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Der Master-Schwerpunkt „Sound Studies“: Prof. Dr. Rolf Großmann im Interview

03.03.2017 Das Allererste, was ein Mensch in seinem Leben wahrnimmt, ist ein Klang: Der Herzschlag der Mutter. Das Geräusch, das die Tasten der Computer-Tastatur machen, nimmt man erst wahr, wenn man sich eine neue kauft, die anders klingt. Wenn ein Handy in einem vollen Hörsaal aufleuchtet, schaut eine Person drauf; wenn die Android-sms-Melodie erklingt, holt die Hälfte des Hörsaals das Handy heraus. Sounds spielen in unserem Leben eine große Rolle, mindestens eine so große wie Bilder, aber man beschäftigt sich kaum damit. Der Schwerpunkt „Sound Studies“ im Master Kulturwissenschaften an der Graduate School bietet eine wissenschaftliche Perspektive und ein Studienprogramm zum Thema Sounds. Studiengangsleiter Prof. Dr. Rolf Großmann sowie die Studierenden Jonas Kellermeyer und Jakob Wössner berichten im Interview von dem Studium.

Prof. Dr. Rolf Großmann ist Geschäftsführender Direktor des "Instituts für Kultur und Ästhetik digitaler Medien" (ICAM) und Leiter des Schwerpunktbereichs "((audio)) Ästhetische Strategien".

Was erwartet Studierende bei Sound Studies, was ist der Schwerpunkt?

Rolf Großmann: Im Mittelpunkt des Studiums stehen die digitalen Perspektiven, die zahlreichen Veränderungen, welche die Medien in die Sound-Gestaltung eingebracht haben. Die werden oft in den herkömmlichen Disziplinen nicht richtig abgebildet. Sie lassen sich auch einfach nicht richtig abbilden, denn sie sind neu und umfassen mehrere Disziplinen: Medienwissenschaft, Kulturwissenschaft, Technik oder Informatik zum Beispiel. In den Sound Studies geht es aber auch um genuin kulturwissenschaftliche Aspekte wie Gender und Interkulturalität.

Wie hängt Interkulturalität mit Sound zusammen?

Rolf Großmann: Dass verschiedene Kulturen verschieden mit Sound umgehen, kann man etwa bei Auto-Tune, also der automatischen Tonhöhen-Korrektur für Musikproduktionen sehen: In Europa wird das meist brav dazu benutzt, den Sound zu verbessern, afroamerikanische Kulturen – etwa im Hiphop – gehen da ganz anders mit um. Da wird ein kreatives Artefakt hergestellt und zu verschiedenen Möglichkeiten genutzt.

Und Gender?

Rolf Großmann: Gender und Sound, die Erforschung des Zusammenhangs zwischen beiden ist ein relativ neues Thema. Kinder-, Frauen- und Männerwelten haben jeweils einen anderen Sound, sie sind auditiv anders definiert. Uns ist dieser Unterschied schon allein dadurch vertraut, dass Frauen eine Gesangsmelodie grundsätzlich um eine Oktave höher singen als Männer und natürlich auch in einer höheren Tonlage sprechen.

Es ist also transdisziplinär?

Rolf Großmann: Ja. Anders würde man sich in der Vielfalt von Klang-Sound-Audio-Geräusch-Musik auch nicht zurechtfinden. Beispiel Urban Sounds: Im Sommer werden wir zusammen mit der Architektur eine Summerschool in Brasilien veranstalten und in São Paulo Soundaufnahmen machen, das Vorhaben wird vom DAAD gefördert. Bei einem solchen Projekt hilft einem die traditionelle Musikwissenschaft, etwa die Harmonielehre nicht weiter. Man muss auch etwas über Stadtentwicklung wissen: Wie klingt eine Stadt? Welche künstlerischen Interventionen sind möglich?

Warum sollte man die Vertiefung der Sound Studies an der Leuphana studieren?

Rolf Großmann: An der Leuphana gibt es eine lange Tradition in dem Thema. Als es noch das Magister-System gab, hieß dieses Feld „Erweiterte Musikwissenschaft“. Auf der Website haben wir es schlicht „Audio“ genannt, denn wir wollten es nicht auf Musik verengen. Musik ist ein wichtiger, aber nichtsdestotrotz nur ein Aspekt von Audio, von Sound. Wir arbeiten auch international mit anderen Pionieren der Sound Studies zusammen, zum Beispiel mit Prof. Dr. Holger Schulze von der Uni Kopenhagen. Die Bachelor-Vertiefung „Musik und auditive Kultur“ am College mündet nun perfekt in den Master. Außerdem sind wir sowohl sehr theoriestark, seit vielen Jahren schon, als auch praxisbezogen: Wenn man möchte, kann man in unser AudioLab gehen und Produktionen machen.

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um studieren zu können?

Rolf Großmann: Vor allen Dingen große Neugier auf Klänge - das ist das wichtigste. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Dann sollten Studierende schon irgendeinen Berührungspunkt mit Kulturwissenschaft oder Medienwissenschaft im Bereich des Auditiven gehabt haben. Was man haben kann, aber nicht muss, ist musikwissenschaftliche Erfahrung, denn die hilft einem weiter, wenn es um den engeren Bereich der Musik geht. Zudem ist es hilfreich, wenn man schon ein bisschen Informatik oder Musiktechnologie drauf hat.

Informatik und Technologie?

Rolf Großmann: Ja. Nehmen wir „GarageBand“, eine weit verbreitete Musik-App, die unter anderem einen automatischen Drummer anbietet. Wenn Musik, die man damit erstellt hat, vorspielt, merken viele Hörer_innen gar nicht, dass das kein echter Drummer ist. Die Innovation, die wir in der Musik heutzutage haben, hat ganz viel mit Technologie zu tun. Als Gestaltungstechnologie, als Kulturtechnik auditiver Gestaltung, haben wir nicht mehr die geschriebenen Noten, sondern die digitale Schrift, das Sampling, die ganze analoge Phonographie des 20. Jahrhunderts. Menschen, die damit arbeiten, wie DJs, aber eigentlich jede und jeder, der sich mit Remixes oder Editing beschäftigt sind heute die innovativen Gestalter der Musik.
Wenn man früher keine Noten lesen konnte, konnte man kein Komponist werden. Wenn man heute nicht weiß, was Phonographie ist, was ein Sampler ist, wird man in dieser aktuellen Musik nicht dabei sein können.

Was hat es mit der Kooperation mit der Universität Hildesheim auf sich?

Rolf Großmann: Dort gibt es die Initiative für einen musikanthropologisch ausgerichteten Master. Die haben sich an uns gewandt, weil wir in diesem Bereich anschlussfähig sind, wir haben unsere Kräfte zusammengelegt und wir tauschen unsere Lehrkapazitäten aus. Somit können wir aus Hildesheim Bereiche importieren, die es hier nicht gibt, zum Beispiel postkoloniale Musiktheorie.

Wie ist das Feedback nach dem ersten Semester?

Rolf Großmann: Das Feedback ist bislang sehr positiv. Was mich überrascht hat, ist, dass wir ein sehr breites Spektrum an Studierenden haben. Bei uns studieren Leute, die gerne viel Theorie machen und in der Wissenschaft weiter machen wollen. Es gibt aber auch welche aus der DJ-Praxis, besonders aus der Hamburger Szene. Deren Frage ist: „Wie kann ich meine Perspektive auf Sound erweitern?“

Wie sehen die Berufschancen nach dem Studium aus?

Rolf Großmann: Kulturwissenschaftler_innen studieren stets auf einen breiten Bereich zu. Wir haben bisher sehr gute Erfahrungen gemacht, unsere Absolvent_innen kommen gut unter – das war auch früher mit dem Magister und dem Musik-Schwerpunkt so. Unsere Alumni arbeiten etwa in Softwarefirmen, in der Unterhaltungsindustrie im mittleren und gehobenen Management, einer ist beispielsweise jetzt bei Universal Music. Ein anderer ist Studiobetreiber und leitet eines der wichtigsten Mastering-Studios in Deutschland. Es gibt auch Leute in ‚Entscheidungsfindungs-Einrichtungen‘, zum Beispiel in Stiftungen und Ministerien, außerdem natürlich in Rundfunk- und Fernsehanstalten.

Jakob Wössner (links) und Jonas Kellermeyer, Studierende der Sound Studies

Nutzt Du auch die praktische Seite des Studiums?

Jakob Wössner: Ja, ganz bewusst. Im BA-Studium gibt es auch Projekte wie das Lunatic-Festival. Immer Hand in Hand mit den Seminaren, die ich hier wählen kann. Ich habe auch eine Booking-Agentur gegründet, neben dem Studium, und arbeite auf verschiedenen Festivals als Stagemanager. Ich versuche da immer so ein bisschen, den Spagat zwischen der Theorie und der Praxis hinzubekommen.

Hilft Dir das Studium einen Überblick über das große Thema Sound zu bekommen?

Jakob Wössner: Das tiefere Verständnis besteht für mich darin, dass man versucht, Klänge so objektiv wie möglich wahrzunehmen. Also zu verstehen, dass es nicht nur Musik und Nicht-Musik gibt, sondern dass alles, was um uns herum auditiv passiert, es wert ist, betrachtet zu werden. Dass man auch die Phänomene außerhalb von Popmusik und klassischer Musik betrachten muss.

Warum wolltest Du die Sound Studies an der Leuphana studieren?

Jakob Wössner: Weil ich hier schon Sachen gegründet habe und hier Bezugsgruppen habe. Und im Bachelor habe ich schon viele Ansätze gesammelt, aber hatte auch Lust, das noch zu vertiefen. Auch weil mir die Vertiefung hier sehr gut gefällt, besonders der digitale Bezug. Das ist für mich irgendwie so am Puls der Zeit. Über die Themen, über die man hier spricht, die im Studium behandelt werden, damit ist man wirklich ganz nah an der Innovation dran.

Was ist Dein Ziel für das Studium?

Jakob Wössner: Ich habe hier auch den Bachelor gemacht, es geht mir beim Master darum, noch mehr Erkenntnis zu gewinnen. Ich möchte im Musik-Bereich arbeiten. Aber ich weiß auch, dass es mir gut tun wird, auch nochmal theoretisch in die Tiefe zu gehen und nochmal Musik oder Klänge an sich zu betrachten. Also es geht mir nicht darum, das irgendwie zu bewerten, subjektiv, „ich mag das“, „ich mag das nicht“, sondern herauszufinden, warum und wie verschiedene Arten von Musik funktionieren. Auch einen Weiterblick zu bekommen und ein Vokabular, mit dem man Musik beschreiben kann.

Warum hast Du Dich für die Sound Studies in Lüneburg entschieden?

Jonas Kellermeyer: Grundständig, also nicht weiterbildend, gibt es den Master in den Sound Studies nur in Lüneburg. Deswegen wollte ich hierher. Mich interessiert die Theorie von den Sound Studies, welche Verknüpfungen es da gibt.

Was interessiert Dich am meisten?

Jonas Kellermeyer: Die Entdeckung der auditiven Sphäre. Also dass man überhaupt weggeht vom Bildlichen, das gibt es ständig. Auch unsere Metaphern funktionieren fast immer über das Bildliche, „Ein Auge auf etwas werfen“ zum Beispiel. Die Sound Studies behandeln die auditive Dimension. Und zwar mit einer wesentlichen Tiefe, das Auditive als für sich stehend, nicht nur als Beiwerk betrachtend. Es gibt ja mittlerweile auch Klangdesigner für Autos, die entwerfen zum Beispiel den Klang von Elektroautos und klären Fragen wie „Wie soll es klingen, wenn die Tür zuklappt?“. Bei ganz vielen Dingen ist es wichtig, dass es sich wertig anhört. Man ist immer von Sound umgeben. Wo der Mensch auch ist, macht er Lärm. Man kommt nicht drum herum, Lärm zu machen oder Geräusche, die verbinden einen auch mit der Welt. Man kann jedenfalls in den Sound Studies noch viel entdecken, es ist noch nicht so festgelegt.

Was möchtest Du nach dem Studium machen?

Jonas Kellermeyer: Meine Wünsche ändern sich dauernd. Ich hatte lange Zeit vor, in den Journalismus zu gehen, in den klassischen Popjournalismus, habe da auch lange Zeit gearbeitet, als Freelancer. Das hat sich aber total gewandelt, irgendwann hatte ich das Bedürfnis in der Musikindustrie Fuß zu fassen. In meiner Bachelorarbeit habe ich mich mit Musik-Distribution beschäftigt. Aber was immer schon mitschwang und jetzt noch stärker wird, ist die akademische Bindung, ich habe große Lust, zu promovieren.

Seid ihr Studierenden manchmal in Hildesheim?

Jonas Kellermeyer: Ja, neulich erst, zu einem spannenden Seminar, zumal sehr praktisch, wo wir auch mit Synthesizern herumexperimentiert haben. Es ging nicht um Virtuosität, eher Trial and Error, einfach ausprobieren.

Wem würdest Du den Studiengang empfehlen?

Jonas Kellermeyer: Ich würde ihn denen empfehlen, die auch kulturtheoretisch interessiert sind. Und man muss schon ein Faible für Sounds haben und neugierig sein.


Im Zuge der Summerschool 2015 in São Paulo erarbeiteten die Studierenden Soundwalks, in denen sie die Stadt auditiv erschlossen. Klicken Sie bitte hier für das Doku-Video der Soundwalks.

 

Im Sound Studies-Team entstehen neben wissenschaftlichen auch künstlerische Arbeiten – zum Beispiel ein von Studierenden komponiertes Stück im Stil der Musique conrète.


 

 

 

Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.