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Ausgezeichneter Ort: Leuphana auch 2015 Preisträgerin im „Land der Ideen“

12.05.2015 Going Green, ein Projekt zur digitalen Unterrichtsgestaltung im Fach Englisch, ist eines von 100 in diesem Jahr ausgezeichneten Projekten. Die Projektverantwortlichen Professor Torben Schmidt und Promotionsstipendiat Joannis Kaliampos im Interview.

Professor Schmidt, Herr Kaliampos, herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung! In diesem Jahr haben alle Land-der-Ideen-Projekte eines gemeinsam: Sie sind ein innovativer Beitrag zur Digitalisierung. Bei Ihrer Einreichung handelt es sich auf den ersten Blick um nicht mehr als um einen Englischkurs.

Schmidt: Ja, aber um was für einen! Klar, wie bei einem ganz normalen Englischkurs geht es bei dem, den wir entworfen haben, darum, typische Lernziele zu erreichen und curriculare Standards einzuhalten. Das heißt, es geht um das Training verschiedener Fertigkeiten, Vokabelarbeit, Grammatikarbeit, interkulturelles Lernen – und das ganze aufgehängt an einem Thema. Das Besondere ist aber: die Klassen, die an unserem Englischkurs teilnehmen, nutzen eine gemeinsame E-Learning-Plattform. Dort können sich die Lehrer und die Schüler alle Unterrichtsmaterialien abholen und sich sowohl mit Native Speakern aus den USA vernetzen als auch untereinander. Als Thema haben wir Nachhaltigkeit gewählt. 

Das heißt, über die E-learning-Plattform lernen deutsche und amerikanische Schulklassen zusammen?

Kaliampos: Genau, so sah es unsere Idee vor. Die Initiative ging allerdings von Deutschland aus. Hier haben rund 900 Schüler in ihren jeweiligen Klassenverbänden mitgemacht. Auf amerikanischer Seite haben wir vor allem Partnerklassen unserer deutschen Teilnehmer gewinnen können. Solche Partnerschaften ließen sich aber nicht immer realisieren. Dafür haben wir auf der amerikanischen Seite viele Experten aus dem Bereich Nachhaltigkeit, Politik, Journalismus gewinnen können, die sich bereit erklärt haben, online mit Schülern zu kommunizieren.

Wieso gerade zum Thema Nachhaltigkeit?

Schmidt: Weil es ein Querschnittsthema ist, das von beiden Kulturen unterschiedlich behandelt wird: Wie wird eigentlich Nachhaltigkeit und Umweltschutz in beiden Ländern betrieben? Welche Unterschiede gibt es? Gerade in dem Bereich gibt es Vorurteile. Zugespitzt formuliert: Die Amerikaner denken, die Deutschen seien Weltmeister im Mülltrennen. Die Deutschen denken: Die Amerikaner halten das Kyoto-Protokoll nicht ein. Und dann stellt sich heraus: In den USA gibt es zahlreiche lokale Projekte, etwa zum emissionsneutralen Wohnen oder zum Küstenschutz. Aber auch die Bundesstaaten überraschen: ausgerechnet die sonst als so konservativ geltenden Texas und Kansas sind die zwei größten Windenergieproduzenten des Landes. Da ist schon viel mehr da, als man gemeinhin denkt. An Nachhaltigkeit lässt sich gut das Reflektieren üben: Was sind eigentlich die Grundüberzeugungen, mit denen ich an das Thema herangehe? Sehr schnell merkt man dann, dass man zunächst die ‚deutsche Brille‘ ablegen muss, bevor man eine verlässliche Einordnung vornehmen kann. Aber noch etwas kann man durch den Blick über den Atlantik lernen: Umweltschutz bedeutet nicht immer auch Verzicht und kann großen Spaß machen. 

Wie kann man sich den Austausch zwischen den deutschen Klassen mit den amerikanischen Expertinnen und Experten konkret vorstellen? 

Kaliampos: Die Schülerinnen und Schüler wurden zu Erfindern ihrer eigenen Nachhaltigkeitsideen, die sie dann über Blogs oder Social Media oder Apps verbreitet haben. Dazu haben sie sich Rat und Hilfe von den Expertinnen und Experten geholt. Wir wollten die Lernenden dazu bewegen, über den Tellerrand zu schauen und interkulturelle Lernprozesse zu durchlaufen. Eigene Aktionspläne zu entwickeln und umzusetzen: von der Entwicklung eines Konzepts für eine App bis hin zu Konzepten für nachhaltige Baumwolltaschen.

Können Oberstufenschüler das denn?

Kaliampos: Die Fächergrenzen werden automatisch aufgebrochen. Die Schüler haben auch gefragt: Wie können wir unsere App vermarkten? Dann beschäftigt man sich auf einmal automatisch mit Öffentlichkeitsarbeit. Oder sie haben geschaut, wie kann ich bestimmte Vermutungen wissenschaftlich abdecken.   

Dann ist der Spracherwerb Nebensache geworden?

Schmidt: Nicht Nebensache. Aber er war Resultat von Sprachanwendung an einem Thema, das die Schüler interessiert und bei denen sie das Gefühl bekommen haben: ich kann hier eigene Ideen entwickeln. Noch dazu, indem ich mein Smartphone, Soziale Medien, das Internet usw. nutze. Dinge, die ich sowieso immer nutze. Digitale Medien sind auf diese Weise wichtiges Werkzeug bei Verständigung und im Lernprozess geworden. Ihre Nutzung mitsamt den Möglichkeiten und Gefahren, die sich für effektives Lernen daraus ergeben, wurden im Projekt nicht einfach vorausgesetzt, sondern systematisch vermittelt und von den Schülern kritisch analysiert.

Ihr Projekt ist sehr kooperationsintensiv: Sie mussten die Lehrerinnen und Lehrer dafür gewinnen, die amerikanischen Partner überzeugen, die E-Learning-Plattform organisieren. Wie haben Sie das geschafft?


Schmidt: Wir haben starke Partner: die US-amerikanische Botschaft in Berlin hat die Finanzierung gesichert und die Kontakte hergestellt. LIFE e.V. hat als erfahrener Bildungsverein die Lehrmaterialien in sinnvolles E-Learning übersetzt und die Plattform verwaltet. Und die Leuphana hat die curriculare Einordnung abgesichert, den pädagogischen Überbau geleistet. Wir haben versucht, möglichst viele Medien einzubinden. Wir haben garantiert, dass alle Materialien, die wir auf der Plattform haben, auch den Lehrkräften zur Verfügung stehen: Von Texten, über Artikel, über politische Cartoons, TV-Sendungen. 

Was hat Sie bei dem Projekt am meisten überrascht?

Kaliampos: Wenn man so ein Projekt plant, hat man alle Sorgen der Welt: Dass es nicht bei den Lehrern ankommt, dass die Schüler es nicht bearbeiten wollen, dass es zu kompliziert ist, zu zeitaufwendig – vieles wird plötzlich denkbar. Die Rückmeldung vieler Lehrer war das genaue Gegenteil! Eine Lehrerin sagte, sie kann sich nicht erinnern, dass in 20 Jahren Lehrerberuf Schüler sich je geweigert hätten, in die Pause zu gehen. Das Engagement der Schüler ging in sehr vielen Fällen über das Normale hinaus: sie sind rausgegangen in die  eigenen Gemeinden, sie haben sich nach Schulschluss engagiert. Das sieht man auch an den Projekten. Sowas entsteht nur durch ganz viel Arbeit und Freude der Schüler, über die 45 Minuten einer Schulstunde hinaus. Insgesamt ist es wunderbar zu sehen, wie viel Schüler investieren, wenn man ihnen in motivierenden Projekten genügend Freiheiten lässt. als sie selbst zu Wort zu kommen und Verantwortung zu übernehmen.

Das Interview führte Stefanie Hennig (Universitätskommunikation).