Meldungen aus der Universität

„Ist die Schule eine Maschine zur Herstellung der Beschäftigungsfähigkeit?“

28.05.2015 FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube im Gespräch mit Leuphana-Professor Achatz von Müller.

Reform auf Reform, Zertifikate ohne Zertifikatwert und Kompetenzen in Hülle und Fülle - Jürgen Kaube analysierte im Gespräch mit Leuphana-Professor Achatz von Müller die schöne neue Bildungswelt. In dieser Welt, so der FAZ-Herausgeber, gebe es „keine 3 aufeinanderfolgenden Jahrgänge, die unter gleichen Bedingungen Abitur gemacht haben“ (in der Schule). Dafür aber gibt es Antragslogik statt Reflexionsraum (an der Universität) und Evaluationen, Listen, Kompetenzen (überall). 

„Die OECD ist nicht das Rote Kreuz.“

Wem über die Jahre die Verwunderung darüber abhanden gekommen war, warum in der neuen Bildungswelt alles gezählt, gemessen, gewogen wird, dem fiel sie, dank Kaube, wieder ein. Und verlor sie gleich wieder. Schließlich erinnerte Kaube an die PISA-Studie der OECD von 2001, nach der alles anders werden musste. Nur: „Die OECD ist nicht das Rote Kreuz. Die OECD ist kein Wohlfahrtsverband. Das ist eine Wirtschaftsorganisation.“ 

4500 Kompetenzen in der Grundschule

Die Vermessung der Bildungswelt: eine „extrem employability-orientierte“ Angelegenheit. Wo es früher um (nicht zählbare) Bildung ging, geht es heute um (zählbare) Kompetenzen. Zum Beispiel die – kein Witz – „Unterstreichungskompetenz“, die auf einer Liste von 4500 Kompetenzen auftaucht, die Grundschulen in der Schweiz abarbeiten müssen. Mag ja sein, dass sich das dereinst beim Lesen von unterstrichenen oder noch zu unterstreichenden Vorstandspapieren auszahlen wird. Aber, fragte Kaube: „Ist die Schule eine Maschine zur Herstellung von Beschäftigungsfähigkeit?“

„Man erwartet – und wenn’s nicht so kommt, erwartet man einfach weiter.“

Dass das Bildungssystem weiterentwickelt wird, sei dabei weniger das Problem. Eher das Wie – und das Wie oft. Kaube kritisierte die Frequenz, mit der reformiert werde. Es könne kaum noch jemand von seiner Schulzeit, seiner Ausbildung, seinem Studium erzählen, ohne dann und wann einzuschieben: „Damals hieß das noch so und so“ oder „Das gibt es heute gar nicht mehr.“ Was das Reformieren hilft, bleibt indes unklar. „Reform ist rein normative Erwartung. Man erwartet – und wenn’s nicht so kommt, erwartet man einfach weiter.“