Meldungen aus der Forschung

Interdisziplinäre Perspektiven: Kampfkunst und Kampfsport-Tagung an der Leuphana

23.10.2017 Wie ist Capoeira entstanden und welchen Einfluss hatte die afrikanische Kultur dabei? Das war eines der Themen auf der Tagung „Kampfkunst und Kampfsport in Forschung und Lehre“, die Ende September 2017 an der Leuphana abgehalten wurde. Sie war gleichzeitig Jahrestagung der Kommission Kampfkunst und Kampfsport der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), und wurde von Dr. Arwed Marquardt von der Fakultät Bildung organisiert.

„Ich bin kein Sportwissenschaftler und halte es für einseitig, Kampfsysteme (ein Begriff, den ich meist verwende, denn die Aufteilung in "Kunst" oder "Sport" ist nicht aufrecht zu erhalten) ausschließlich aus dieser Perspektive zu betrachten“, erklärte Marquardt die Idee der Tagung. „Es ist meines Erachtens nicht richtig, jegliche Forschungsfelder eindimensional aus einer einzelnen Perspektive heraus zu erforschen. Ich weiß, dass Matthias Röhrig Assunção als Historiker und Kulturwissenschaftler beim Capoeira eben nicht nur auf die sportive Seite schaut, sondern es historisch einordnet. Insbesondere, weil dieses System nicht so verbreitet ist und es nicht wirklich als Kampfsport/Kampfkunst/Tanz/Spiel fest definieren lässt, eignet es sich für eine Öffnung der Perspektiven auf das Phänomen "Kämpfen" insgesamt.“

„Brasilien und seine Kultur muss in Verbindung mit Afrika betrachtet werden“

Wenn es um die zeitgenössische Darstellung der Entstehung von Capoeira geht, gibt es zwei Ansätze, erklärte Matthias Röhrig Assunção in seinem Vortrag „Capoeira – vom afro-brasilianischen Kampfspiel zum globalen Kampfsport“. Nationalisten in Brasilien hätten Capoeira als Ausdruck vom „brasilianisch-sein“ beschrieben, und viele capoeiristas tragen beim Ausüben Kleidung und Gürtel in den Farben der brasilianischen Flagge – grün, gelb und blau. Die Bewegungen beim Capoeira hätten sie als Versuch der entlaufenden Sklaven, Kontakt zur Natur herzustellen interpretiert, da aus ihrer Sicht die Bewegungen von Tieren nachgeahmt wurden. Afrika als Herkunftskontinent der Sklaven und ihrer Kulturen sei nicht erwähnt und daher auch in die Entstehungsweise nicht miteinbezogen worden. 

Im Gegensatz dazu habe sich eine afro-zentrierte Darstellung zur Entstehung von Capoeira entwickelt. Afrikanische Einflüsse, die auf die spezifische Herkunft der einzelnen ethnischen Gruppen der Sklaven zurückgehen, sei in die gesamte afro-brasilianischen Volkskultur eingeflossen, wie etwa am Vergleich mit afrikanischen und brasilianischen Tänzen festgestellt werden kann. „Brasilien und die während der Sklaverei entstandene Kultur können nicht isoliert, sondern muss in Verbindung mit Afrika, insbesonder Angola, betrachtet werden“, erklärt Assunção. 

Entstehung und Verbreitung von Capoeira 

Erstmals dokumentiert worden sei Capoeira 1812 in Brasilien, wo sie von – zunächst ausschließlich männlichen – afrikanischen Sklaven ausgeübt wurde. Capoeira sei jedoch nie ein als Tanz getarnter Kampf gewesen, da Capoeira von Anfang an von Polizei und Sklavenbesitzern als Bedrohung angesehen wurde. Capoeira spielende Sklaven wurden dafür verhaftet, ausgepeitscht und für bis zu drei Monate ins Gefängnis gebracht. Da es aus dieser Zeit nur Erwähnungen von Capoeira von eben jener Polizei und anderen, die Capoeira unterdrücken wollten, gebe, seien die Darstellungen durch und durch negativ und einseitig. Beschreibungen von Bewegungen und Musik fehlten, erklärte Assunção. 

In den folgenden Jahren habe sich Capoeira immer weiterverbreitet, so kam es zur Entwicklung von Capoeira-Gangs, die sich gegenseitig bekämpften und sich anhand ihrer Kleidung identifizierten. Diese wurden jedoch verboten und schließlich verschwand Capoeira von den Straßen Rio de Janeiros und überlebte von den 1890ern bis 1940ern hauptsächlich in der Hafenstadt Salvador da Bahia und der umliegenden Bucht. Aus dieser Zeit gebe es mehr Quellen als zuvor, auch von denen, die Capoeira ausübten. 

Capoeira als Zeitvertreib und Entspannung

In Bahia wurde Capoeira von Hafenarbeitern ausgeübt, die durch die Gezeiten Wartezeiten zu überbrücken hatten. Capoeira diente ihnen zur Entspannung. „Beim Ausüben von Capoeira in ihrer Freizeit am Sonntag wurde Capoeira wurde auch in weißer Sonntagskleidung ausgeübt“, erklärt Assunção, „das war kein Problem, denn bei guten Spielern wurde die Kleidung nicht dreckig, denn nur Füße, Hände und Kopf berühren den Boden und idealerweise wird man vom Gegner nicht getroffen.“

Ab den 1930er Jahren entwickelten sich Akademien, in denen Capoeira in systematischer Art und Weise gelehrt wurde. Auch akrobatische Elemente fanden Einzug und andere Kampfkünste wie Kung-Fu und Jiu-Jitsu beeinflussten die Entstehung der modernen Capoeira. Mitte des 20. Jahrhunderts wurden erstmals Ähnlichkeiten zwischen Capoeira und dem angolanischen Kampfspiel „N’golo“ („Zebra Tanz“) festgestellt, in Folge dessen sich die Idee von Afrika als Ursprung von Capoeira verfestigte. Sicher feststellen, ob Capoeira sich aus dem „Zebra Tanz“ entwickelt hat, könne man aber nicht, da die ersten Erwähnungen der Lezteren aus den 1950er Jahren stammen. Darüber hinaus wird dieser nur von einer sehr kleinen Gruppe im Südwesten Angolas ausgeübt – daher sei es unwahrscheinlich, dass er alleiniger Ausgangspunkt für Capoeira sei. 

„Es wäre sinnvoll, wenn Kinder bereits in der Grundschule Methoden zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung erlernen würden.“

Unter den Forscher_innen, die während der Panels ihre Forschungsergebnisse präsentierten, war auch Anika Schwager von der Universität Leipzig. Ihr Thema: Selbstverteidigung in der Grundschule. „Studien belegen, dass das Erlernen effektiver Selbstverteidigungstechniken positiven Einfluss auf das Selbstbewusstsein sowie soziale und motorische Kompetenzen hat, aber auch Strategien zur Konfliktbewältigung vermittelt“, erklärte Schwager. Daher sei sie der Frage nachgegangen, inwiefern solche Angebote an Grundschulen in Deutschland bereits vorlägen. Bei ihrer Recherche wertete sie 67 Angebote aus, von denen die meisten in Niedersachsen, Bayern und Schleswig-Holstein verortet waren. Größtenteils lagen die Angebote in Form von Nachmittagskursen vor, nur selten seien diese fest im Curriculum verankert. Sie habe festgestellt, dass mehr als ein Drittel der untersuchten Angebote einen systemischen Ansatz verfolgten, bei dem Präventions-, Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungstraining kombiniert werden. Ein solches Ampel-Prinzip, wie es der Deutsche Ju-Jutsu Verband in seinem Konzept „Nicht mit mir!“ beschreibt, halte sie am sinnvollsten, um Kindern ein möglichst großes Handlungsrepertoire für den Umgang mit Konfliktsituationen zu vermitteln. „Problematisch ist jedoch, dass es keine bundesweiten Richtlinien gibt, nach denen Eltern bzw. Schulen die Qualität solcher Programme beurteilen können. Da besteht noch Verbesserungsbedarf."

„Es ist auf der Kommissionssitzung ein online-journal gegründet worden. Dort werden Beiträge im Peer-Review-Verfahren veröffentlicht. Es ist das einzige Journal dieser Art im deutschsprachigen Raum. Die Beiträge der Tagung bilden die erste Veröffentlichung des Journals“, erläuterte Marquardt die Ergebnisse der Tagung.


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Autorin: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.