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Komplementärstudium: Können Bäume sprechen?

20.07.2017 Als das Buch „Das geheime Leben der Bäume“ 2015 erschien, wurde es gleich zum Bestseller. Der Förster Peter Wohlleben beschrieb darin unter anderem, wie Bäume miteinander reden, Nachbarschaftshilfe leisten und meist viel zu jung sterben. Inwieweit dies mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fragen der Energiewende zusammenpasst, diskutierten im Sommersemester 2017 Studierende im Komplementärseminar „Eine kritische Analyse des Buches ,Das geheime Leben der Bäume‘“.

Seine Sprache ist bildhaft: Totholz nennt Wohlleben Kadaver, junge Bäume bezeichnet er als Kinder und sein Buch sei gar aus gemahlenen Baumknochen hergestellt. „In dem Buch werden die Bäume vermenschlicht“, sagt Sonja Lindenkreuz. Die 25-jährige Studentin sieht darin sowohl das Potential als auch die Grenzen des Bestsellers: „Weil es so leicht und ansprechend geschrieben ist, lesen es auch Menschen, die sich sonst wohl nicht für ökologische Themen interessieren würden. Aber die Sprache lässt teilweise auch an der Wissenschaftlichkeit der Aussagen zweifeln.“

Schirm-Akazien verströmen ein Warngas

Tatsächlich beziehe sich Wohlleben an einigen Stellen auf wissenschaftliche Quellen. Seine These, Bäume sprechen miteinander, belegt er unter anderem mit einer Studie aus Südafrika. Wissenschaftler der Universität Pretoria fanden heraus, dass Schirm-Akazien ein Warngas verströmen, wenn Giraffen an ihnen fressen. Akazien in der Nachbarschaft lagern daraufhin Giftstoffe in ihre Blätter ein. Auch ist es bereits wissenschaftlich belegt, dass Bäume durch ein dichtes Geflecht aus Wurzeln und Pilzhyphen untereinander Kohlenhydrate austauschen. Andere Aussagen schienen dagegen allein aus Wohllebens Perspektive geschrieben worden zu sein. „Das Buch macht nicht eindeutig klar, was Meinung und was wissenschaftlich validierte Tatsache ist“, kritisiert Sonja Lindenkreuz, die in diesem Semester das Studium Individuale abschließen möchte. 

Als sie las, dass Prof. Dr. Vicky Temperton den Kurs zu Wohllebens Buch im Komplementärstudium anbietet, hat sich die Studentin gleich angemeldet. „Ich kannte Frau Professor Temperton bereits aus einem anderen Seminar. Ich bin sehr angetan von ihrer interaktiven Lehre und den lebendigen Diskussionen“, erklärt die 25-Jährige. Sonja Lindenkreuz möchte kein vorgekautes Wissen konsumieren, sondern will aktiv am Lernprozess teilnehmen. Sie engagiert sich auch außerhalb ihres Studiums für Nachhaltigkeit. Zuletzt bei Koko, einem selbstverwalteten studentischen Bestellkollektiv für verpackungsfreie Lebensmittel. Jetzt schraubt sie beim Fahrradbus mit, einem Projekt für nachhaltige Mobilität. 

Plantagen für den Holzbedarf?

Auch Charlotte Griestop engagiert sich dort. Als angehende Umweltwissenschaftlerin war die Studentin bereits bei Greenpeace aktiv und macht sich jetzt im Vorstand des Jugendumweltnetzwerks JANUN Lüneburg für eine nachhaltige Entwicklung stark. Sie glaubt, das Buch vereinfache teilweise zu stark. „Die Welt ist viel komplexer“, stellt die 24-Jährige fest. Besonders die kursbegleitende Führung mit dem Stadtförster durch Böhmsholz fand sie in dieser Hinsicht überzeugend: „Er sah Wohllebens Ansatz der kompletten Nicht-Nutzung des bestehenden Waldes kritisch, da wir dann Plantagen bräuchten, um unseren Holzbedarf zu decken“, berichtet Charlotte Griestop. Beide Studentinnen beurteilen Holz als einen nachhaltigen Rohstoff der Zukunft, der im Rahmen der Energiewende immer mehr an Bedeutung gewinnen werde. Sonja Lindenkreuz fasst zusammen: „Wir sehen im Gegensatz zu Wohlleben in der schonenden und naturnahen Verwaltung der Gesamtfläche eines Waldes, die Möglichkeit Naturschutz und Ressourcennutzung sinnvoll zu vereinen.“


Kontakt

Prof. Dr. Vicky Temperton
Universitätsallee 1, C13.022
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2960
Fax +49.4131.677-2849
vicky.temperton@leuphana.de


Autorin: Marietta Hülsmann, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.