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„Begeisterung fürs Fach vermitteln“ – Lehramts-Stipendiatinnen Yasmin Römer und Janna Twesten im Interview

16.10.2017 Der „oh Gott, jetzt steh ich vor der Klasse“-Moment wird zur Selbstverständlichkeit und der Praxisbezug durch Eigeninitiative eingeholt – die Lehramtsstudentinnen Yasmin Römer und Janna Twesten nutzen im Studium viele Möglichkeiten. Aktuelle Themen wie Inklusion und Digitalisierung können sie jetzt durch ein Stipendium vertiefen.

Janna Twesten (links) und Yasmin Römer im Interview.

Sie haben jeweils ein FundaMINT Stipendium der Deutschen Telekom-Stiftung erhalten und können daher die nächsten zwei Jahre auf eine ideelle und finanzielle Förderung zurückgreifen. Im Interview erzählen die beiden, wie sie das Stipendium erhalten haben, wie sie die neuen zusätzlichen Möglichkeiten nutzen wollen und vom Studium an der Leuphana.

Was ist das FundaMINT-Stipendium?

Yasmin Römer: Das FundaMINT Stipendium richtet sich an Studierende, die mindestens ein MINT-Fach studieren, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik oder eben auch Sachunterricht und bietet ergänzend zum Studium auch fachliche Unterstützung.
Janna Twesten: Wir studieren beide die Fächer Mathematik und Sachunterricht, letzteres mit dem Bezugsfach Physik, auf Grundschullehramt. Wir haben beide das 6. Bachelorsemester jetzt abgeschlossen und beginnen im Oktober mit dem Masterstudium. Mit dem Stipendium werden wir also genau die letzten vier Semester unseres Studiums gefördert.

Ist das denn Thema „MINT-Fächer“ für Euch wichtig? Findet ihr, dass es mehr MINT-Lehrer geben oder dass das Thema politisch mehr gepusht werden sollte?

Janna Twesten: MINT-Fächer werden ja eher von männlichen Studierenden gewählt und Frauen sind da in der Unterzahl. Beim Grundschullehramtsstudium trifft das nicht zu, trotzdem fände ich es wichtig, dass sich dieser Ruf generell ändert. 
Yasmin Römer: Das finde ich auch. Ich hatte bereits in der Schule in den MINT-Fächern gute Lehrer und Lehrerinnen, solche positiven Erfahrungen beeinflussen die Fächerwahl auch. In meinem FSJ habe ich bereits mit Kindern zusammengearbeitet und mich dann entschieden, Grundschullehrerin zu werden. 

Was wollt ihr den Grundschüler_innen beibringen?

Yasmin Römer: Gerade in der Grundschule ist es wichtig, neben den fachlichen Inhalten auch Pädagogisches zu vermitteln: Werte der Gesellschaft, Zusammenhalt und eine starke Klassengemeinschaft. Zudem sollte aber eben auch der Wissensaspekt nicht zu kurz kommen und spielerisch vermittelt werden.
Janna Twesten: Dem schließe ich mich an. Zum Wissensaspekt: Klar, der fachliche Inhalt ist wichtig, aber ich möchte primär auch Begeisterung für die Fächer, die ich unterrichte, vermitteln. In der Grundschule werden viele Weichen gestellt, auch für die weitere Schullaufbahn, und wenn die Schüler und Schülerinnen da bereits Begeisterung und Motivation für ein Fach entwickeln, ist das ein guter Ausgangspunkt dafür, dass man die Fächer auch auf der weiterführenden Schule gerne macht. 
Yasmin Römer: Das stimmt, gerade, wenn man selber Begeisterung versprüht für das, was man tut, dann springt diese Begeisterung auch viel leichter auf die Schüler und Schülerinnen über. Janna und ich haben hier an der Uni auch schon Übungsgruppen für Mathematik in den Semestern unter uns geleitet, waren da Tutoren. Dabei haben wir auch das Feedback bekommen, dass unsere Begeisterung für das, was wir machen, rüberkommt. Das freut uns natürlich sehr und spornt uns weiter an. 

Inwiefern spielt Interdisziplinarität bei euren Fächern und im Studium eine Rolle? 

Janna Twesten: Ich habe festgestellt, dass Interdisziplinarität im Sachunterricht eine besondere Rolle spielt. Dort kann man sehr gut Verknüpfungen herstellen, sich die Welt angucken und herausfinden, was sie zusammenhält, welche Faktoren zusammenwirken. Man hat einen integrativen Blick auf die Themen. 
Yasmin Römer: Sachunterricht ist oftmals etwas realitätsbezogener als Mathematik, man kann größere Projekte durchführen und verschiedene Perspektiven betrachten. Wenn es beispielsweise um das Thema „Wald“ geht, kann man neben der ökologischen auch die ökonomische Sichtweise einbeziehen, dann aber auch noch auf das soziale schauen und damit das Thema inter- und transdisziplinär betrachten.

In den letzten Jahren ist auch das Thema Inklusion immer wieder diskutiert worden. Wie steht ihr dazu?

Janna Twesten: Das Thema Inklusion ist für uns als angehende Lehrerinnen absolut notwendig und wichtig und wir beide finden es spannend, leider kommt das bisher im Studium ein wenig zu kurz. Wir fühlen uns nicht vorbereitet auf das, was auf uns zukommen wird. Im Bachelor hatten wir zwar einige wenige Veranstaltungen dazu, aber keine ganzen Module. Auch im Master scheint es auf den ersten Blick nicht besser zu werden. Auf jeden Fall ist das aber ein Thema, das wir hoffen auch mit Hilfe des Stipendiums vertiefen zu können – denn das will das Stipendium ja gerade: das abdecken, was im Studium vielleicht noch ein wenig zu kurz kommt. 
Yasmin Römer: Auch deswegen freuen wir uns über das Stipendium. Themen wie Digitalisierung im Unterricht finde ich ebenfalls spannend und es kommt zu kurz, auch das werde ich hoffentlich mit dem Stipendium auffangen können.

Habt ihr das Gefühl, das Grundschullehramt wird zu wenig beachtet?

Yasmin Römer: Ich kriege aus dem Bekanntenkreis schon manchmal die Frage, warum ich denn Grundschullehramt studiere, warum ich mich „an die Grundschule verschwende“ und nicht lieber Gymnasiallehramt studiere, wenn ich schon Lehrerin werden möchte. Das ärgert mich! Denn die Grundschule ist vielleicht fachinhaltlich nicht so anspruchsvoll, dafür aber didaktisch. In der Grundschule wird die Basis für die weiterführende Schule gelegt, das ist unglaublich wichtig und hat einen großen Einfluss. Außerdem sind in der Grundschule noch alle Schülerinnen und Schüler zusammen, weil noch nicht zwischen den Schülerinnen und Schülern differenziert wurde, wie es auf der weiterführenden Schule der Fall ist. Das unter einen Hut zu bringen, ist definitiv auch eine große Herausforderung, aber auch eine große Chance. 
Janna Twesten: Dem kann ich mich nur anschließen. Die Fachdidaktik spielt in der Grundschule eine ganz entscheidende Rolle. Man muss wissen, mit welcher Methode man die fachlichen Inhalte am besten vermittelt. Die Lehrmethoden in der Grundschule können nach außen simpel und offensichtlich wirken, doch da steckt viel dahinter.

Zurück zum Stipendium: Auch gesellschaftliches Engagement gehört zu den Voraussetzungen. Wo engagiert ihr euch?

Yasmin Römer: Ich habe mich bis April diesen Jahres für etwa eineinhalb Jahre bei der Initiative „Rock Your Life“ engagiert. Da war ich Mentorin für eine Schülerin. Außerdem bin ich noch mit einer Schule, bei der ich mal ein Praktikum gemacht habe, in Kontakt, und begleite die dortigen Schulausflüge oder andere Veranstaltungen. Mir ist das wichtig, weil es einen Blick raus aus dem Studium in die Praxis ermöglicht.
Janna Twesten: Ich habe an einer Grundschule für einige Stunden in der Woche assistiert. Gerade weil es in der Uni zu wenig Praxisbezug gibt, wollte ich das damit ausgleichen. Wenn man solche Eigeninitiative zeigt, um Defizite selbstständig auszugleichen, ist das keine schlechte Voraussetzung für ein Stipendium. Mir war es einfach wichtig, nach rechts und links zu gucken. Yasmin und ich arbeiten ja beide am Institut für Mathematik und ihre Didaktik, unter anderem auch als Tutoren, das ist auch eine sehr gute Übung. Wenn man vor einer Gruppe steht und den Leuten da hilft, verliert man diesen „oh Gott, jetzt steh ich vorne und alle gucken mich an“-Moment, den man vielleicht als ersten Impuls anfangs noch hat.
Yasmin Römer: Das stimmt, man entwickelt dadurch einfach eine Selbstverständlichkeit, mit der man dann vorne steht und gar nicht viel darüber nachdenkt. 

Ihr habt im Rahmen des Stipendiums auch die Möglichkeit, an einer Schule im Ausland zu unterrichten. Wollt ihr diese Möglichkeit wahrnehmen?

Janna Twesten: Da haben wir uns beide noch nicht sicher für oder gegen entschieden – wenn es sich ergibt, dann ja. Grundsätzlich ist das zwar eine tolle Möglichkeit, aber der Master ist ohnehin schon recht vollgepackt. Für uns steht die ideelle Förderung durch die angebotenen Seminare in Fokus. 

Wie findet ihr das Lehramtsstudium an der Leuphana?

Janna Twesten: Das Tolle an der Leuphana ist, dass wir Lehramtsstudenten in Mathematik und im Sachunterricht „unter uns“ sind. Wir haben Veranstaltungen, in denen sonst auch nur Lehramtsstudenten sind. Dementsprechend sind diese auch auf uns zugeschnitten. An anderen Unis kann es passieren, dass man für das Lehramt Mathe mit anderen in einer Vorlesung sitzt, die Mathe im Hauptfach studieren, ohne den Lehramtsbezug. Dementsprechend ist der Fokus dann natürlich auch ein anderer. Dass wir hier Veranstaltungen speziell für Lehramt haben, ist super. Dafür finde ich, dass Themen wie Inklusion und Digitalisierung noch mehr verankert werden müssten. 
Yasmin Römer: Dazu kommt, dass es das Fach „Sachunterricht“ nicht an allen Unis in der Form zu studieren gibt. Wir haben hier zwar auch ein Bezugsfach – bei uns ist das Physik – aber an anderen Unis kann es sein, dass man allein Physik studiert und, ähnlich wie bei Mathematik, in einer Vorlesung mit Physikstudenten sitzt, auch für die Grundschule. Das Modell an der Leuphana gefällt mir da deutlich besser. Etwas schade finde ich, dass das Studium in einigen Bereichen ein wenig zu theorielastig ist und da manchmal der Schulbezug fehlt. Außerdem ist es nicht möglich, Deutsch als Drittfach zu wählen. Was schade ist, denn als Grundschullehrerin ist es sehr wahrscheinlich, dass man in Deutsch und Mathematik eingesetzt wird. Ich finde es schon schwierig, dass ich später vor einer Klasse stehen könnte und Deutschunterricht geben soll, obwohl ich von der Fachdidaktik keine Ahnung habe. Im Studium werden wir darauf lediglich in einer einzigen Vorlesung vorbereitet. Ein weiteres Problem stellt das Belegen des Zertifikats „Deutsch als Zweitsprache“ dar, in dem auf den Umgang mit Schüler_innen mit Deutsch als Zweitsprache vorbereitet werden soll. Ich hatte das Glück einen der sehr wenigen Plätze zu bekommen, die jedes Jahr vergeben werden und auf die es dann immer sehr viele Bewerber gibt.

Vielen Dank für das Gespräch!


Prof. Dr. Silke Ruwisch
Universitätsallee 1, C16.012
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Das Interview führte Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.