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„Palo Alto ist auch nicht größer als Lüneburg.“ (Hans Ulrich Gumbrecht) Die besten Zitate von der Podiumsdiskussion zur „Provinz“

27.04.2015 Brauchen große Gedanken die große Stadt? Oder lässt es sich in der Provinz vielleicht sogar besser denken? Und: Was ist eigentlich „Provinz“ und gibt es sie heutzutage überhaupt noch? Am Dienstagabend trafen sich der Romanist und Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht und der Schriftsteller Martin Mosebach in der Leuphana Universität, um sich mit dem Thema „Provinz“ und „Wissensproduktion in der Provinz“ zu beschäftigen.

Hans Ulrich Gumbrecht ist seit 1989 Professor für Komparatistik an der Stanford University und hat, wie er selbst sagt, sein ganzes Leben nur in Provinzstädten gelebt. Geboren ist er in Würzburg – einer Stadt, die sich lange stolz das „Weinfass an der Autobahn“ nannte. Martin Mosebach ist gebürtiger Frankfurter und von Haus aus Jurist. Er ist in seinem schriftstellerischen Werk eng mit Frankfurt verbunden und stellt darin oft die Frage nach dem Provinzstatus seiner Geburtsstadt.

Beim Blick auf die Rankings der weltweit angesehensten Universitäten fällt schnell auf, dass permanent diejenigen Universitäten ganz weit oben stehen, die sich in kleinen Städten befinden. Die wissenschaftliche Produktivität sei, so Gumbrecht, an kleine Städte gebunden, da die dort vorherrschenden Strukturen die Produktivität des Geistes beförderten. Mosebach argumentierte, der Begriff der „Provinz“ sei heutzutage nicht mehr zeitgemäß. Heute sei es beinahe unmöglich, zu sagen, was Provinz ist und was nicht. Ihm zufolge leben wir in einer „Weltprovinzialität“ ohne feste Zentren.

Die besten Zitate aus dem Gespräch zwischen Hans Ulrich Gumbrecht und Martin Mosebach:

„Wir erleben heute Riesenstädte, Stichwort „Fake Urbanisation“, 12-Millionen-Städte, 20-Millionen-Städte, in denen überhaupt gar nichts geistig passiert – überhaupt gar nichts!“ (Mosebach)

"Es gibt ganz wenige Erfindungen, die wir heute retrospektiv aus dem letzten Jahrtausend für ganz bedeutend halten, die nicht an ganz kleinen Orten entstanden sind. Die Intuition zur Relativitätstheorie hat Einstein nicht in Berlin gehabt, sondern in Bern, als die Hauptstadt der Schweizer Föderation unter 80.000 Einwohnern hatte." (Gumbrecht)

„Ich habe fast das Gefühl, wir leben inzwischen in einer ‚Weltprovinzialität’, wir sind unzentriert. Als Hilfsdefinition würde ich sagen: ‚Provinz ist da wo interessante Leute, große Wohnungen bezahlen können.‘“ (Gumbrecht)

„Ich muss das einmal loswerden in der Öffentlichkeit: Diese ‚Infatuation‘ mit Berlin kann ich überhaupt nicht verstehen! Ich würde sagen, wo ‚Hertha BSC’ spielt, muss ich nicht sein.“ (Gumbrecht)

„Es ist nicht klar, warum Silicon Valley weiterhin als räumliches Zentrum ein Zentrum ist. Manchmal habe ich den Eindruck, wenn ich morgens mein Auto bei der Uni parke: ‚I am where the 21st century is happening’. Warum wohnt Mark Zuckerberg heute in Palo Alto? Zuckerberg könnte seine Milliarden genauso in Silicon Valley aus Boston investieren, aber er hat irgendwie das Gefühl, er muss da sein.“ (Gumbrecht)