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Ma­na­ging the Arts. Nis­hant Shah im Interview

12.07.2016 Die Leuphana Universität Lüneburg und das Goethe-Institut setzen den erfolgreichen Online-Kurs „Managing the Arts“ an der Digital School zum Thema "Cultural Organizations in Transition“ fort. Rund 1.000 Teilnehmende aus der ganzen Welt arbeiten bis Juli 2016 in Kleingruppen zusammen und können bei erfolgreichem Kursabschluss ein Zertifikat mit europaweit anerkannten Anrechnungspunkten erhalten. Darüber hinaus können bis zu 10.000 Teilnehmende flexibel an dem Kurs teilnehmen und sich eine Bestätigung über aktive Teilnahme ausstellen lassen. Worum es diesmal im Kurs geht und was die Arbeit im Kurs so einzigartig macht, verrät der Academic Director, Nishant Shah, Ph.D. im Interview. Er ist Verwaltungsprofessor für Kommunikationswissenschaft und Medienkultur am Institut für Kultur und Ästhetik digitaler Medien an der Leuphana.

Herr Shah, Thema des diesjährigen Kurses ist „Managing the Arts: Cultural Organizations in Transition“. Wenn wir von einem Übergang sprechen, zwischen welchen beiden Welten bewegen sich kulturelle Einrichtungen wie Museen oder Theatern denn heute?

Ich denke, es wäre ungerecht von Übergängen (Transitionen) zu denken, als fänden sie nur zwischen zwei Welten statt. Eigentlich sind Disziplinen bereits in Fächer unterteilt, und die Entstehung des modernen Denkens spornt uns dazu an, dualistisch zu denken. Nichtdestotrotz würde ich vorschlagen, dass wir Transitionen anders angehen – weder bedeutet Transition, sich zwischen zwei klar definierten Punkten zu bewegen noch zwei getrennte Elemente zusammen zu bringen. Wir sind – meiner Meinung nach – insbesondere was den Kurs anbetrifft, vielmehr daran interessiert, die Transition als einen Raum zu betrachten, in dem das unbewegliche Wesen des Ortes, die Zeitlichkeit, die Praxis, Perspektiven und Zukunftsvisionen hinterfragt werden können. Das Vorübergehende oder Transiente ist eine Mischform, ein Zwischenraum, aus dem die verschiedenen, bereits kartierten Punkte und ausgeschilderten Strecken infrage gestellt und verhandelt werden können.

Wie kann ein Online-Kurs dieser Art dabei helfen, modernen Entwicklungen zu begegnen und ihr Personal entsprechend auszubilden?

Der Kurs wurde so konzipiert, dass es keine Vorschriftsmaßnahmen oder starre Raster zur Bewertung kultureller Leistungen gibt. Wir konzentrieren uns lieber darauf, wie wir Arts and Cultural Organisations (ACOs), also Kunst- und Kulturorganisationen, dazu befähigen, Fragen nach Verwaltung, Nachhaltigkeit, Netzwerken, finanzieller Belastbarkeit und das Erschließen eines für sie sinnvollen kulturellen Kapitals kritisch zu bewerten. Es geht darum, den Lernenden dabei zu helfen, zu verstehen, wodurch sie ihre Transition skizzieren, sie zum Ausdruck bringen, mit ihr zurechtkommen und ausgewiesene Strategien aufbauen, um ihre Visionen zu verwirklichen. Loszulassen von den die Modernität und das Maßnehmen begleitenden Universalismen und bessere Indikatoren zusammenzustellen, die empfindlich auf die Bedürfnisse und Wünsche der Einrichtung, für die wir arbeiten mögen, könnte deshalb erstrebenswert sein.

Nach dem Start des Kurses wird man in kleine Teams verteilt, erstellt eigene Beiträge und wird von seinen Teammitgliedern, den Mentoren und der Kurs-Community bewertet. Das ist immerhin eine Gruppe von weltweit 1000 Leuten, die sich untereinander nicht kennen. Diese Art der Bewertung hört sich zunächst ungewohnt an. Unterliegt die Bewertung der Beiträge dennoch wissenschaftlichen Kriterien? 

Ich denke, diese Frage berührt den Kern der pädagogischen Strukturen dieses Kurses. Unser Grundgedanke war, dass wir, wenn wir vom digitalen Lernen sprechen, meinen, dass es nicht nur eine bloße Erweiterung oder eine Umstellung unserer traditionellen Unterrichtspraxis sein kann. Die Herausforderung bestand darin, die Rolle des Lernenden, des Lehrers, die Art des Lernens und letztendlich den Evaluierungsprozess neu zu konfigurieren. Der akademische Grundgedanke der wissenschaftlichen Beurteilung beruht auf uralten Strukturen, wonach der „Lehrer“ als eine Instanz angesehen wurde, der das Richtige und das Falsche für gültig erklärt, als gäbe es nur eine richtige Antwort oder einen richtigen Gedankengang. Ich denke, der Kurs ist interessant, weil er solche objektive Bewertungskriterien ablehnt. In diesem Kurs geht es bei der Bewertung nicht darum, ob das Lernen richtig oder falsch ist – weil es in der Kunst- und Kulturerziehung nie eine vorbestimmte Antwort geben kann. Stattdessen basiert die Auswertung darauf, ob Lernen stattgefunden hat. Durch den Kurs arbeiten die Lernenden miteinander, um Methoden, Prozesse, Strukturen, Instrumente zu lernen, die alle zu einem faszinierenden Austausch und genauso faszinierenden Ergebnissen führen. Nicht den Wahrheitswert der Analyse beurteilen wir, sondern die Strecken, die die Lernenden zurücklegen, um zu ihren Analysen zu gelangen. Deshalb bleibt der wissenschaftliche Charakter der Auswertung erhalten, weil wir akzeptieren, dass Inhalt nicht eine einzelne Bedeutung oder einen einzelnen Wahrheitswert haben kann. Im Gegenteil können die Prozesse standardisiert werden, obwohl sie noch für kreative Denk- und Reflexionsmodi offenstehen. Die Auswertung wird nicht nur auf Noten und Zahlen reduziert, sondern auf ein unterstützendes Reagieren, das den Lernenden dabei, ihre eigenen Lernprozesse weiterhin zu verbessern.

Die Lehrenden geben in kurzen Videos Anregungen für die eigenen Beiträge. Aus welchen Ländern kommen diese Lehrenden, welchen beruflichen Background haben sie und was wollen sie den Studierenden mitgeben?

Diese Lehrenden besitzen Glaubwürdigkeit als Wissenschaftler und Forscher. Sie können beim Verstehen von größeren Diskussionen und Debatten helfen, was den Lernenden ein Gefühl der Stand- und Bodenfestigkeit gibt. Einige der anderen Keynotes wurden so gestaltet, dass sie eine kritische Sicht auf die Herausforderungen dieser Phase bieten können. Es handelt sich um Lehrende, die fest vor Ort verankert sind, die neue Referenzrahmen und Verfahren aufgebaut haben, um den Herausforderungen aus dem echten Leben zu begegnen, und innovative Erfahrungen und wertvolle Lebensweisheiten zu teilen. Einige Grundgedanken sind spekulativ und helfen den Lernenden dabei, jenseits der Gegenwart zu denken. Sie bieten neue Denkmodi, alternative Rahmen zur Erkundung und helfen ihnen für die Zukunft entgegen zu arbeiten. Diese Lehrende sind keine bloßen Administratoren, sondern auch Visionäre, die eine Vielfalt von Perspektiven und Alternativen aus ihrem eigenen Erlernen und ihrer eigenen Erfahrung bieten können. Wir wollten sicher stellen, dass sich die Lehrenden einander nicht ähneln – Vielfalt, Geschlecht, Ethnie, Standort, Erfahrung, Feld, Disziplinen, Interessenvertreter, institutionelle Mitgliedschaften wurden auch bei der Auswahl dieser Menschen in Betracht gezogen, von denen wir dachten, dass sie Inspiration besitzen und anregen können, und dass sie sich engagieren können, ihre Arbeit als Pädagogen für das anhaltende Wachstum des Sektors zu teilen. Eins werden die Studierenden dieses Kurses von unseren Lehrenden mitnehmen: Die Erkenntnis, dass wir zusammenarbeiten und eine Infrastruktur der Risikobereitschaft und Innovation schaffen müssen, um eine nachhaltige Zukunft für unsere Kunst und Kulturorganisationen aufbauen zu können.

Der vorangegangene Kurs „Managing the Arts: Marketing for Cultural Organizations“ gewann den Europäischen Comenius EduMedia Award in der Kategorie „Digitales Multimediaprodukt“. Dazu beglückwünsche ich Sie. Gab es unerwartete Ereignisse oder besondere Erkenntnisse, die Sie nun im zweiten Kurs gut anwenden können?

Ich danke Ihnen. Die Auszeichnung hat uns sehr erfreut. Wir führen dies auf die verschiedenen Grundsätze, die dieser MOOC verkörpert, zurück. Von Anfang an haben wir fest daran geglaubt, dass die Lernenden dieses Kurses keine Schüler, sondern Mitschöpfer des Wissens sind. In unserer ersten Iteration halfen uns die Lernenden, mehrere Instanzen von Co-Learning und Lernprozessen zu erstellen. Sie zeigten uns verschiedene Organisationsformen der Zusammen- und Mitarbeit, sowie von Lernprozessen. Diese kann man nicht in eine Plattform hineinkodieren, sondern nur durch Austausch und Konversationen innerhalb der Gemeinschaft zustande bringen. In der neuen Iteration haben wir versucht, einige dieser Best Practices zu emulieren, und haben den Lernprozess im Besitz der Gemeinschaft gelassen. Wir stellten fest, dass die Lernenden von den Lehrenden und Lernquellen viel mitnehmen. Um dies noch zu steigern, haben wir ein neues Format, genannt „Ask Me Anything“, initiiert, das die gesamte Gemeinde dazu aufforderte, in Echtzeit Fragen zu stellen und in eine konzentrierte Diskussion mit den akademischen Direktoren und dem MOOC Facilitator zu führen. Wir haben auch Live-Webinare eingeführt, in denen wir Überlegungen über den Lernprozess weitergeben konnten und mit den Lernenden über ihre eigenen Erfahrungen im MOOC sprechen konnten. 

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Dörte Krahn. 

Weitere Informationen zu Managing the Arts sowie zur Leuphana Digital School.


Redaktion: Krahn/Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.