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DAAD-Preisträgerin: Der lange Weg zur Gerechtigkeit

01.08.2017 Gute Noten allein machen für Silvia Rojas Castro keine ausgezeichnete Studentin aus. Es gehört wohl auch Persönlichkeit dazu – und Mut. Beides hat die 26-jährige Kolumbianerin, denn sie kämpft für Gleichberechtigung und gegen Intoleranz. Dafür wurde die junge Frau jetzt mit dem Preis vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) für ausländische Studierende ausgezeichnet.

Ihr abgeschlossenes Jurastudium allein reichte Silvia Rojas Castro nicht. „Um die Probleme in einer post-kriegerischen Gesellschaft zu lösen, braucht man interdisziplinäre Kenntnisse“, erklärt die junge Frau. Seit den 60er Jahren tobte in Kolumbien ein bewaffneter Konflikt zwischen linksgerichteten Guerillatruppen, rechtsgerichteten Paramilitärs und dem kolumbianischen Militär. Erst im Sommer 2016 vereinbarte die kolumbianische Regierung mit den Rebellen ein Friedensabkommen. Silvia Rojas Castro möchte helfen, die Zustände in ihrer Heimat Kolumbien endlich zu stabilisieren. Deshalb hat sie sich auf den Weg nach Deutschland gemacht. 2015 kam die Juristin fürs Master-Studium an die Leuphana. Bald legt sie ihren Master in Public Economics, Law and Politics ab. „Einen Studiengang, wie ich ihn hier absolviere, gibt es in Kolumbien nicht“, erklärt sie. Im Lüneburger Masterprogramm sieht sie die relevanten Inhalte der Staatswissenschaften zusammengefasst. Mit diesen Kenntnissen möchte sie später an beruflichen Schlüsselstellen helfen, die Situation in ihrem Land zu verbessern. 

"Viele Verbrechen werden nicht verfolgt"

Als sie sich für das DAAD-Stipendium bewarb, stand sie bereits erfolgreich im Beruf. Sie arbeitete als Juristin an der Nationaluniversität Bogota und am Forschungszentrum für Recht, Gerechtigkeit und Gesellschaft mit dem Schwerpunkt Frauen- und Minderheitenrechte. Kolumbien sei nach wie vor sehr von einem konservativen Rollenverständnis geprägt, berichtet die junge Frau. Noch immer gelte ein Abtreibungsverbot mit wenigen Ausnahmen und die Ahndung sexueller Gewalt sei wenig ambitioniert. „Viele Verbrechen werden nicht verfolgt“, berichtet Silvia Rojas Castro. Zu Fragen wie man Täter überführen kann, hat die junge Anwältin geforscht. „Welche rechtlichen Mittel gibt man Staatsanwälten an die Hand, damit sie die Täter leichter dingfest machen können?“, beschreibt Silvia Rojas Castro.

Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern sieht sie als wichtigen Teil der Friedenssicherung an. „Kriege haben ihre Ursache in Ungleichheit“, erklärt die junge Frau. Auch in Kolumbien sei dies so gewesen. Großgrundbesitzer dominierten die Landwirtschaft, viele Menschen seien arm. Zwar sei der Konflikt nun befriedet, die Gesellschaft aber immer noch nicht stabil. Ungleichheit betreffe aber nicht nur Frauen, sondern auch sexuelle Minderheiten. „Ein Schüler hat sich in Kolumbien umgebracht, weil er wegen seiner Homosexualität drangsaliert wurde“, berichtet Silvia Rojas Castro und fordert: „So etwas darf nicht mehr passieren!“

Der tragische Vorfall ist einer der Gründe, warum sie sich in Lüneburg bei Schlau e.V. gegen die Ausgrenzung von Menschen verschiedener sexueller Orientierung engagiert hat. Sie lernte bei der Arbeit wichtiges Handwerkszeug für die Durchsetzung von Gendergerechtigkeit. Der Verein ist in Schulen unterwegs und klärt dort auf. In Kolumbien sei dies kaum möglich. Dennoch: „Auch hier beschweren sich manche Eltern über die Aufklärung im Unterricht“, berichtet Silvia Rojas Castro. Unsere Kinder sollen nicht schwul gemacht werden, hieße es dann. 

Selbstbewusst und mutig

Trotz ihrer selbstbewussten und mutigen Lebenseinstellung hatte sie vor zwei Jahren ein Kribbeln im Bauch als die Zusage fürs Stipendium kam. „Aber ich wollte eine andere Welt erleben“, erinnert sie sich. Doch so ganz fremd empfindet sie Deutschland gar nicht. Vielleicht, weil sie bereits in ihrer Heimatstadt Bogota ein Grammatikseminar absolviert hat und hier ein sechsmonatiger Sprachkurs folgte. Doch trotz der Hilfe ist es beeindruckend, wie exzellent Silvia Rojas Castro Deutsch spricht. Dennoch hat sie Heimweh nach Kolumbien: „Dort sind meine Familie und meine Freunde. Ich vermisse das Essen und die Musik“, sagt Silvia Rojas Castro. Beispielsweise gibt es in ihrer Heimat zu jedem Mittagessen frisch gepressten Maracuja-Saft. „Hier in Deutschland ist das leider ein Luxus-Artikel“, sagt sie. Einen Teil ihrer Heimatsgefühls hat sie sich aber schon mit ihrem Umzug nach Hamburg zurückgeholt. Die Hansemetropole ist eine Großstadt – genau wie Bogota. 


Weitere Informationen

    Autorin: Marietta Hülsmann, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.