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"Finden Sie heraus, was Sie wirklich wollen!" College Tag 2017

16.01.2017 Am 13. Januar fand an der Leuphana der College Tag statt. Das schon zum zweiten Mal durchgeführte Format bietet Studierenden und Lehrenden den Raum, in Workshops und Podiumsdiskussionen das Leuphana-Studienmodell und insbesondere das Leuphana Semester zu reflektieren.

In der Auftaktveranstaltung begrüßten Carola Schormann, Achatz von Müller und Markus Reihlen die Studierenden. In seinem Impulsvortrag zum College Tag unterstrich College-Leiter Achatz von Müller, dass die Leuphana mit dem Setzen auf Interdisziplinarität in der Lehre in der deutschen Hochschullandschaft ein ganz spezielles Profil habe. Danach fanden parallel Workshops und Podiumsdiskussionen statt. In den Workshops arbeiteten Studierende in Gruppen zu einzelnen Aspekten des Studiums. In einer sehr offenen und produktiven Atmosphäre bestand Gelegenheit zum Austausch und Feedback.

Anspruch und Tiefe

In der ersten Podiumsdiskussion saßen Steffi Hobuß, Brit-Maren Block, Daniel Fischer, Anna Henkel und Henrik von Wehrden für die Lehrenden auf dem Podium. Marisa Laugsch und Nick Ludwig vertraten die Studierenden. Die Podiumsdiskussion wurde von Livia Cárdenas sowie Andreas Jürgens moderiert. Leitfrage der Diskussion war „Wie verbinde ich das Fachstudium mit dem fachübergreifenden Studium?“ Eingeschrieben sind Studierende für ein bestimmtes Fach. Gleichzeitig spielt an der Leuphana aber auch das Fachübergreifende, Interdisziplinäre eine große Rolle. Wie passt das zusammen? Widerspricht es sich, ergänzt es sich, steht es verbindungslos nebeneinander? Die Diskussion zeigte, dass es für Lehrende und Studierende gleichermaßen ein Anliegen ist, diese Fragen zu erhellen.

Cárdenas fragte die Studierenden, welche Erwartungen sie an das Leuphana Semester hatten. Ludwig, der Kulturwissenschaft studiert, antwortete: „Ich fand das Konzept spannend. Die aktuellen Probleme, zum Beispiel der Klimawandel, brauchen interdisziplinäre Antworten“, merkte aber auch an „dass es vielleicht zu gewollt ist“ und man als Studierender darüber die Tiefe verlöre. Seine Kommilitonin Laugsch ergänzte: „Man wird unterstützt und das Leuphana Semester hilft dabei, die eigene, enge Perspektive zu überwinden.“ Sie problematisierte gleichzeitig, dass „es auch viel war, besonders in der Startwoche, und man hatte keine Pause. Im Leuphana Semester musste man sehr viel aufnehmen. Klar, geht es um Präsenz, aber das ist schwierig – besonders, wenn man nebenher arbeiten muss.“ Eine Studentin aus dem Plenum merkte an, dass das Studium an der Leuphana es erschwere, daneben oder danach an eine andere Uni zu wechseln: „Man kann nicht wechseln, auch wegen der Minor nicht. Und es ist zu breit, man kann sich nicht genug mit dem eigenen Thema beschäftigen.“ Ein Student schlug daraufhin vor: „Wenn man erst ein Jahr lang das eigene Fach studiert hätte, könnte man sich dann fundierter interdisziplinär austauschen“. Er bekannte aber auch, dass er das interdisziplinäre Konzept an sich gut finde.

Interdisziplinäre Hintergründe Lehrender und Studierender 

Mit Blick auf ihr eigenes Studium, in dem sie mehrere verschiedene Fächer belegte, sagte Henkel von sich: „Ich bin selbst ein interdisziplinäres Produkt“. Dass dies nicht nur für Geisteswissenschaftler gilt, unterstrich Block mit dem Hinweis: „Die Ingenieurwissenschaften sind weniger disziplinär als man denkt. Oft findet die eigentliche ingenieurwissenschaftliche Arbeit an Schnittpunkten statt“, zum Beispiel zu Nachhaltigkeit, Ethik oder Wirtschaft, „trotzdem ist es auch wichtig, die Disziplinen wahrzunehmen und eine fachliche Heimat zu bilden“, wie sie etwa bei den Ingenieurswissenschaften in Volgershall besteht.

Marisa Laugsch, Henrik von Wehrden, Daniel Fischer, Brit-Maren Block, Steffi Hobuß, Nick Ludwig, Anna Henkel und Livia Cárdenas (v.l.n.r.)

Auch Daniel Fischers eigener Hintergrund ist interdisziplinär. Er berichtete von dem Lehramtsstudium, mit dem seine akademische Karriere begonnen hat. Darin studierte er von allem etwas, neben Germanistik und Anglistik auch Sport. Schließlich stieß er auf die Frage: „Was ist die Klammer? Was ist das Thema, dass diese Einzelthemen zusammenhält?“ und entdeckte Nachhaltigkeit, als ein Thema, das andere verbindet. Dazu sagte er: „Es geht in dem Leuphana Semester um die Erfahrung, um forschendes Lernen.“ Auch die Studentin Laugsch ist ursprünglich mit Lehramt gestartet, bevor sie dann zu Kulturwissenschaft wechselte. „Durch das Leuphana Semester habe ich gemerkt, was mir liegt. Bis ich an die Uni gekommen bin, wusste ich nicht, dass ich das, also geisteswissenschaftliches Arbeiten, überhaupt kann.“ Sie konnte sich also selbst überraschen.

Zeitalter der 'wicked problems'

Während die Vorrednerinnen also alle eine sowohl-als-auch-Meinung zum Verhältnis von Disziplin und Interdisziplinarität haben, ist Henrik von Wehrden ein Purist der Interdisziplinarität: „Ich nehme wahr, dass es Disziplinen gibt. Aber die machen mich nicht zu einem besseren Wissenschaftler. Wir leben in einem Zeitalter von verzwickten Problemen, von ‚wicked problems‘, Ebola ist zum Beispiel so eines, und die können wir nur lösen, wenn wir zusammenarbeiten.“ Mit Bezug auf die vorangegangene Frage nach der Tiefe des Studiums hielt er fest: „Das Gefühl, jetzt mal richtig tief etwas verstanden zu haben, kam bei mir nie.“ Er verglich sich mit Sherlock Holmes: „Ich bin immer auf der Suche nach neuen Fällen, nach etwas, wo ich die alten Muster nicht anwenden kann.“ 

 

Das Ausprobieren von etwas Neuem lobte auch eine Studentin aus dem Plenum: „Das Prinzip des Leuphana Semesters finde ich sehr bereichernd“, sagte sie. Sie erzählte, dass sie Lehramt studiert, aber im ersten Semester in einem Statistik-Seminar war: „Da wäre ich nie freiwillig hingegangen. Aber es war trotzdem total super. Auch wenn ich es nicht nochmal machen würde.“ Eine Kommilitonin von ihr stellte fest: „Es ist halt eine individuelle Sache, ob man sich auf das Leuphana Semester einlassen kann.“ Ein Student aus dem Plenum hielt dem entgegen: „Ich sehe keine Verbindung zwischen dem Leuphana Semester und meinem restlichen Studium.“

Fitnessstudio oder Sonnenbank?

Daraufhin schloss sich Hobuß der Einschätzung an, dass es darauf ankomme, sich individuell einzulassen und lobte, dass sich die Studenten trauen, auch ihre negativen Erfahrungen zu teilen. Sie wies aber auch hin: „Erkenntnis hat Ereignischarakter – es ist etwas, das passiert. Doch dafür muss man muss auch etwas einbringen. Das Studium am College ist keine Sonnenbank, es ist kein Ort, zu dem man geht und dann etwas an sich geschehen lässt. Es ist eher ein Fitnessstudio. Vielleicht ist es am Anfang anstrengend oder macht keinen Spaß. Das ist etwas, das man aus der Philosophie mitnehmen kann: Geduldig sein, stetig und langfristig arbeiten.“ Dass es zu Beginn fordernd sein kann, liegt auch am dem Lernen innewohnenden Paradox: „‚Etwas Neues zu verstehen‘ ist am Anfang immer ein Widerspruch. Entweder man versteht etwas – dann ist es aber nicht wirklich neu. Oder es ist wirklich neu – dann versteht man es aber nicht. Etwas Neues lernen ist somit immer mit einem Sprung, einem Risiko verbunden.“ Henkel ergänzte diesen inhaltlichen Aspekt noch um den der Aneignung einer bestimmten Seinsweise: „Es geht aber auch um Habitus-Formation. Um ein bestimmtes Auftreten, um das Einüben von Aufmerksamkeit, zum Beispiel für Teamstrukturen.“

Bei der zweiten Podiumsdiskussion diskutierten Ulrike SteierwaldPaul Drews und Christoph Jamme für die Lehrenden und Marie Wuropulos und Julius Flinks für die Studierenden. Das zweite Podium wurde von Livia Cárdenas moderiert.

Die Ergebnisse der beiden Podien sowie der Workshops wurden in der Abschlussveranstaltung zusammengetragen. Die Abschlussveranstaltung begann mit einem Impulsvortrag von Maik Adomßent, der vor seinem Studium selbst eine Ausbildung zum Zimmermann gemacht hatte und nun das Komplementärstudium leitet. Er verwies auf die wörtliche Bedeutung des Wortes: „Komplementär heißt ergänzen, vervollständigen“ Er warnte vor einem inflationären Gebrauch des Wortes „Interdisziplinarität“ und bevorzugt stattdessen den Ausdruck Multidisziplinartität: „Zusammen aus verschiedenen Richtungen auf ein Thema oder ein Problem schauen.“

Wissen anwenden

An der abschließenden Podiumsdiskussion nahmen Achatz von Müller, Carola Schormann und Henrik von Wehrden für die Lehrenden, Nick Ludwig und Bastian Hagmaier für die Studierenden, Christian Brei für die Universitätsleitung und Klaus Bergmann teil. Letzterer ist Präsident der Universitätsgesellschaft, war aber zum College Tag auch als Vertreter von Gesellschaft und Unternehmen, in von Müllers Worten „als Vertreter der Adressaten der Bildung“, eingeladen. Von Müller eröffnete die Diskussion mit der Frage, was eigentlich ein gelungenes Studium ausmache. Student Ludwig antwortete mit einem Augenzwinkern: „In den Workshops haben viele auf diese Frage ‚Feiern und Parties‘ angegeben. Aber nein, wichtig ist vor allem Wissen. Nicht nur Wissen zu erlangen, sondern auch zu teilen und zu nutzen.“ Dem schloss sich sein Kommilitone Hagmaier an: „Wissenserwerb an sich ist vielleicht gar nicht so wichtig. Wichtiger finde ich die Frage ‚Wie wende ich es an?‘“

“Was will ich?“ als zentrale Frage des Studiums

Schormann berichtete aus ihrem eigenen Studium: „Ich hatte ein befreiendes Gefühl - jetzt kann ich endlich das machen, was mich wirklich interessiert. Jeden Tag als ich zur Uni ging dachte ich ‚Heute mache ich etwas Spannendes.‘“ 
Brei, der vor zwei Jahren ein Aufbaustudium abschloss, teilte eine Episode daraus: „Stellt euch vor, ihr kommt in den Seminarraum und der Professor fragt euch: ‚Was wollen Sie hier?‘ Nicht unfreundlich, aber wenn man diese Frage nicht beantworten kann, bittet er einen, das zu klären und nächste Woche wieder zukommen. So ging mir das in meinem ersten Seminar. Und das finde ich am Studium wichtig: Herauszufinden, was man eigentlich will. Was ist das, was etwas in mir zum Klingen bringt? Was ist es, wobei ich leuchtende Augen bekomme?“ Diesem Impuls schloss sich Bergmann an: „Das ist die entscheidende Frage für Studierende: ‚Was wollen Sie an der Uni?‘ Die Frage wäre falsch gestellt, wenn Studierende sich an die Lehrenden wenden und fragten: ‚Was sollen wir hier liefern?‘ Um Dinge kennenzulernen, muss man sich auf den Weg machen. Auch im Unternehmen geht es um beides: Das Unternehmen ökonomisch voranbringen, aber auch die Menschen darin voranbringen.“

Von Müller verwies auf Markus Reihlen, der in der Auftaktveranstaltung einen Artikel des Spiegels zitiert hat, in dem es hieß, dass Studierende in Deutschland laut Unternehmern weder fachlich noch allgemein genügend gebildet seien. Dazu nahm Bergmann differenziert Stellung: „Tatsächlich fehlt mir bei Studierenden manchmal das Fachwissen. Aber dafür ist der Umgang mit Prozessen und Vernetztheit besser geworden.“

Christian Brei, Klaus Bergmann, Carola Schormann, Bastian Hagmaier, Henrik von Wehrden, Achatz von Müller, Nick Ludwig (v.l.n.r.)

Anschließend wurden die Ergebnisse aus den Workshops diskutiert: Auf die Leitfrage „Wie kann man die Module des Leuphana Semesters für den Major nutzen?“ haben die Studierenden in den Workshops assoziiert: „Studieren als Verantwortung“ Dazu meinte Brei: „Ich würde das Wort ‚Verantwortung‘ wörtlich nehmen, also in dem Sinne, das Verantwortung heißt: Rede und Antwort stehen zu den Dingen, die man tut und zu denen man persönlich in einen Dialog tritt.“ Am Studium gilt es Formate zu finden, wie eben den College Tag, in denen so etwas stattfinden kann. Bergmann indes präzisierte den Anspruch auf Verantwortlichkeit hin zu: „Verantwortung sich selbst, dem Unternehmen und der Gesellschaft gegenüber“. Aber er merkte nochmal an, er wünschte sich auch etwas mehr Fachlichkeit, etwa zum Beispiel mehr Wirtschaftskompetenz bei Wirtschaftspsychologen. Hagmaier sieht die Verantwortung auch aufseiten einer Praxis der Kritik: „Das Hinterfragen ist wichtig. Egal, ob Unternehmer oder Ökologe, was man hier lernt, ist das Hinterfragen. In den ersten Wochen meines Studiums habe ich erst lernen müssen, dass ich fragen darf oder vielleicht sogar soll.“

Überraschbar bleiben 

Ein weiteres Ergebnis aus dem Workshop war der Einwurf vieler Studierender, dass sie überfachliche Module nicht für ihren Major nutzen können. Hagmaier wand dazu ein, dass dies auch eine Frage des eigenen Engagements sei: „Manchmal merkt man erst im Laufe des Studiums, dass man bestimmte Inhalte, zum Beispiel eine bestimmte Methode nutzen kann.“ Dem pflichtete auch von Wehrden bei: „Nicht immer kann man planen. Der Mensch, der eine Kopfschmerztablette erfinden wollte, hat ein Erfrischungsgetränk erfunden.“ Nämlich Cola. Brei ergänzte: „Es geht in den überfachlichen Studienanteilen auch darum, Möglichkeitsräume aufzumachen, um Dinge auszuprobieren – sich selbst entdecken und vielleicht auch sich selbst überraschen.“

Den College Tag, der von Andreas Jürgens konzipiert und von Lena Fölsche vom Modul „Wissenschaft lehrt Verstehen“ organisiert wurde, beendete Achatz von Müller mit einem kordialen Tipp an die Studierenden: „Andere versuchen, das Lüneburger Modell nachzumachen. Sie sind im Original. Genießen Sie es!“


Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.