicklungen verursachen ökologische Nachhaltigkeitsprobleme, wie dem Aufbrauchen von nicht-erneuerbaren Ressourcen und der Erzeugung von Abfall und Emissionen. Außerdem bewirkt es beim Menschen eine mentale Entkoppelung von natürlichen Zyklen der Biosphäre – nahezu jedes Nahrungsprodukt kann zu jeder Zeit gekauft und zu beliebigen Mengen konsumiert werden.

Aus biophysischer Sicht sind der Mensch und die Natur untrennbar miteinander verbunden. Wenn diese Symbiose aber verschleiert wird, werden wichtige Feedbackschleifen zwischen Mensch und Natur unterbrochen, schreiben die Autoren. „So wird das Landnutzungssystem durch Einträge von außerhalb der regionalen Biosphäre unabhängiger von natürlichen Zyklen. Jedoch sind Menschen, die nicht mehr direkt mit natürlichen Grenzen konfrontiert sind, weniger in der Lage, die Notwendigkeit von fundamentalem Wandel hin zu nachhaltigeren gesellschaftlichen Strukturen und Lebensstilen wahrzunehmen“, erklärt Hauptautor Christian Dorninger, Mitglied des Leuphana-Projektes „Leverage Points for sustainable transformation“. Um dem entgegenzuwirken, muss nach Meinung der Wissenschaftler das Landnutzungssystem wieder verstärkt auf nachwachsende und regional verfügbare Rohstoffe setzen. Dies forciere zum einen den Aufbau von Strukturen, die weniger abhängig von Importen und nicht-erneuerbaren Ressourcen sind. Zum anderen würden damit neue Möglichkeiten für die Bewohner_innen geschaffen, ein Verständnis für die Verantwortung für regionale Ökosysteme zu entwickeln.

Produktion, Konsumtion und Werte – Umdenken gefordert

Die lokale Biosphäre wahrzunehmen und sich mit ihr wieder zu verbinden, ist eine große gesellschaftliche Herausforderung. „Wir brauchen grundsätzlich andere Werte und Motivationen, um wieder eine biophysisch verbundene Welt zu schaffen“, betont Christian Dorninger. Alte Wege und Muster, wie man produziert und konsumiert, müssten aufgebrochen werden. „Einzelpersonen können für die negativen Auswirkungen komplexer und globaler Liefer- und Wertschöpfungsketten kaum verantwortlich gemacht werden“, ergänzt er.


Kontakt

Christian Dorninger
Universitätsallee 1, C40.225
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-4018
christian.dorninger@leuphana.de


Autor: Christian Dorninger, Redaktion: Urte Modlich, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.