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Gerechtigkeit! Die zehnte Leuphana Konferenzwoche

28.02.2017 „Was macht die Welt gerecht?“ war das Motto der zehnten Konferenzwoche der Leuphana Universität Lüneburg, die am Montag eröffnet wurde. Bis Donnerstag hatten die Studierenden des ersten Semesters die Möglichkeit, den Lüneburger Studierenden und Einwohner_innen ihre im Rahmen des Leuphana Semesters erarbeiteten Projekte und Ideen zum gerechten Leben zu präsentieren. Neben vielen internen Dozierenden und studentischen Vertreter_innen waren auch prominente Gäste wie Stefan Voelkel und Marco Bode an Podiumsdiskussionen beteiligt.

Donnerstag, 2. März: Abschluss der Konferenzwoche

Journalismus von morgen: Wie schreibt man Gerechtigkeit?

Eine der letzten Veranstaltungen der Konferenzwoche war die Diskussion „Journalismus von morgen: Wie schreibt man Gerechtigkeit?“. Teilnehmende waren Daniel Fischer, Juniorprofessor für Nachhaltigkeitswissenschaft an der Leuphana, und Alexandra Belopolsky, Journalistin und Volontärin bei den Stuttgarter Nachrichten. Moderiert wurde die Diskussion von Laura Wüstefeld, Studentin der Kulturwissenschaften an der Leuphana.

Zwei Perspektiven der Gerechtigkeit im Journalismus

Belopolsky stellte zwei Perspektiven auf Gerechtigkeit im Journalismus vor. Zum einen ginge es um die Perspektive des Lesers, zum anderen um die redaktionelle Perspektive: Wie divers die Hintergründe der angestellten Journalisten bezüglich Geschlecht und Migrationshintergrund sind und wie sauber hinsichtlich der Recherche gearbeitet wird. Dazu gehören für sie die Herausarbeitung aller Fakten und das Darstellen aller Seiten und Meinungen – auch derjenigen, welche die Schreibenden nicht vertreten. „Journalismus sollte immer so objektiv wie möglich sein – auch wenn eine optimale Objektivität nicht erreicht werden kann“, erklärte sie.

Objektivität und die Gefahr der Überrepräsentation

Fischer sagte, es komme darauf an, wie starke Inhalte, wie beispielsweise Nachhaltigkeitsideen, journalistisch vermittelt werden. Bisher herrsche bei den meisten eher ein Alltagsverständnis des Nachhaltigkeitsbegriffs vor, langfristige Perspektiven fehlten. Er schloss sich Belopolskys Forderung nach Objektivität grundsätzlich an, relativierte sie jedoch ein Stück weit: Falsch verstandene Objektivität könne dazu führen, dass jede Position gleichwertig behandelt und dargestellt werde. Das berge die Gefahr, Minderheitenmeinungen zu überrepräsentieren, was die Meinungsbildung der Konsument_innen beeinflussen könne. Als Beispiel nannte Fischer die in den USA breit vertretenen Klimaskeptiker. Belopolsky argumentierte, dass auch Mindermeinungen wahrgenommen werden müssten, man dürfe diese nicht ignorieren. Es sei als Journalist_in daher wichtig, die richtigen Fragen stellen zu können.

Aus dem Publikum meldete sich daraufhin ein Student und warf die Frage auf, inwiefern das Bezweifeln des Klimawandels als Meinung zähle, die es zu repräsentieren gälte, da es zahlreiche wissenschaftliche Belege für den Klimawandel gäbe. Belopolsky stimmte dem zu, erklärte jedoch, dass auf solche Ansichten trotzdem eingegangen werden müsse, damit diese aufgeklärt werden und keinen weiteren Schaden anrichten könnten.

Der Einfluss des Journalismus’ auf die Gesellschaft

Einig waren sich Fischer und Belopolsky, dass in Deutschland eine große Vielfalt – sowohl an Medien als auch innerhalb von Medien – vorherrsche. Während Belopolsky jedoch die Meinung vertrat, dass es Aufgabe des Journalismus sei, dem Publikum die Generierung eines eigenen, möglichst vollständig informierten Meinungsbildes zu ermöglichen, also die aktuelle Lage objektiv darzustellen, vertrat Fischer den Standpunkt, dass Journalismus durchaus den gesellschaftlichen Änderungsprozess unterstützen solle.

Probleme und Chancen des Onlinejournalismus

Auch die Herausforderungen, die sich durch die Onlinepräsenz vieler Tageszeitungen und den damit verbundenen Kommentarfunktionen ergeben, wurden diskutiert. Belopolsky merkte an, der dadurch entstehende Kontakt mit den Leser_innen sei wichtig; manche würden diese jedoch auch für Hasskommentare oder Hetze missbrauchen. Sie schlug daher vor, für brisante Berichterstattungen die Kommentarfunktion zu deaktivieren – was Fischer wiederum nicht befürwortete. Auch aus dem Publikum meldeten sich Stimmen, die betonten, dass in einer Demokratie eine freie Meinungsäußerung möglich bleiben müsse, solange diese innerhalb des gesetzlichen Rahmens bleibe.

„Ein respektvoller Umgang miteinander ist besonders bei der Meinungsäußerung wichtig“, fasste Moderatorin Wüstefeld zusammen, „in der heutigen Zeit, in der jeder seine Meinung durch Klick mit der Öffentlichkeit teilen kann, ist das vielleicht ein wenig in den Hintergrund gerückt.“


Abschlusspodium: Wie geht Veränderung?

Zum Ende der Konferenzwoche beschäftigten sich die Studierenden mit Grundsatzproblematiken der Gerechtigkeit. Unter der Leitfrage „Wie geht Veränderung?“ riefen Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Studierenden beim Abschlusspodium auf, an Gerechtigkeit aktiv mitzuwirken.

Diskussion und Innovation für den Wandel

Zu der globalen Frage nach dem „Wie?“ will die Bundestagsabgeordnete Dr. Julia Verlinden neue Rahmenbedingungen schaffen. Denn ohne Veränderung ließen sich auch keine bereits bestehenden, guten Werte bewahren. Tom Schmidt, der als Mitbegründer der Open Lecture Hall die Studierenden Lüneburgs vertrat, sah den Schlüssel für Veränderung vor allem in der Zusammenarbeit. Diverse Interessen und Hintergründe zusammen zu bringen sei grundsätzlich eine Herausforderung, aber diese zu überwinden lohne sich: „So kann viel entstehen, beispielsweise die Open Lecture Hall für Geflüchtete.“ Prof. Dr. Daniel Lang sieht die Chance auf Veränderung an anderer Stelle: „Wir müssen uns auch durch andere Perspektiven verändern lassen und nicht nur immer absolut Neues schaffen wollen. Es gibt so viel existierendes, divergentes Wissen.“

Angst als Gegner jeder Veränderung

Auch die Frage, was Veränderung entgegensteht, war zentrales Thema der Podiumsdiskussion. Das Podium identifizierte vor allem die Angst als Hemmschwelle. Sandra Schürmann, die als Sozialunternehmerin arbeitslose Jugendliche zu „Sozialkünstlern“ ausbildet, riet: „Man muss sich selbst erfahren und körperlich spüren. Das verändert die eigene Haltung und Sichtweise und schafft Mut.“ Julia Verlinden nahm auch die Politik in die Pflicht: Diese sollte den Wandel nicht nur initiieren, sondern auch betreuen und mit den Ängstlichen in Dialog treten.

Von der Theorie in die Praxis: Bäume für mehr Gerechtigkeit

Die Angst zu handeln, kennt auch Stefan Voelkel, Geschäftsführer der Bio-Mosterei Voelkel -GmbH. Gerade im Unternehmertum werden wichtige Veränderungen, wie der Ausbau der ökologischen Landwirtschaft, zwar theoretisch gedacht, aber zu wenig praktisch umgesetzt. „Es werden so viele unsinnige Sachen gefördert, wie die Massentierhaltung“, hielt er fest. Um ein Zeichen für Aktionismus, sinnvolle Veränderung und gegen Angst zu setzen, versprach er der Zuhörerschaft eine Gemeinschaftsinitiative: „Raus aus der Theorie! Ich lade euch ein, zusammen 200 Streuobstbäume auf einer Freifläche in Lüneburg zu pflanzen!“

Dieser Tatendrang begeisterte den randvollen Hörsaal so sehr, dass nun fraglich ist, ob 200 Bäume ausreichen werden, um alle Interessierten einzubinden. In jedem Fall zeigte sich wieder einmal mehr, dass Veränderung gar nicht schwer zu erreichen ist, wenn an einem Strang gezogen wird. Die Studierenden waren jedenfalls von der spürbaren Motivation zum Wandel angetan: „Das Bewusstsein für andere Perspektiven wurde bereits das ganze Leuphana Semester hindurch geschärft. Nun war es wirklich spannend die vielen Projekte kennenzulernen“, so Aaron, VWL-Student, der sich ebenfalls an der Pflanzaktion beteiligen wird.

Mittwoch, 1. März

Neben durchgängigen Ausstellungen auf dem Gallery Walk im Hörsaalgang fand am Mittwoch, dem sogenannten „Spezialitätentag“, auch der „Slam of Change“ statt, der Studierenden die Möglichkeit gab, ihre Gedanken und Visionen zukünftigen Lebens in Slam-Form einem breiten Publikum zu präsentieren.

Slam of Change – Traditionsveranstaltung mit Zukunftsblick

Bereits im Vorfeld war die Studierendenschaft dazu aufgerufen, Texte für den „Slam of Change“ einzureichen. Die Originellsten wurden von einer Jury ausgewählt und von ihren Verfasserinnen beim mittlerweile 6. Slam of Change vorgetragen. Die Veranstaltung, die als spritziges Format aus dem bunten Konferenzwochen-Programm nicht mehr wegzudenken ist, stand unter dem Motto „Zukunftsblick – Was ist deine Perspektive?“.

Unsicherheiten, Egoismus und ein großer Traum

„Wer bin ich?“ und „Was will ich?“ – mit diesen Unsicherheiten setzte sich Henriette Reinhardt in ihrem Slam „Ich: das Phantom“ auseinander. In raffinierten Formulierungen erzählte sie: von der großen Unsicherheit, die die Generation Y begleite und von dem Gefühl der Überforderung, ausgelöst durch grenzenlose Entscheidungsfreiheit sowie von der Suche nach einem Platz in der Welt, an dem man keine Angst vor dem Versagen mehr haben muss, weil man sich dort einfach mal etwas traut, ohne nachzudenken und deshalb gewinnt. Mit starker Stimme teilte die Studentin der Liberal Arts ihren Wunsch: „Lass mal unsere Möglichkeiten gestalten, unsere Räume nicht nur verwalten“, um auch der nächsten Generation eine farbenfrohe Welt zu hinterlassen.

Auch Slammerin Pauline Hatscher, die Kulturwissenschaft studiert, hat den Willen, etwas zu verändern. Konkret meinte sie damit die Vereinigung zweier Gruppen: Die Träumer, die Revolutionen auslösen wollen und doch in Neonlicht-erhellten Großraumbüros enden und der Narzissten, denen keine Scheinheiligkeit zu groß ist, um ihr Karriereziel zu erreichen. „Wir machen uns alle etwas vor!“, sagte sie und spielte damit nicht nur auf den Klimawandel, sondern auch auf das Scheitern der Gesellschaft an, die vom Egoismus zerfressen werde. 

Träume denken und Einmischung für eine gerechtere Welt

Van Bo Le-Mentzel, Architekt und Autor, konnte die Ängste und Visionen der Siegerinnen gut nachvollziehen. Ausschließlich reimend verschaffte er sich in der anschließenden Diskussion Gehör: „Ich fänd's besser, wenn wir die Grenzen verwischen und die, die nicht zusammen passen mischen“. Jeder müsse für sich seine Träume denken und dann ausleben, so wie er es mit seiner Architektur hält: „Sie ist für mich nicht nur Abgrenzung zur Natur. Sie ist ein Astralleib der Träume, der zeigt, wie ich mich fühlen möchte in einer Gesellschaft, die mehr tut, als uns nur fertigmacht.“

Der Slam of Change hat nicht nur Visionen gezeigt, sondern auch einen Raum für Gefühle und Ehrlichkeit geöffnet: Im Anschluss an den Slam stimmte der gesamte Hörsaal spontan „Heal the world“ von Michael Jackson an.


Projekte auf dem Gallery Walk

Der Gallery Walk, das zweite Traditionsformat der Konferenzwoche, zeigte viele innovative Projekte aus den Seminaren des Leuphana Semesters. Fast nicht wieder zu erkennen, bot der Hörsaalgang ein farbenreiches Bild voller Girlanden aus Obst, knalligen Postern und Statements für Gerechtigkeit. Musik, die von der Lunatic Spielwiese herüber klang, das Aroma exotischer Teigwaren sowie heimischer Früchte und das angeregte Stimmengewirr an den kunstvoll gestalteten Ständen sprachen sowohl die Sinne als auch das Interesse der internen und externen Besuchenden an.

Fahrräder, Ernährung, Feminismus – die Gerechtigkeit offenbart ihre Facetten

Das kennzeichnende Charakteristikum des Gallery Walks sind Jahr für Jahr die mannigfaltigen Themen, die von Kleingruppen verschiedener Seminare engagiert ausgearbeitet und liebevoll aufbereitet präsentiert werden. So reihen sich die Wiederansiedlung der Wölfe an Ernährungsspezialisten und die Vision einer essbaren Stadt an den Feminismus im Islam. Kombinationen, die auch in der Studierendenschaft für Verblüffung und Enthusiasmus sorgten. „Ich freue mich sehr auf dem Gallery Walk meinen Vortrag zu halten, weil ich versuchen möchte, meine Kommilitonen zum Nachdenken anzuregen. Außerdem interessiert es mich unglaublich zu sehen, welche Projekte die anderen Gruppen erarbeitet haben“, sagte Student Lukas begeistert.

Eines dieser Projekte stammt aus dem Seminar „Kre-aktiv zu globaler Gerechtigkeit“. Unter der Leitung von Ralf Classen entwickelte eine Kleingruppe die App „Smart markt“, die dem oder der Kundin im Supermarkt verrät, wie nachhaltig das jeweilige Produkt ist. Hierbei werden Transportwege, Herkunft, Anbau und die Verpackung genauer unter die Lupe genommen und dem Verbraucher darüber hinaus wertvolle Hintergrundinformationen über das Produkt geliefert. Die Studentinnen traten direkt mit einem Supermarkt der Lüneburger Innenstadt in Verbindung, um sich die potentielle Umsetzbarkeit der App bestätigen zu lassen. Auf dem Markt ist sie allerdings noch nicht, doch auch ohne technisches Hilfsmittel konnten die Studierenden Empfehlungen für momentan nachhaltig zu erwerbende Lebensmittel geben: Rosenkohl, Feldsalat und Äpfel sind nicht nur gut für den Körper, sondern auch im Januar absolut gerecht Produkte.

Nur wenige Schritte weiter präsentierte Sebastian Meyer, Student der Ingenieurswissenschaften, versteckt hinter einem Berg aus Fahrradbauteilen das Cradle-to-Cradle-Konzept. „Wir erfinden das Rad neu! Dass das Fahrrad ein sehr nachhaltiges Fortbewegungsmittel ist, ist nämlich leider nur ein Vorurteil.“ Die Projektgruppe des Seminars „Sind wir Menschen Parasiten der Erde?“ informierte über die problematischen Stoffe, aus denen ein Fahrrad besteht und sorgte mit detaillierten Informationen über krebserregendes Kontaktgift, welches sich in vielen Radmänteln befindet, für entgeisterte Gesichter. „Wir versuchen ein komplett recyclebares Rad zu entwickeln und die giftigen Materialien zu ersetzen“, lautet deren Plan für die Zukunft.

Dienstag, 28. Februar

Dienstag, der erste offizielle Programmtag der zehnten Konferenzwoche, wurde mit wegweisenden Podiumsdiskussionen und Gesprächen zur europäischen und deutschen Gerechtigkeit eingeläutet. Zu den Diskussionen von Politikern, Journalisten und Wissenschaftlern kamen nicht nur Studierende, sondern auch zahlreiche Zuhörer_innen aus Lüneburg. Der Fokus lag gleichermaßen auf der Flüchtlingspolitik Europas wie auch auf den UN-Entwicklungszielen, den SDG (Sustainable Development Goals).

Ein Blick auf die Außengrenzen Europas – Kann die EU Gerechtigkeit?

Mit dieser Frage setzen sich der geflüchtete, syrische Zahnarzt Anas Batal, der CDU-Bundestagsabgeordnete Eckhard Pols und Stefan Schmidt, der ehrenamtliche Flüchtlingsbeauftragte Schleswig-Holsteins in Hörsaal 3 auseinander. Aus Istanbul wurde der Türkei-Korrespondent des Spiegels Maximilian Popp live zugeschaltet. Nach einer kurzen Vorstellung der Standpunkte bezüglich der Flüchtlingspolitik Europas gab der Leuphana-Student Alexander König den Startschuss für eine intensive Diskussion, in der schnell deutlich wurde, dass die Zusammensetzung der Gäste aufgrund sehr unterschiedlicher Standpunkte für Zündstoff sorgen würde.

Eine Diskussion auf zwei Ebenen

Während Popp die Meinung vertrat, dass Flüchtenden ein sicherer Weg nach Europa ermöglicht und illegale Schlepperbanden durch Helfer_innen entkräftet werden müssen, bewegte sich Pols im Bereich innenpolitischer Asylentscheidungen und etwaiger Rückführungen in die Herkunftsländer. Popps massive Kritik an der Politik Angela Merkels, die „Flüchtlinge von Europa fernhalten möchte und deshalb den Türkei-Deal schloss“, wies der Politiker resolut zurück und verwies auf die Grenzöffnung im Jahr 2015 als „großen Akt“.

Mit den Worten: „Im Vergleich ist die Situation heute zu der vor zehn Jahren deutlich schlechter geworden. Die Rettung Schiffbrüchiger im Mittelmeer ist nur Augenwischerei“, bekräftigte Stefan Schmidt den Lösungsansatz eines sicheren Weges für Flüchtende, stellte das stillschweigende Akzeptieren von Schlepperbanden in der Politik in den Mittelpunkt der Diskussion und mahnte den damit verbundenen sicheren Tod vieler Fliehenden an. Batal berichtete aus eigener Erfahrung, wie schwierig dieser in der Realität und trotz gesichertem Aufenthaltsstatus sei.

Auch die abschließenden Aussagen der Beteiligten zeigten die Brisanz, die die deutsche und europäische Flüchtlingspolitik auslöst. Während Popp für seinen Verteidigung von offenen Grenzen und legalen Wegen nach Europa bekräftigende Zurufe aus der Zuhörerschaft erhielt, stellte Schmidt fest: „Wir sind kein Europa, das zusammenarbeitet.“ Pols dagegen zeigte sich optimistischer: „Man kann in der deutschen Politik jetzt schon von Gerechtigkeit sprechen“.

Die Sustainable Development Goals - Neustart für eine gerechte Entwicklung

Etwas ruhiger, aber genauso interessant, debattierten währenddessen der Projektleiter von ENGAGEMENT GLOBAL GmbH Dr. Joy Alemazung, Dr. Jörg Mayer-Ries aus dem Bundesministerium für Umwelt, und Prof. Dr. Patrizia Nanz vom „Institute for Advanced Sustainability Studies“ im benachbarten Hörsaal unter der Moderation von Sven Prien-Ribcke. Der Philosoph Prof. Dr. Thomas Pogge diskutierte per Live-Schaltung von der Yale University aus mit. Im Kern des Austauschs standen die Sustainability Development Goals, also die UN-Entwicklungsziele, die für mehr globale Gerechtigkeit kämpfen sollen und nicht nur den Umweltschutz, sondern auch die Armutsbekämpfung betreffen.

Kritische Beurteilung der Ziele

Dass die Visionen der UN zunächst einen positiven Eindruck machen, bestritt keiner der Anwesenden. Beschwingte Aufbruchsstimmung und Jubel riefen sie allerdings auch nicht hervor. Prof. Dr. Thomas Pogge kritisiert vor allem, dass ein großer Fortschritt im Bereich der Armutsbekämpfung allein durch weiteres Wirtschaftswachstum erwartet wird. „Doch bis dieses eintritt, werden weiterhin viele Menschen an Hunger sterben“, gab er zu Bedenken und kritisierte eine abwartende Haltung auf wirtschaftlich starke Zeiten, die die Armut verringern sollen. Sein Ansatz zur Armutsbekämpfung sieht aktiven Einsatz vor: „Wir müssen zusehen, dass wir die Menschenrechte erfüllen!“

Ähnlich beschrieb auch Alemazung die Situation: „Die SDGs sind eine Chance für einen Perspektivwechsel in der globalen Welt.“ Doch auch er äußerte Bedenken darüber, dass solche Ziele nicht erreichbar seien, wenn in Ländern wie beispielsweise der USA die Pressfreiheit eingeschränkt werde. „Die Ziele der Menschenrechte sind so nicht erreichbar!“.

Zielkonflikte erschweren die erfolgreiche Umsetzung

Nicht nur die Umsetzung der Menschenrechts-Konventionen liegt anscheinend noch in weiter Ferne, für Prof. Dr. Patrizia Nanz stehen der Erreichung der SDGs darüber hinaus zu viele Zielkonflikte entgegen, die noch nicht hinterfragt und lösungsorientiert genug diskutiert werden. Wie soll zukunftsgewandte Arbeit aussehen und wie soll sich die Politik ausrichten, um zumindest ein Wohlergehen der Gesellschaft zu erreichen?

Darüber, dass die Politik einen entscheidenden Einfluss auf den Wirtschaftswachstum zur Armutsreduktion und somit mehr Gerechtigkeit in der Welt hat, besteht Einigkeit unter den Teilnehmenden. Einen Ansatz, wie dieser genutzt werden könnte, um die Zielkonflikte zu umgehen, lieferte Mayer-Ries auf Nachfrage eines Studierenden aus dem Publikum: „Zur Armutsbekämpfung gehört auch die Sicherung der natürlichen Lebensgrundlagen. Wir müssen die SDGs als Lernprozess der Gesellschaft sehen, in dem Städte als politische Akteure vertreten sind.“ Zudem appellierte er die kleinen Fortschritte, die bereits gemacht werden zu würdigen. Dass Deutschland so intensiv über die Zukunft nachdenkt und sowohl die Etappenziele, als auch das eklatante Versagen in Bereichen öffentlich ausweist und sich auch falsches Handeln selbstkritisch eingesteht, um dem Rechtspopulismus den Nährboden zu nehmen, sei nicht selbstverständlich. Nur so könne jedoch ein Wandel zur Gerechtigkeit entstehen.


Ein Zukunftsrat für Lüneburg? „Demokratie lebt von Austausch und Diskussion!“

Unter den vielen Events des Konferenzwochen-Dienstags war auch eine Veranstaltung der Bildungsreihe „Einwanderungsland Europa“. Die Partizipationsforscherin Patrizia Nanz erklärte ihre Idee der Zukunftsräte, mit denen den Bürger_innen eine Partizipationsmöglichkeit gegeben werden soll.

Größere Akzeptanz für "starke Führungspersonen"

„In den letzten Jahren hat die politische Entwicklung Fahrt gegen die Demokratie aufgenommen“, verdeutlichte Nanz. Dazu bezog sie sich auf verschiedene Studien – unter anderem der Harvard University –, die belegen, dass der Glaube der Bevölkerung an demokratische Werte abgenommen hat, größere Bevölkerungsgruppen sich zu autoritären Gruppierungen hingezogen fühlen und eine größere Akzeptanz von „starken Führungspersonen“ vorherrscht. Auffällig an den Ergebnissen sei, dass die vor dem Zweiten Weltkrieg geborenen Generationen der Demokratie und ihren Werten einen größeren Stellenwert zumisst als die jüngeren Generationen. Damit seien die Grundvoraussetzungen für die Demokratie nicht mehr gegeben. Die Bereitschaft, zu diskutieren, sich also mit anderen Meinungen auseinanderzusetzen, habe abgenommen. „Demokratie lebt aber durch Diskussion. In einer Demokratie muss es immer Alternativen geben“, erklärte Nanz. Wertekonflikte müssten artikuliert und ausgetragen werden. Partizipation, beispielsweise durch Zukunftsräte, dürfe dabei nicht zusätzlich geschehen, sondern müsse als eigenes Betriebssystem existieren.

Bürgerbeteiligung finde bisher selten und wenn, dann nur punktuell statt – also wenn ein akutes Problem anstehe. Die Idee des Zukunftsrats sei in Anlehnung an die der Bürgerräte entstanden. Zukunftsräte würden sich jedoch – wie der Name suggeriert – nicht mit aktuellen Problemen beschäftigen, sondern mit Zukunftsfragen und langfristigen Themen. Damit stellten Zukunftsräte eine Gegenbewegung zum Gegenwartsbezug anderer Ansätze und auch der Politik dar, deren Akteure oft nur im Hinblick auf die nächste Wahl arbeiten würden.

Wie könnte ein Zukunftsrat aussehen?

Im Zukunftsrat würden dann auf kommunaler Ebene 15 bis 20 zufällig ausgewählte Bürger_innen eine Einladung erhalten, am Zukunftsrat teilzunehmen. Nanz schlägt dann eine Amtszeit von zwei Jahren vor, für die diese dann aktiv sein würden. „Im kooperativen Modus werden dann Lösungen erarbeitet und die Zukunft in die Gegenwart geholt“, erläuterte Nanz. In der anschließenden Diskussion stellte ein Zuhörer die These auf, dass Zukunftsräte einen Machtverlust für Politiker und andere Etablierte zur Folge hätten. Anwesende Politiker_innen waren jedoch der Meinung, dass dies nicht der Fall sei und gerade auf kommunaler Ebene Zukunftsräte ein gutes Mittel zum Austausch mit den Bürger_innen seien – wobei zu klären wäre, ob die vorhandenen Verwaltungsstrukturen überhaupt mit dieser Form der Partizipation umgehen könnten.

Anschließend hatten Interessierte die Möglichkeit, in dem Workshop "Demokratiewerkstatt" die Voraussetzungen für einen Zukunftsrat in Lüneburg zu entwickeln. Das zentrale Ergebnis war, dass der Politik kein verbindlicher Umgang mit den Entscheidungen des Bürgerrates vorgeschrieben werden kann, Transparenz der Politik im Umgang mit den Beschlüssen jedoch maßgeblich sei. 

Die Seminargruppe unter der Leitung von Sven Prien-Ribcke, die sich im Leuphana Semester mit dem Thema Zukunftsrat auseinandergesetzt hat, wird in der folgenden Zeit die Ergebnisse der Diskussion zusammenfassen und analysieren. „Ob es in Lüneburg tatsächlich in absehbarer Zeit einen Zukunftsrat geben wird, ist allerdings von den politischen Akteuren abhängig“, erklärte Prien-Ribcke. „Es wurde jedoch am Rande bereits diskutiert, eine Initiative zu diesem Thema zu gründen – und natürlich halten wir es offen, das Seminar weiterzuentwickeln.“ Claudia Schmidt, Abgeordnete in Lüneburg und Teilnehmerin der Diskussion und der Demokratiewerkstatt, sagte, sie sei offen für eine Umsetzung des Konzepts des Bürgerrats in Lüneburg.

Montag, 28. Februar: Auftakt zur zehnten Konferenzwoche

Die 1.500 Erstsemesterstudierenden der Leuphana wussten noch nicht so recht, was sie erwarten würde, als sie sich am frühen Montagabend zur großen Auftaktveranstaltung in den Hörsälen der Universität einfanden. Das Organisationsteam hatte bis zum Schluss ein Geheimnis aus dem Programm gemacht. Hin und wieder sickerten jedoch einige Programmpunkte durch, die für aufgeregtes Getuschel in den Reihen sorgten. „Wir bekommen Besuch von einem der besten Orchester der Welt, dem Orchester des Wandels. Außerdem werden wir einen spannenden Impulsvortrag von Dr. Maja Göpel hören“, verriet Clara Julia Reich vom Organisationsteam.

Zu Gast bei der Gerechtigkeit

Die Begrüßung und Moderation des Abends erfolgte von keinem anderen als der Gerechtigkeit selbst, zumindest in Form eines studentischen Vertreters. Gemeinsam mit den Kollegen „Recht“, „Moral“ und „Ethik“ begab sie sich in eine Gesprächsrunde, um die alles entscheidende Frage „Was macht die Welt gerecht?“ zu umreißen. Hierbei ging es nicht nur um Eigentum und Besitz, sondern auch um die Frage, wie Gerechtigkeit vor juristischen und ethischen Hintergründen auszulegen ist. Dabei ergaben sich große Differenzen. Dennoch konnte die Kernthese „Wir nehmen das Thema erst ernst, wenn es persönlich wird!“ kollektiv aufgestellt und durch den Besuch von Amin Aslan verankert werden. Der aus Afghanistan Geflüchtete lebt und studiert seit zweieinhalb Jahren in Lüneburg. Er berichtete von seinen erfolgreichen Bemühungen um Integration – und von dem Abschiebebescheid, den er letzte Woche in seiner Post auffand. Unruhe ging durch die Studierendenschaft, mit einem emotionalem und kritischem Auftakt wie diesem hatte keiner gerechnet. Anschließend folgte viel Applaus für Amins Mut zu berichten und für eine ins Leben gerufene Petition, die Stimmen für Amins Verbleib in Deutschland sammelt.

„Wenn wir alle Freunde wären, bräuchte es keine Gerechtigkeit.“

Wie wichtig eine angeregte Diskussion über Gerechtigkeit sei, betonte auch Präsident Sascha Spoun, denn eine Antwort auf die Leitfrage habe auch er keine. Dafür gab er den Studierenden drei Wegweiser für den Gang über die Konferenzwoche und durchs Leben mit: Gerechtigkeit ist nur der zweitbeste Weg, der Beste findet sich in Freundschaft; der größte Widersacher der Gerechtigkeit ist die Selbstgerechtigkeit und Gerechtigkeit erfordere einen Dialog. Anhand dieser Leitsätze appellierte er an die Studierenden das Format der Konferenzwoche nicht nur als Prüfung anzusehen, sondern auch als Plattform für Freundschaften zu nutzen, einander vor Selbstgerechtigkeit zu bewahren und in einen Dialog zu treten, in dem einander aufrichtig zugehört wird.

Der Klang von Wandel und Gerechtigkeit

Dass (Un-)Gerechtigkeit auch einen schweren und trüben Klang mit sich bringen kann, ist jedem Teilnehmenden des Leuphana Semesters in den vergangenen Monaten bewusst geworden. Das „Orchester des Wandels“ schaffte es dennoch mit musikalischen Einlagen dem Wort die Wucht zu nehmen und ließ Hoffnung auf eine gerechtere Welt erklingen. Fünf Musiker des Orchesters, das von  Künstlern der Berliner Staatskapelle ins Leben gerufen wurde, verdeutlichten auf musikalische Weise, dass alle kulturellen Werte und Standards des gesellschaftlichen Gemeinschaft zusammenwirken und deshalb jeder Mensch einen allumfassenden Anspruch an Gerechtigkeit stellen sollte. Der NaturTon-Stiftung des Orchesters geht es darum, mit Andersartigkeit durch Konzerte an divergenten Orten der Kultur mehr Licht zu schenken. Ihre Musik solle zum Zeitvergessen einladen, eine Inspirationsquelle bieten und zum Nachdenken anregen. Nicht nur der große Applaus der Zuhörenden verriet, dass dies zumindest an der Leuphana bereits ein Stück weit gelungen ist.

Zukunftsgerechtigkeit: Vision oder realistisches Ziel?

Der Frage, warum es so schwer ist, eine gerechte Welt zu etablieren, wenn soziale Gerechtigkeit laut Statistiken eines der wichtigsten gesellschaftlichen Ziele ist, ging anschließend Dr. Maja Göpel vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie in einem Impulsvortrag nach. Sie machte bewusst: „Nicht ein Entwicklungsmodell auf diesem Planeten kann bleiben, wie es ist!“ Da sich große Klüften zwischen den sozialen Schichten entwickeln, sei der einzige Ansatz, eine Chancengerechtigkeit zu schaffen. An diesem Punkt führte Göpel die mehr oder weniger glücklichen Lotterie-Spiele an, an denen wir nolens volens teilnehmen: Geburtslotterie der Geografie, Bildungslotterie, Geburtslotterie der Generationen. Alle sie zeigen, dass die subjektiven Chancen einer Person, beispielsweise auf Bildung und damit einhergehend die spätere finanzielle Situation, von unveränderlichen Faktoren wie dem Geburtsort abhängig sind. Wo bleibt dann die Gerechtigkeit?

„Wir alle müssen umdenken. Das Prinzip der Suffizienz wird viel zu wenig beachtet“, betonte Maja Göpel. Sie sehe keine Lösung darin Quantitäten festzulegen, anstelle dessen müssten Korridore manifestiert, also eine grundlegende Basis festgelegt werden, die jeder Mensch besitzen sollte, um von ihr zehren zu können. Denn erst wenn die Menschen verstehen, dass „Genug haben“ für alle ausreichend wäre, könne sich Chancengerechtigkeit etablieren.

„Verändern wir die Welt – nur ein kleines bisschen!“

Dass Gerechtigkeit kein statischer Begriff ist, sondern in vielen verschiedenen Dimensionen aufblitzt, dürfte den Studierenden bereits vorher durch ihre unterschiedlichen Seminare des Moduls „Wissenschaft trägt Verantwortung“ bewusst geworden sein. Nun sind sie an der Reihe, ihren Visionen und Ideen für eine gerechtere Welt Gehör zu verschaffen. In Seminarplenen, bei Podiumsdiskussionen, oder auf dem Gallery Walk erhielten die Studierenden und ihre Projekte eine Stimme und die Möglichkeit, etwas anzustoßen und Bewegung zu schaffen, um die Welt ein kleines bisschen zu verändern.

„Ich freue mich sehr, unser Projekt zur „Schule im Wandel“ zum Abschluss zu bringen und einen informativen Vortrag zu halten“, meinte Roman, der Berufliche Bildung in der Sozialpädagogik studiert. Doch nicht nur für die eigenen Präsentationen, auch für die weiteren Veranstaltungen der Kommiliton_innen konnten sich die Studierenden begeistern. „Ich finde es super, dass es ein so diverses Programm gibt. Da ist bestimmt für jeden etwas dabei!“, freute sich Leona, die selbst in einem Seminarplenum zum Umgang mit dem Körper anzutreffen sein wird.

Während am Dienstag neben Vorträgen auch hochkarätig besetzte Podiumsdiskussionen stattfinden, erwartet die Studierenden am Mittwoch der „Spezialitätenabend“, der gespickt mit einem Poetry Slam und der Schnippeldisco eine lockere Atmosphäre für Kontakte und angeregte Gespräche bietet.

Und auch das Feedback soll nicht zu kurz kommen: Die Erstsemester_innen sind dazu aufgefordert ein kurzes Video zu drehen und ihre Erfahrungen und Emotionen des Leuphana Semesters zu Gerechtigkeit ungeschont ehrlich darzustellen. Das Siegerteam dieses „Storytelling-Wettbewerbs“ wird im finalen Abschlussevent am Donnerstag geehrt werden, genauso, wie das engagierteste Projekt den „Salzkristall“ erhalten wird.


Kontakt

Sven Prien-Ribcke, M.A.
Universitätsallee 1, C8.122
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2839
sven.prien-ribcke@leuphana.de

Weitere Infos zur Konferenzwoche 2017


Redaktion: Ann Cathrin Frank, Morgaine Struve und Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.