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Forschung für die Praxis: Erster Leuphana Psychologie-Kongress

13.07.2016 Am 09. Juli fand der erste Leuphana Psychologie-Kongress statt. Die Psychologie-Studierenden des diesjährigen Experimentalpraktikums präsentierten die Forschungsergebnisse ihrer Studien über erfolgreiche Verhandlung und Konfliktlösung. In einem Gastvortrag referierte der Sozial- und Rechtspsychologe Prof. Dr. Rainer Banse der Universität Bonn über die Verhinderung von sexuellem Kindesmissbrauch. Der Leuphana Psychologie-Kongress hat als Ziel, psychologische Forschungsergebnisse in die Praxis zu übertragen.

Der Leuphana Psychologie Kongress wurde durch das Institut für Psychologie ausgerichtet. Neben Studierenden verschiedenster Fächer kamen auch Kita-Leitungen sowie Vertreter_innen aus Schulen, von der Polizei und Interessierte aus der Stadt Lüneburg.

Soziale Kontrolle und Sicherheitsvorkehrungen zur Verhinderung von Kindesmissbrauch

In seinem Gastvortrag erklärte Prof. Dr. Rainer Banse, dass Kindesmissbrauch durch das Aufeinandertreffen motivierter Täter, beispielsweise gewaltbereiter Pädophiler, und potentieller Opfer in unzureichend kontrolliertem Umfeld zustande käme. Auf der Suche nach validen Messmöglichkeiten pädophiler Präferenz führte Prof. Dr. Banse Studien zur sexuellen Präferenz durch. Es stellte sich heraus, dass beim Betrachten sexuell anziehender Personen bestimmte kognitiver Abläufe messbar sind, im Falle von Pädophilen bei Bildern vorpupertärer Kindern. Nun sei Präferenz aber nicht mit Motivation gleichzusetzen. Nur etwa die Hälfte der Kindesmissbraucher ist pädophil. Dies mache die Kriminalprognose zu einem diagnostischen Problem, die besonders die Personalauswahl in Berufen mit Kindern betrifft. Der Test messe zwar gut die Präferenz, eine routinemäßige Befragung bei Vorstellungsgesprächen sei allerdings kaum zumutbar, würde sich langfristig durch Bekanntheit invalideren und behalte sich immer noch eine, zumindest diskussionswürdige, Falsch-Positiv-Rate von 25% vor. Besser seien direkte Screeningverfahren wie die Prüfung von Führungszeugnissen und Vorstrafen. Im Anschluss betonte er nach einigen Rückfragen aus dem Publikum, dass es sinnvoll sei, Pädophile als Personen zu sehen, die sich ihre sexuelle Orientierung nicht selbst ausgesucht haben sowie dass soziale Unterstützung und das Erlernen von Selbstkontrolltechniken Übergriffe verhindern können.

Psychologie für Jedermann

Im Anschluss an den Vortrag stellten die Studierenden ihre Forschungsergebnisse vor. Ein Semester lang hatten sie unter der Betreuung von Juniorprofessor David Loschelder und den Doktoranten Marco Warsitzka und Moritz Tovar Studien zu den Themen Verhandlung und Konfliktmanagement geplant, durchgeführt und ausgewertet. Die Ergebnisse wurden von den Gruppen auf Postern im Hörsaalgang präsentiert. Das Konzept war dabei, die Ergebnisse für das breite Publikum aufzubereiten, sodass auch Besucherinnen und Besucher ohne nähere Vorkenntnisse in der psychologischen Forschung die Erkenntnisse nachvollziehen konnten.

In einer der Studien wurde eine Verhandlungssituation zum Einstiegsgehalt eines neuen Jobs zwischen Bewerber und Personaler simuliert. Die Studierenden fanden heraus, dass es für Bewerbende sinnvoll ist, bei der Formulierung der Gehaltsvorstellung auch persönlichen Schwächen zu betonen. Auf diese Weise wirkt der Bewerber auf den Personaler transparenter und erweckt den Eindruck, der Bewerber sei bereits einen Schritt in der Forderung „zurück“ gegangen. Dies stärkt den Ankereffekt des Angebotes für die weitere Verhandlung. Die Offenheit macht einen ehrlichen und fairen Eindruck, was das Verhandlungsklima positiv beeinflusst. Der Effekt kippt erst, wenn die Gehaltsforderung des Bewerbers utopisch hoch wird. In diesem Fall wirkt die Formulierung der eigenen Schwächen wiederum dreist. Eine weitere Studie hatte den Prozessverlust in Tarifverhandlungen als Gegenstand, also den Problemlösestrategien hemmenden Effekt persönlicher Interkation. Eine Versuchsgruppe verhandelte persönlich miteinander, eine weitere Gruppe unpersönlich über eine einmalige, schriftliche Formulierung der eigenen Tarifvorstellungen. Die Studierenden kamen zu dem Ergebnis, dass trotz potentieller Prozessverluste eine persönliche Verhandlung in jedem Fall beide Parteien eher zu einer zufriedenstellenden Lösung bringt als die unpersönliche Variante. Die positiven Auswirkungen von persönlicher Interkation überwiegen also und gleichen Effekte des Prozessverlustes aus.

Im Anschluss an die Posterpräsentation wurde das gelungenste Poster durch eine Jury aus Prof. Dr. Banse, Juniorprofessor Loschelder und der Doktoranten Warsitzka und Tovar geehrt.

Die Forschung aus dem Elfenbeintrum holen

Juniorprofessor David Loschelder: „Das Kernkonzept ist, Forschung für die Praxis vorzustellen. Oft bleiben die Forschungsergebnisse im Elfenbeinturm der Wissenschaftler und erreichen kaum das breite Publikum. Damit sich das ändert, haben wir die Ergebnisse für die breite Zuhörerschaft aufbereitet, sodass auch Interessierte ohne näheres Vorwissen die Erkenntnisse nachvollziehen können. Erkenntnisse über Verhandlung, Konfliktlösung und auch über das Gastthema der Verhinderung von Kindesmissbrauch haben starken Praxisbezug und können sinnvoll und zweckdienlich genutzt werden. Dadurch, dass wir als Betreuer die Ergebnisse in Bachelorarbeiten, Promotionen oder für die Habilitation weiterverwenden, konnten wir die Studierenden intensiv bei ihrer Arbeit unterstützen.“

Geplant ist, die Kongressreihe zu psychologischer Forschung in der Praxis im nächsten Jahr fortzusetzen. Nächstes Jahr sollen die Studierenden des Major Psychologie (Grundlagen) ihr Experimentalpraktikum absolvieren und neue Forschungsergebnisse erarbeiten.


Weitere Informationen
Kontakt

Prof. Dr. David Loschelder
Universitätsallee 1, C1.016
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1714
Fax +49.4131.677-1717
david.loschelder@leuphana.de


Autorin: Julia Graßhoff. (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.