Meldungen aus der Forschung

Studie über Spendenbereitschaft kommt Geflüchteten in Lüneburg zugute

20.09.2017 Geflüchtete erleben in Deutschland unterschiedliche Reaktionen – von Diskriminierung bis hin zu breiter Unterstützung. Ein Forscherteam der Leuphana ist der Frage nachgegangen, welche Faktoren diese Reaktionen beeinflussen können und hatte dabei speziell die Spendenbereitschaft im Fokus. Die Studie ist zu einem klaren, aber überraschenden Ergebnis gekommen.

Als Student Leon Bajrami im zurückliegenden Sommer ahnungslosen Passant_innen fünf Euro in die Hand drückte, da tat er dies im Dienste der Wissenschaft. Denn der unerwartete Geldsegen war der praktische Teil und gleichzeitige Beginn einer spannenden Forschungsarbeit. „Wir haben Menschen in der Lüneburger und Hamburger Fußgängerzone gefragt, ob wir ihnen im Rahmen einer Studie das Geld schenken dürfen“, erklärt Mario Mechtel, Juniorprofessor am Leuphana Institut für Volkswirtschaftslehre. Er leitet das Projekt gemeinsam mit Prof. David Loschelder vom Institut für Management und Organisation. „Die Aufgabe der Passant_innen war es zu entscheiden, welchen Anteil sie von diesen fünf Euro für sich behalten, und welchen Anteil sie an eine_n Geflüchtete_n vom Welcome and Learning Center (WLC) abgeben wollen.“  

Knapp 340 Personen nahmen insgesamt an dem Experiment teil, sie wurden für die Studie in zwei Gruppen eingeteilt: Die eine Hälfe musste ihre Entscheidung treffen, ohne weitere Hintergründe zu erfahren, die andere Hälfte erhielt zusätzliche Infos: „Wir haben den Teilnehmenden zum Beispiel gesagt, wie viele Menschen aus welchen Ländern geflüchtet sind“, erläutert Wirtschaftspsychologe Loschelder. „Außerdem haben wir beschrieben, warum sie fliehen und welche Entfernungen sie zurücklegen mussten.“ Und auch die Zahl der Todesopfer wurde genannt, verbunden mit einem aus den Medien bekannten Foto eines ertrunkenen Jungen. Das Experiment und die darin enthaltene Aufteilung der geschenkten fünf Euro folgt einem bekannten Muster: Es gehört zu einem Standardvorgehen in der experimentellen Ökonomie und ist auch in der Sozialpsychologie sehr gebräuchlich. „Über die Aufteilung des Geldes können wir soziale Präferenzen messen“, ergänzt Loschelder. Die Idee der Informationsübermittlung sei, zu einer Perspektivenübernahme anzuregen. Nachdem alle Beteiligten entschieden hatten, wie viel Geld sie abgeben wollten, wurden weitere Fragen zu bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen und zur politischen Orientierung gestellt. So konnten die Proband_innen ihre politischen Präferenzen eintragen - von extrem links bis extrem rechts - und auch die Einstellung zur AfD wurde abgefragt.

"In der rechten Gruppe schaden zusätzliche Erklärungen."

Der VWL- und BWL-Student Leon Bajrami setzte sich mit dem Thema im Rahmen seiner Bachelorarbeit auseinander. Er erörtert die Ergebnisse schrittweise: „Insgesamt haben alle Beteiligten den größten Teil ihres Geldes abgegeben: die Informierten im Schnitt 4,32 Euro, die Uninformierten 4,06 Euro. So groß ist der Unterschied also nicht,“ stellt er fest. Die Details hingegen fördern Unerwartetes zu Tage: „Die Informierten unter den eher Rechtsorientierten haben weniger gespendet, als die Uninformierten aus dieser Gruppe.“ Was das bedeutet macht David Loschelder deutlich: „Das Interessante an der Studie ist: Die Informationsvermittlung, die eigentlich dazu anregen sollte, mehr Geld abzugeben, führt anders als bei den Linksorientierten bei den Rechten genau zum Gegenteil. In der rechten Gruppe schaden also zusätzliche Erklärungen. Die Anregung zur Perspektivenübernahme reduziert die Spendenbereitschaft.“

Die wissenschaftliche Auswertung deckt sich in Teilen mit den Erfahrungen, die das Welcome & Learning Center macht. Die Einrichtung, die demnächst von der Bleckeder Landstraße in die Katzenstraße umzieht, wurde auch als ein Ort der Begegnung zwischen Bürger_innen und Geflüchteten geschaffen. „Obwohl wir den direkten Kontakt unterstützen und leben, sind wir immer wieder Anfeindungen von rechts ausgesetzt“, beschreibt Felix Wüsten, ehrenamtlicher Mitarbeiter des WLC. Dazu gehörten rassistische Schmierereien, Pöbeleien aber auch tätliche Angriffe. „Mehr Nähe kann im rechten Spektrum zu mehr Ablehnung führen – so wie es die Studie beschreibt“, unterstreicht Loschelder.

Nachdem die Studie beendet ist, kommt das von den Proband_innen abgegebene Geld nun den Geflüchteten des Welcome and Learning Centers zugute. „Insgesamt können wir 1.125 Euro übergeben “, sagt Mario Mechtel. Was die Geflüchteten damit machen, sollten sie selbst entscheiden, betont Felix Wüsten. Verwendungsmöglichkeiten gebe es im Welcome and Learning Center zur Genüge.



Autorin: Urte Modlich, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.