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Raum der Stille: Ein Semester für die Interreligiosität

09.08.2017 Die Glaubensrichtung der Bahai ist die jüngste Weltreligion und hierzulande so gut wie unbekannt. Sonja Helmers gehört ihr an. Der Wunsch der Bahais ist die Einheit der Religionen. Aus dieser Motivation heraus möchte die Studentin gerne helfen, Brücken für einen interreligiösen Dialog zu bauen - etwa im Raum der Stille der Leuphana.

Als Sonja Helmers geboren wurde, war ihr Vater noch Katholik. Ihre Mutter gehörte schon der Bahai-Religion an. Die Studentin ist also interreligiös aufgewachsen. Später konvertierte der Vater und wurde auch Bahai – obwohl dies für die Eheschließung nicht nötig gewesen wäre. Ihre Eltern engagieren sich bereits in einem Raum der Stille in Berlin. „Deshalb weiß ich, wie wichtig diese Orte für den Dialog sind“, sagt Sonja Helmers. Als sie von der Veranstaltung „Interreligiöser Dialog“ im Komplementärstudium hörte, war sie darum gleich begeistert. Das Seminar hatte unter anderem die Aufgabe, die Eröffnung des Raums der Stille im neuen Zentralgebäude konzeptionell zu planen. Das für den Kurs geforderte Motivationsschreiben fiel Sonja Helmers leicht, da „Interreligiosität bei den Bahais sehr groß geschrieben wird. Wir erkennen alle Religionen als gleichwertig an“, argumentiert die 21-Jährige.

Am Anfang des Seminars stand die Frage, wie interreligiöser Dialog überhaupt theoretisch möglich ist. In Auseinandersetzung mit religionsphilosophischen Texten erarbeiteten die Studierenden unter Anleitung von Dr. Steffi Hobuß Grundbegriffe, die für jeden gelingenden interreligiösen Dialog unabdingbar sind: Dialog, Achtung, Begegnung, Unverfügbarkeit und Prozesshaftigkeit. Es gab viele Ideen, wie diesen Begriffen bei der Eröffnungsfeier Leben eingehaucht werden kann – nicht alle konnten umgesetzt werden: „Wir hatten eigentlich geplant, dass die offiziellen Vertreterinnen und Vertreter der Religionsgemeinschaften jeweils aus den Heiligen Schriften der anderen lesen. Doch das ließ sich so nicht umsetzen“, erzählt Sonja Helmers. Durch solche Erfahrungen habe sie im Seminar auch gelernt, wie wichtig es sei, sich in der Sache nicht beirren zu lassen, auch wenn man zunächst auf Unverständnis stoße.

Fürs Studium von Berlin nach Lüneburg

Vor einem Jahr ist die junge Frau fürs Studium von Berlin nach Lüneburg gezogen. „Mich interessierte die Möglichkeit an der Leuphana, Psychologie mit Betriebswirtschaft zu verbinden und darüber hinaus im Komplementärstudium neue Dinge auszuprobieren; wie eben jetzt die Konzeption zur Eröffnung des Raums der Stille.“ Sonja Helmers sieht den Raum der Stille als wichtigen Schritt zur Interreligiosität an einer öffentlichen Einrichtung an. „Ich würde mich freuen, wenn dort Menschen aller Religionen zusammen kommen, miteinander reden und feiern“ sagt sie. Die konzeptionelle Planung im Seminar sei so aufwendig gewesen, dass es von allen Beteiligten einen hohen Einsatz verlangte. „Oft saßen wir über die geplante Zeit hinaus zusammen und diskutierten, wie sich unsere Ideen am besten realisieren lassen“, sagt sie rückblickend. Sie wollten gemeinsam etwas von Bedeutung schaffen. Manches musste auch mit der Universitätsleitung abgestimmt werden, damit die Umsetzung gewährleistet werden konnte.

Begeistert war Sonja Helmers vor allem von der sensiblen Seminarleitung: „Frau Hobuß hat uns das Gefühl der Einheit gegeben und uns Mut gemacht, frei zu denken und unsere Ideen auch umzusetzen“, berichtet sie. Am Ende waren die Studierenden selbst Teil der Eröffnungsveranstaltung, indem sie Zitate zu Toleranz und Interreligiosität im Raum der Stille vortrugen, die per Videoschaltung ins Publikum übertragen wurden und im Anschluss die Religionsvertreter im Raum der Stille empfingen.Ihr Glaube selbst beeinflusse den Unialltag von Sonja Helmers wenig. „Ich bete morgens, aber mein Tagesablauf unterscheidet sich sonst nicht von dem anderer Studierender“, berichtet die junge Frau.

Wunsch nach gegenseitiger Toleranz

Vielleicht sei ihr Berufswunsch aber von ihrer Religion geprägt: Sonja Helmers studiert Psychologie, auch weil sie Menschen helfen möchte. „Sich für andere einzusetzen, gehört zu den Leitbildern unserer Religion“, sagt sie. Schon jetzt ist Sonja Helmers in der Flüchtlingshilfe aktiv, auch weil sie fließend Persisch spricht. Dabei gehe es auch um Fragen, wie Geflüchtete in Deutschland ihren Glauben ausleben können, ohne sich diskriminiert zu fühlen. Sonja Helmers wünscht sich einen interreligiösen Dialog, der von gegenseitiger Toleranz geprägt ist. „Religionen sollten nicht die alleinige Wahrheit für sich in Anspruch nehmen. Das führt nur zu Konflikten und Kriegen. Ein gelingender interreligiöser Dialog ist für unser künftiges Miteinander wichtig.“

Mitte des 19. Jahrhunderts stiftete der Sohn eines adeligen Staatsministers, Bahá’u`lláh (Ehrentitel; arabisch: Herrlichkeit Gottes) im damaligen Persien die jüngste monotheistische Weltreligion abrahamitischen Ursprungs. Die Bahai-Religion kommt weitgehend ohne Symbole und Rituale aus. Es gibt keinen Klerus (Priester), die Gemeindeangelegenheiten werden von demokratisch gewählten „Geistigen Räten“ geregelt. Männer und Frauen gelten als gleichberechtigt. Weltweit gibt es etwa acht Millionen Bahai. Knapp 6000 Menschen bekennen sich in der Bundesrepublik zu diesem Glauben. Das Baháì-Weltzentrum und die wichtigsten heiligen Stätten befinden sich in Haifa/Israel. 


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Autorin: Marietta Hülsmann, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.