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Greening Entenhausen - Das Lustige Taschenbuch im Fokus von Studierenden

29.09.2016 Auf der Konferenzwoche 2016 stellten Studierende die Ergebnisse ihres Seminars: „Greening Entenhausen“ vor. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie ein „grünes“ oder „nachhaltiges“ Lustiges Taschenbuch (LTB) aussehen könnte und wie sich dies als eine Möglichkeit der Nachhaltigkeitskommunikation auffassen und konzipieren ließe. Die Studierenden analysierten umfassend die Geschichten aus Entenhausen. Sie demonstrierten den Gästen des Seminarplenums, wie sich verschiedene Facetten der Nachhaltigkeit in Lustigen Taschenbüchern widerspiegeln und ein Beispiel dafür geben können, dass sich auch in Comics unterhaltsam Fragen der Nachhaltigkeit aufwerfen lassen.

Das GTB 001 - Studierende entwerfen im Leuphana Semester ein Konzept für ein „Grünes Taschenbuch“.

Wie das Seminar verlief und mit welchen Erkenntnissen beide Seiten, Dozenten und Studierende, herausgegangen sind, zeigt das folgende Interview. Wir haben die Dozenten Prof. Dr. Daniel Fischer und Anna Sundermann sowie die Studentinnen Simone Gaida und Moira Skupin getrennt voneinander befragt.

Liebe Simone, liebe Moira, warum haben Sie sich entschieden, das Seminar „Greening Entenhausen“ zu belegen?

Simone Gaida: Mein Bruder hat früher LTBs gelesen, daher kannte ich die Comics schon. Durch die Beschreibung bei myStudy hat man eine gute Vorstellung vom Inhalt und Ablauf des Seminars bekommen, was mir gut gefallen hat. Die Idee von einem grünen LTB und auch die Untersuchung des Nachhaltigkeitsaspekts in LTBs fand ich witzig und interessant. Im Endeffekt war es eine Entscheidung aus dem Bauch heraus.

Moira Skupin: Der Begriff ‚Entenhausen‘ sprang mir ins Auge. Früher habe ich sehr gerne Lustige Taschenbücher gelesen und nach längerer Pause habe ich just im letzten Jahr erneut LTB’s in der Hand gehabt. Ich war nicht nur gespannt, die Geschichte der LTB’s, als auch seine Geschichten durch andere Augen kennen zu lernen. Besonders im ersten Semester hat mir das Seminar einen sehr konkreten Inhalt geboten.

Bevor Sie die LTBs untersucht haben, haben Sie ein Untersuchungsschema vor dem Hintergrund von Nachhaltigkeitstheorien entwickelt. Wie sah dieses Schema aus? 

Moira Skupin: Um eine Basis für die Forschungsfrage zu bilden, wurde ein Untersuchungsschema vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitstheorie des OXFAM-Donuts entwickelt. Dieser geht auf das Zusammenspiel zwischen den planetarischen (ökologischen) Grenzen und dem darin verankerten, sozialen (gesellschaftlichen) Sockel, ein. Nur bei Einhaltung des durch den Donut definierten „sicheren und gerechten Lebensraum“, ist eine nachhaltige Entwicklung möglich. So wurde quantitativ untersucht, wie oft bestimmte Worte oder Bilder in den Entenhausen-Comics erscheinen, die thematisch im Zusammenhang mit Problemfeldern der Nachhaltigkeit stehen. Ein Kodierschema wurde erstellt, in welches das Vorkommen oder Nichtvorhandensein ökologischer oder gesellschaftlicher Kategorien, für die spätere Auswertung, eigetragen werden konnte.

Simone Gaida: Anhand des Schemas haben wir beim Lesen der LTB anhand von Comicbildern oder Aussagen der Comicfiguren auf einer Skala von -2 bis +2 eingetragen, ob bestimmte nachhaltige Themen angesprochen worden sind und wenn ja, ob sie positiv oder negativ dargestellt wurden. Oftmals haben wir auch 0 angegeben, also dass das Thema nicht erwähnt wurde. In der zweiten Phase haben wir dann in Gruppenarbeit die Analyse der LTBs vorgenommen.

Studentin Simone Gaida erzählt von ihrer Teilnahme am Seminar Greening Entenhausen.

Bis heute sind hunderte LTBs erschienen – sicher hat nicht jeder aus dem Seminar alle gelesen. Wie haben Sie sich das Lesen und die Analyse aufgeteilt? 

Simone Gaida: Unsere Seminarleiter, Prof. Dr. Daniel Fischer und Anna Sundermann, standen mit dem Egmont Ehapa Verlag in Kontakt, der die LTBs veröffentlicht, und dieser hat uns dann LTBs kostenlos zur Verfügung gestellt, damit wir die Analyse vornehmen konnten. Dabei haben wir LTBs aus allen Jahrgängen erhalten. Danach haben wir in Gruppen aufgeteilt die LTBs auf die einzelnen Nachhaltigkeitsaspekte untersucht. Jede Gruppe hat dabei ein Jahrzehnt, aus dem die zu untersuchenden LTBs waren, und bestimmte Charaktere zugeteilt bekommen. Meine Gruppe hatte zum Beispiel die 80er und Gustav Gans.

Moira Skupin: Den sechs Teilgruppen des Seminars wurden jeweils drei LTB’s aus einem Jahrzehnt als zu analysierender Zeitraum, zugeordnet. In den Teilgruppen wurden diese wiederum aufgeteilt, sodass jede Einzelperson am Ende ca. sechs LTB’s zu analysieren hatte. Um jedoch eine möglichste objektive Bewertung der Comics zu ermöglichen, wurden die Taschenbücher nach vollendeter Analyse mit einer Partner_in aus der Einzelgruppe getauscht und zudem analysiert.

Haben Sie die LTBs, die Sie gelesen haben, nach bestimmten Kriterien ausgewählt? 

Simone Gaida: Das einzige Kriterium, nach dem wir dabei vorgegangen sind, war, dass es eine Geschichte aus dem Donald Duck Universum sein musst. Geschichten um Mickey Mouse, die ja auch im Rahmen der LTBs erscheinen, haben wir nicht untersucht.

Moira Skupin: Die Taschenbücher aus den verschiedenen Jahrzehnten wurden uns durch den Verlag und unsere Dozenten zur Verfügung gestellt. Bei der Auswahl wurde dabei auf die Anzahl der drei Taschenbücher pro Jahrzehnt geachtet. Unser Ziel war es, eine Entwicklung nachhaltiger Themen im Verlauf der Jahrzehnte zu untersuchen, weshalb bestimmte Kriterien unsere Analyse verfälscht hätten.

Wie sah das Ergebnis der Analyse aus? 

Simone Gaida: Wir haben vor der Analyse einige Thesen aufgestellt, die nach dem Lesen jedoch nicht bestätigt werden konnten. Einige Trends gab es zwischendurch schon. Festgestellt haben wir das durch das Eintragen der Werte aus dem Kodierschema in Diagramme. Dabei haben wir festgestellt, dass in den Comics das Thema Nachhaltigkeit – sowohl im positiven als auch im negativen Sinne – entweder eine sehr große oder gar keine Rolle spielte. In manchen Geschichten war die Erschaffung einer neuen Welt, in der die Reichen noch reicher und die Armen noch ärmer wären, geplant. In anderen hat wiederum der Naturschutz eine große Rolle gespielt.

Moira Skupin: In unserer Analyse betrachteten wir nicht nur die Entwicklung nachhaltiger Themen in Entenhausen als Gesamtkomplex. Hinzukommend legten wir einen Fokus auf Phantomias als nächtliche nachhaltige Figur in Entenhausen. Nach dem Auswerten der verschiedenen Aspekte der Forschungsfrage, gestützt durch den OXFAM-Donut, erhielten wir quantitative Ergebnisse, bei denen es uns nun möglich war, diese zu interpretieren. Dabei stellten wir fest, dass eine allumfassende Beeinflussung und Information der Leserschaft Lustiger Taschenbücher nicht gegeben ist. Jedoch waren wir recht erstaunt, als unsere Ergebnisse belegten, dass Phantomias sich als Rächer der Armen ausgibt, seinen Status als Superhelden jedoch in Wahrheit oft ausnutzt, um seine eigenen Probleme sowie die seiner Verwandten und Freunde zu lösen. Das dient in der Regel nicht dem Allgemeinwohl, sondern schadet diesem stattdessen.

Sie haben im Anschluss ein „grünes“ Taschenbuch entwickelt. Wie sah das aus?

Simone Gaida: In dem grünen LTB haben wir quasi die „grünsten“ Geschichten zusammengefasst. Davon sind auch vier Exemplare gedruckt worden. Geplant war auch, dass diese dann vom Egmont Verlag veröffentlicht werden, aber das ist noch in Arbeit, soweit ich weiß.

Moira Skupin: Nicht nur, dass das ‚grüne LTB‘ grün war, so bestand es am Ende aus Comics, die den Seminarteilnehmern im Rahmen der Nachhaltigkeitskommunikation positiv als auch negativ aufgefallen sind. Da nicht jeder Comic einzeln mit aufgenommen wurde, sondern meist nur die erste Seite, wurden kurze Inhaltsangaben ergänzt. Zentrale Einheiten bildete die „Aufklärungsseite“ am Ende jeden Comics. Hier wurde das Thema des Comics angesprochen, kurz erklärt, auf Folgen oder Errungenschaften hingewiesen und zu Eigeninitiative motiviert.

Ein Taschenbuch, das der Aufklärung dient und dem Leser Anregungen zum Handeln gibt!

Liebe Frau Sundermann, lieber Herr Fischer, wer hatte die Idee zu diesem ungewöhnlichen Thema?

Daniel Fischer: Ich habe als Kind gerne die LTBs gelesen. Irgendwann als Erwachsener hielt ich mal wieder eins in den Händen und mir fiel auf, wie humorvoll und interessant die Bücher auch noch für Erwachsene sind. Es werden teils auch sehr gesellschaftspolitische Themen angesprochen und mit meinem Blick für die Nachhaltigkeit habe ich mich gefragt, ob das nicht etwas sei, das man auch näher untersuchen könnte. Comics und Nachhaltigkeitskommunikation liegen übrigens gar nicht so weit auseinander: Auch der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU) hat 2013 Erfahrungen mit Comics in der Kommunikation gemacht. 

Anna Sundermann: Als Daniel mir davon erzählte, war ich sofort begeistert und bin in die Planung des Seminars mit eingestiegen. Schnell war uns klar, dass wir mit Hilfe des interessanten Materials aus dem Alltag und einer gut eingrenzbaren Fragestellung Studierenden sowohl Fragen der Nachhaltigkeitskommunikation als auch systematisches wissenschaftliches Arbeiten näher bringen können. Oftmals ist dies in der Planung eines Seminars für das erste Semester die größte Herausforderung.

Wie haben Sie die Studierenden im Seminar erlebt?

Daniel Fischer: Die Gruppe war sehr gemischt. Es waren sogar einige richtige Comic-Experten dabei. Eine Gruppe von Studierenden wollte z.B. den Charakter Striezel Streunecke untersuchen. Ihn kannten wir gar nicht. Leider tauchte er so selten auf, dass es nicht genügend Material für eine Untersuchung gegeben hätte.

Anna Sundermann: Es waren im Seminar einige Comic-Leser dabei. Manche kannten die LTBs nur noch aus ihrer Kindheit. Die persönliche Nähe zu dem Gegenstand war aber auch ein Problem für viele Studierenden. Man musste sich ja erst davon distanzieren, um tatsächlich wissenschaftliche Fragestellungen zuzulassen und diesen objektiv nachzugehen. Zur Analyse musste zunächst ein Kodierschema entwickelt werden und das war für viele ein etwas zäher Prozess. Parallel dazu konnten die Gruppen zwar schon mit den Charakterstudien beginnen, aber die Analyse der Jahrzehnte musste gut vorbereitet sein. Manch einer hätte sich vielleicht mehr Führung durch uns gewünscht, aber wir verstehen uns als Lehrende hier hauptsächlich als Begleiter des Projekts. Im Leuphana Semester geht es immer um forschendes Lernen. Dies schließt auch die Möglichkeit des Scheiterns mit ein. Bei der Präsentation der Projektergebnisse hatte man dann das Gefühl, dass die Studierenden richtig in Feierlaune waren. Sie hatten am Ende die Erfahrung gemacht, wie man einen Alltagsgegenstand wissenschaftlich nutzen kann.

Auf der Konferenzwoche wurden einzelne Charaktere wie „Dagobert Duck“ und „Donald Duck“ präsentiert. Was war für Sie das überraschendste Ergebnis?

Anna Sundermann: Es waren die Fragestellungen der Studierenden selbst. Mit der nötigen Distanz, die sie im Laufe des Seminars gewannen, ergaben sich interessante Fragen wie: Waren Tick, Trick und Track Pioniere der Nachhaltigkeit? Wie verwendet Donald das ihm oft geschenkte Geld? Setzt er es nachhaltig ein oder verschenkt er es weiter? Ist Dagobert wirklich nur geizig, gierig und skrupellos?

Daniel Fischer: Bei Dagobert kam überraschenderweise heraus, dass ein Kapitalist wie er durchaus nachhaltig handeln kann. Er benutzt aus Geiz zum Beispiel nur einen Teebeutel pro Woche und spart damit Ressourcen. Obwohl er keine wirklich nachhaltigen Absichten damit verfolgt, bewirkt sein sparsamer Umgang mit Teebeuteln durchaus etwas im Sinne der Nachhaltigkeit. Was sich hier im Kleinen zeigt, wird in der Forschung zum nachhaltigen Konsum auch wissenschaftlich diskutiert als absichts- und wirkungsorientierte Beurteilung von nachhaltigem Konsumhandeln. Die Studierenden haben hier also etwas herausgearbeitet, das ihnen im Studium ggf. später wieder theoretisch begegnen wird.  

Prof. Dr. Daniel Fischer und Anna Sundermann haben das Seminar im Leuphana Semester geleitet.

Es wurde auch Phantomias analysiert. Die Studierenden haben sein heldenhaftes Verhalten untersucht. Was kam dabei heraus?

Anna Sundermann: Die Taten Phantomias gehen zwar gut für bestimmte Personen oder Gruppen aus. Aber zwischendurch gibt es immer wieder sogenannte Trade-offs, wenn er zum Beispiel mit einem schnellen Boot das Wasser verschmutzt, um einzelne zu retten. Hier stoßen sozialer Sockel und Emissionen aufeinander. Es findet sich bei ihm selten eine nachhaltige Komplettlösung. 

Daniel Fischer: Die Studierenden haben auch viele seiner Gadgets untersucht. Gegenstände wie sein fliegendes Superauto, sein Universalhandschuh oder der fliegende Ölteppich sind in ihrer Wirkung auf die Umwelt gesehen durchaus fragwürdig. Phantomias’ Rettungsaktionen sind außerdem auf nur einen kleinen Kreis von Charakteren bezogen. Er rettet also nicht grundsätzlich alle Schwachen, sondern kämpft vorrangig für seine Freunde und Familie. Ein weiterer Aspekt, der seine Aktionen nicht nachhaltig macht, ist sein begrenztes punktuelles Eingreifen in das Geschehen. Er stärkt nicht den Charaktere in ihrer Problemlösungskompetenz, sondern kümmert sich als Held von oben herab um Bedürftige, ähnlich der Entwicklungshilfe in den 70-80 Jahren.

Wurden die Seminarergebnisse irgendwo veröffentlicht?

Anna Sundermann: Wir haben zwar noch nichts veröffentlicht, aber ein Konzept für ein Grünes Taschenbuch ist an den Verlag gegangen. Es enthält ausgewählte LTB-Geschichten der letzten Jahrzehnte, die jeweils einen bestimmten Aspekt der Nachhaltigkeit thematisieren. Nach jeder Geschichte gibt es eine Seite mit Hintergrundinformationen, Problembenennungen und praktischen Tipps, wie man sich nachhaltig verhalten kann.

Daniel Fischer: Man muss dazu sagen, dass das Konzept aus Eigeninitiative der Studierenden hervorgegangen ist. Es war neben dem Projektbericht, der Präsentation und dem Gallery Walk keine Prüfungsleistung, sondern es wurde aus Eigenmotivation zusätzlich am Ende hergestellt.

Wird es irgendwann einmal wirklich ein Grünes Taschenbuch geben?

Daniel Fischer: Die Zusammenarbeit mit dem Verlag während des Seminars verlief äußerst positiv. Uns wurde am Anfang ein Riesenpaket von LTBs aus den vergangenen Jahrzehnten für unsere Seminararbeit zur Verfügung gestellt. Nun hoffen wir, dass es tatsächlich irgendwann ein grünes LTB aufgrund unserer Analysen geben wird. Ob das so kommt, entscheidet natürlich allein der Verlag.

Arbeiten Sie im Wintersemester an dem Thema weiter?

Daniel Fischer: Wir sehen schon das Potential, das in der Fortführung dieses Seminars liegt, planen aber nichts zum Wintersemester. Außerdem sollte es aus unserer Sicht eher eine Veranstaltung für höhere Semester werden und im Komplementärstudium angeboten werden. 

Anna Sundermann: Wir könnten dann an die Seminarergebnisse anknüpfen und Studierende aus dem ersten Seminar hätten die Chance, wieder daran teilzunehmen. Einige von ihnen hatten sich nach Seminar-Ende eine Fortsetzung des Seminars sehr gewünscht.

Vielen Dank für das Interview!



Die Interviews führten Dörte Krahn und Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.