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Vom Flüchten zum Ankommen - das Brückenstudium als Perspektive für Geflüchtete

05.02.2016 Amin Aslan studiert an der Leuphana im Brückenstudium. Er ist vor einem Jahr aus Afghanistan nach Deutschland geflüchtet. Ein Leben in seiner Heimat war für ihn nicht mehr vorstellbar. Am 5. Februar erzählte er im Rahmen der Reihe „Einwanderungsland Europa“ im Welcome and Learning Center Lüneburg seine Geschichte.

Amin Aslan: Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Leute kommen würden, um sich meine Geschichte anzuhören. Es freut mich sehr, sie mit ihnen teilen zu können.

Das Licht ist gedimmt in der „Vitrine“, dem wohnzimmerartigen Raum des Welcome and Learning Centers Lüneburg an der Bleckeder Landstraße. Etwa 40 Leute aus Lüneburg und Umgebung sitzen eng zusammengerückt auf den bunt zusammen gewürfelten Sofas und Stühlen, einige haben Tee in der Hand. Im Scheinwerferkegel einer Schreibtischlampe steht Amin Aslan und berichtet vom Flüchten und Ankommen. Seit diesem Semester nimmt er im Rahmen der Aktion Weltoffene Hochschulen am Brückenstudium der Leuphana teil.

Zwischen Flucht und Aufenthaltsgenehmigung

Amin Aslan kommt aus Kabul, Afghanistan. Der 22-Jährige studierte in seiner Heimatstadt an einer amerikanischen Universität auf Englisch eineinhalb Jahre BWL und arbeitete als Übersetzer für die NATO. Er zog mit seiner Familie alle paar Jahre innerhalb Afghanistans um, auf der Flucht vor den Taliban. Nachdem er zahlreiche Freunde in Selbstmordattentaten verloren hatte, keimte in ihm der Wunsch, Afghanistan zu verlassen. „Mir war klar: Ich kann hier meine Träume nicht verwirklichen, in der ständigen Unsicherheit. Es gibt für mich keine Zukunft in Afghanistan.“

Erst versuchte Aslan, über die Türkei nach Ungarn zu kommen, er zahlte einem Schlepper viel Geld. Doch schon an der bulgarischen Grenze wurde er mangels Reisepass verhaftet und landete im türkischen Gefängnis. „Ich musste dort drei Monate ausharren, ohne die Möglichkeit meine Familie zu kontaktieren.“ Auf die Freilassung hin startete er einen neuen Versuch. Schlepper nahmen ihn in einem völlig überfüllten kleinen Boot mit nach Rumänien übers Schwarze Meer. Nach einer erneuten Verhaftung erhielt er dann doch die Einreisegenehmigung für Deutschland. Über Göttingen wurde er Lüneburg zugewiesen. Erst wohnte er im Container, mittlerweile teilt er sich mit Freunden eine Wohnung. Aslan ist glücklich in Lüneburg. „Ich habe begonnen, über das Bridging Program BWL an der Leuphana Universität zu studieren und habe Prüfungen abgelegt.“ Wie jeder andere Student einschreiben darf er sich noch nicht, weil er alle drei Monate seine Aufenthaltsgenehmigung erneuern lassen muss. Es ist jedes Mal ein Bangen, ob er sie erhält. Trotzdem möchte er sein Studium weiterführen, um eines Tages seine Leistungen für einen Abschluss anerkannt zu bekommen.

Das Leben in Deutschland ist viel freier und friedlicher als in Afghanistan

Als eine Studierende fragt, was ihm an Unterschieden zwischen den Ländern besonders auffalle, spricht er die Stellung der Frauen an. „In Afghanistan wäre es unmöglich für Mädchen, alleine auszuziehen. Sie haben keine Rechte. Hier ist das völlig normal. Meine Mutter ist selbst Frauenrechtlerin. Ich finde die deutsche Situation so viel besser.“ Außerdem genieße er es, zu jeder Zeit völlig angstfrei auf die Straße gehen zu können. „Wenn ich in Afghanistan um drei Uhr Nachts durch die Stadt laufe, werde ich angehalten und misstrauisch gefragt, was ich treibe. Hier in Deutschland ist das überhaupt kein Problem. Afghanistan ist so chaotisch und korrupt, aber hier in Deutschland gibt es gute Politiker, gute Polizei und vor allem so viele gute Menschen.“ Er bewundere auch die völlig selbstverständliche Religionsfreiheit. „Egal ob Jude, Christ oder überhaupt nicht gläubig- alle leben friedlich zusammen. Es ist so schön zu sehen, dass das möglich ist.“

Integration und Lebensfreude trotz sprachlicher Hürden

Eigentlich habe er ursprünglich nach England gewollt. „Mein Englisch ist viel besser als mein Deutsch, dadurch stellte ich es mir hier viel schwerer vor. Aber ich habe über die Universität und die No Border Academy so viele hilfsbereite Menschen kennen gelernt, die mich unterstützten.“ Mittlerweile arbeitet er selbst in der No Border Academy und ist hochmotiviert. „Ich bin so stolz, es hierher geschafft zu haben und studieren zu können. Und ich bin so dankbar für all die Hilfe, die ich erhalten habe! In Afghanistan hatte ich oft Angst, aber hier kann ich so oft lachen und so viele Leute lachen mit mir. Ich möchte etwas zurück geben und versuche, so vielen Menschen wie möglich ebenfalls zu helfen.“

Ella Pouwels (20): Ich finde es großartig, dass Amin jetzt an der Leuphana Universität studiert. Es macht mich traurig, dass Orte wie Afghanistan als relativ „sicher“ eingestuft werden, obwohl die Situation offensichtlich immer noch sehr gefährlich ist.

Ingrid Winterberg (67): Ich finde es sehr mutig, vor so vielen Leuten über sein Schicksal zu sprechen. Man setzt sich damit einer emotionalen Gefahr aus. In Oedeme haben wir auch sehr viele Geflüchtete und ich möchte demnächst einen von ihnen durch den deutschen Bürokratiedschungel bringen.


Weitere Informationen

Sven Prien-Ribcke, M.A.
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Autorin: Julia Graßhoff (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.