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Wie das Auslandssemester die Persönlichkeit beeinflusst- Bachelorarbeiten von Leuphana Studentinnen in renommiertem Fachmagazin publiziert

04.04.2017 Esther Niehoff und Linn Petersdotter studierten Wirtschaftspsychologie an der Leuphana und schrieben ihre Bachelorarbeiten bei Prof. Dr. Alexander Freund. Sie untersuchten dabei, wie sich die Persönlichkeit der Studierenden zu ihrer Entscheidung, ein Semester im Ausland zu studieren, verhält und welche Art der Veränderung die Auslandserfahrungen bei den Studierenden auslösen. Dazu planten und führten sie eine umfangreiche Studie in Zusammenarbeit mit dem International Office der Leuphana durch. Die Ergebnisse ihrer Bachelorarbeiten wurden nun in dem wissenschaftlichen Journal „Personality and Individual Differences“ veröffentlicht.

Laut dem Deutschen Akademischen Austauschdienst gingen im Jahr 2015 29% der Studierenden in Deutschland für mindestens drei Monate zum Studieren ins Ausland. Akademische Fortbildung ist im Auslandssemester zwar wichtiger Bestandteil, jedoch geht es den meisten Studierenden in erster Linie um die persönliche Weiterentwicklung. Eindrucksvolle Erfahrungen würden besonders im Rahmen sozialer und kultureller Situationen und persönlicher Herausforderungen gemacht. Esther Niehoff und Linn Petersdotter untersuchten in ihren Bachelorarbeiten die Zusammenhänge zwischen Persönlichkeit und der Absolvierung eines Auslandssemesters. Im Rahmen der Studien wurden über 200 Studierende der Leuphana in Zusammenarbeit mit dem International Office befragt und deren persönliche Entwicklung mit den Persönlichkeitsfaktoren des Fünf-Faktoren-Modells sowie des Konstrukts der Selbstwirksamkeit erfasst und ausgewertet. 

„Die Idee, Persönlichkeitsveränderungen durch Auslandsaufenthalte zu untersuchen, kam nicht von irgendwoher: Sowohl Linn als auch ich verbrachten nach unserem Abitur jeweils ein Jahr im Ausland, bevor wir uns dem Studium widmeten. Im dritten Semester befanden wir uns dann gerade in der Bewerbungsphase für unsere Auslandssemester, als wir Prof. Freunds Seminar zum Thema „Cognitive abilities, creativity, and personality: Methods and models“ belegten. Mit unserer Idee zur Bachelor-Arbeit konnten wir somit einfach zwei unserer größten Interessen miteinander verbinden: Auslandserfahrungen und Persönlichkeitspsychologie.“ (Esther Niehoff)

Die Instabilität der Persönlichkeit und das Fünf-Faktoren-Modell 

Lange war der Stand der Wissenschaft, dass die Persönlichkeit über die Lebensspanne hinweg recht stabil sei. Längsschnittstudien haben jedoch mittlerweile ergeben, dass sich einige Teile der Persönlichkeit mehr verändern als zunächst angenommen. So ist beispielweise bekannt, dass mit fortschreitendem Alter die emotionale Stabilität steigt. Das Fünf-Faktoren-Modell, welches in den Studien von Niehoff und Petersdotter zur Erfassung der Persönlichkeit genutzt wurde, geht davon aus, dass sich die Grundzüge der Persönlichkeit eines Menschen in den Faktoren Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Neurotizismus und Offenheit für Neues erfassen lassen. Neben den durchschnittlichen Persönlichkeitsveränderungen, welche mit dem Alter bei fast allen Menschen zu beobachten sind, können auch spezifische, bedeutsame Ereignisse – zum Beispiel ein Auslandssemester- die Persönlichkeit verändern. Diese Veränderung zu untersuchen war das Ziel von Esther Niehoff und Linn Petersdotter.

Selektionseffekte: Wer macht überhaupt ein Auslandssemester?

Die befragten Studierenden teilten sich auf zwei Gruppen auf. Die eine startete unmittelbar nach der ersten Befragung ins Auslandssemester und wurde nach dessen Abschluss erneut befragt. Die zweite Gruppe bestand aus Studierenden, die in der gleichen Zeitspanne kein Auslandssemester geplant hatten. Die Daten aus der Befragung zum ersten Zeitpunkt deckten sich größtenteils mit Ergebnissen ähnlicher Studien aus der Vergangenheit: Personen, die ein Auslandssemester absolvieren, sind im Schnitt verträglicher und offener für Neues. Das bedeutet, diese Personen zeichnen sich neben einer offenen Haltung gegenüber Ungewohntem auch durch erhöhte Hilfsbereitschaft, Kooperationsbereitschaft und Freundlichkeit aus. Bisherige Funde von erhöhter Extraversion, Gewissenhaftigkeit und vermindertem Neurotizismus konnte in dieser Studie nicht wiedergefunden werden. Die Abweichungen zu bisherigen Studien mögen sich durch die Entwicklung erklären, dass mittlerweile immer mehr Arbeitgeber*innen Auslandserfahrung schätzen oder sogar explizit fordern. Somit würde sich die Gruppe von Teilnehmenden mit intrinsische Motivation (also Studierenden, welche aus persönlichen Werten und Interessen heraus ein Auslandssemester absolvieren) durch viele Teilnehmende erweitern, die das Auslandssemester durch extrinsische Motivation (also aufgrund der erhöhten Chance auf einen Praktikums- oder Arbeitsplatz) antreten. In Folge dessen könnten Persönlichkeitsunterschiede zwischen Auslandsstudierenden und Nicht-Auslandstudierenden weniger prägnant werden. 

Wichtigster Prädiktor schien in den an der Leuphana durchgeführten Studien stattdessen das Alter und die bisherige Auslandserfahrung der Proband*innen: Junge Studierende sowie jene, die bereits Erfahrungen mit Auslandsaufenthalten gemacht hatten, waren unter den Auslandstudierenden signifikant mehr vertreten. Als Grund dafür wird vermutet, dass Studierende im fortgeschrittenen Alter durch den wachsenden Druck, die Ausbildung möglichst schnell abzuschließen, ein Auslandssemester aus vermeintlichem Zeitmangel ablehnen. Darüber hinaus führe Auslandserfahrung aus der Vergangenheit dazu, dass ein Auslandssemester seltener als große Herausforderung wahrgenommen werde.

Sozialisationseffekte: Wie wirkt sich das Auslandssemester auf die fünf Persönlichkeitsfaktoren aus?

Nach Abschluss des Semesters wurden in der zweiten Befragung die Veränderungen in den Persönlichkeitsfaktoren der Befragten untersucht. Die Daten ergaben, dass die Studierenden im Auslandsemester im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant erhöhte Werte in Extraversion und Verträglichkeit zeigten. Besonders interessant: Gerade die Studierenden, welche zu Beginn eher weniger verträglich waren, wurden im Zuge des Auslandssemesters verträglicher. Dieser Zusammenhang konnte auch bei Gewissenhaftigkeit beobachtet werden – hier wurden dazu gleichzeitig noch die ausgesprochen gewissenhaften Studierenden im Laufe des Auslandssemesters eher weniger gewissenhaft. Auch Neurotizismus verminderte sich im Zuge des Auslandssemesters signifikant im Vergleich zur Kontrollgruppe – die Studierenden wurden also emotional stabiler. 

Selbstwirksamkeit: Das Selbstvertrauen, schwierige Herausforderungen zu meistern

Neben der Untersuchung der fünf Persönlichkeitsfaktoren wurde die Selbstwirksamkeit der Studierenden untersucht. Die Selbstwirksamkeit beschreibt das Vertrauen in sich selbst, physische wie psychische Herausforderungen auch unter schwierigen Umständen aus eigener Kraft zu meistern. Im Zuge des Auslandssemesters erhöhte sich die Selbstwirksamkeit der Studierenden im Vergleich zu den Heimgebliebenen signifikant. Nach Abschluss des Semesters sahen die Studierenden Herausforderungen -wie beispielweise der einer Auslandserfahrung- gelassener entgegen. Niehoff und Petersdotter fanden heraus, dass diese Veränderung zu einem entscheidenden Anteil auf die Anzahl der sozialen Kontakte rückführbar war, welche die Studierenden in ihrem Auslandssemester hatten. 

„Als sich bereits im dritten Semester herausstellte, dass wir die Idee für unsere Bachelor-Arbeit tatsächlich umsetzen konnten, waren wir natürlich sofort Feuer und Flamme. Allerdings hatten wir auch großen Respekt vor der Herausforderung. Prof. Freund hat uns jedoch in der Vorbereitung, Durchführung und Auswertung der Studie konstant unterstützt und begleitet. Dass neben zwei Bachelor-Arbeiten letztendlich auch noch zwei Veröffentlichungen entstehen würden – damit haben wir anfangs natürlich nicht gerechnet.“ (Linn Petersdotter)

Ein Auslandssemester prägt die Persönlichkeit

Niehoff und Petersdotter erforschten, wie die Persönlichkeit und ihre Entwicklung mit der Absolvierung eines Auslandssemesters in Verbindung stehen. Studierende, die sich für einen Auslandsaufenthalt entscheiden, profitieren von erhöhter Selbstwirksamkeit, Extraversion und Verträglichkeit sowie vermindertem Neurotizismus. Neben der akademischen Fortbildung und dem wachsenden Interesse von Arbeitgebern an Personen mit Auslandserfahrung bietet ein Auslandssemester also die Chance, die eigene Persönlichkeit bedeutend weiter zu entwickeln. Fraglich ist dabei jedoch noch, wie langfristig die Persönlichkeitsveränderungen erhalten bleiben.

„Frau Niehoff und Frau Petersdotter sind nach einem Komplementärseminar zu mir gekommen mit der Idee, ein gemeinsames Bachelorarbeitsprojekt durchzuführen. Da sie mir bereits im Seminar durch ihre große wissenschaftliche Neugier und ihre Motivation aufgefallen waren, habe ich mich über diese Anfrage sehr gefreut. Während des gesamten Prozesses – vom Ausarbeiten der Untersuchungsdetails und der Planung und Organisation mit dem International Office über die Auswertung der Daten und schließlich bis zum Schreiben der Zeitschriftenmanuskripte – haben mich Frau Niehoff und Frau Petersdotter sehr beeindruckt mit ihrem Engagement und ihrer Zielstrebigkeit. Die Publikation der Befunde in einem wissenschaftlichen Journal unterstreicht sehr schön die Qualität der Arbeiten.“ (Prof. Alexander Freund)



Autorin: Julia Graßhoff, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.