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„Freude ist nur ein Mangel an Information“ – Comedian Nico Semsrott im Interview

11.06.2015 Am 16. Juni 2015 ist Nico Semsrott im Rahmen der ZEIT Campus Tour an der Leuphana. Der Comedian tritt seit 2008 als depressive Kunstfigur auf und hat das Scheitern zu seinem Thema gemacht. „Ich bin professioneller Demotivator“, sagt Semsrott. Der Comedian im Interview.

Nico, Dein Programm heißt „Freude ist nur ein Mangel an Information“. Informationen anzuhäufen ist ein nicht unbeachtlicher Anteil im Studium. Sind Studierende also auf dem besten Weg in die Depression? 

Ja. (Pause)

... Meinetwegen können wir das Interview jetzt immer so weiterführen. Ich sag immer ja oder nein.

Dann krieg ich eine depressive Episode. 

Und ich bin jetzt schon überfordert.

Wir könnten nochmal anfangen. 

Ok.

Nico, Dein Programm heißt „Freude ist nur ein Mangel an Information“. Warum studieren dann so viele junge Menschen?

Wenn ich total ehrlich bin, dann glaube ich, dass jedes Urteil aus Mangel an Information geschieht. Ehrlich gesagt, glaube ich auch, dass Traurigkeit ein Mangel an Information ist. Darum geht es in meinem Programm: Wie treffe ich Entscheidungen, obwohl ich weiß, dass ich nichts weiß?

Viele junge Menschen besuchen im Moment die Leuphana-Website und versuchen, eine Studienentscheidung zu treffen. Wie hast Du eigentlich Deine Studienentscheidung getroffen

Nach Gefühl. Ich hab immer geguckt: Wie fühlt sich das für mich an? Und wenn ich dann gemerkt habe, das kann ich mir nicht vorstellen weiterzumachen, dann muss ich aufhören. Und dann such ich einfach so lang weiter, bis ich zumindest nicht mehr weglaufen will. Immer mit dem Gedanken: Ich hab nur dieses eine Leben und das würd ich gerne so einsetzen, dass ich möglichst viel lerne und möglichst viele gute Gefühle hab.

Um Entscheidungen in dieser Weise treffen zu können, braucht man innere Freiheit.

Ich hab das umgekehrt gesehen: Krass, das hier halte ich wirklich nicht aus. Ich hab hier nicht die Freiheit zu bleiben, sondern ich muss hier weg. Das hab ich ganz häufig bei beruflichen Entscheidungen oder „Karriereschritten“.

Wann war das?

Das fing schon in der Schule an. Ich habe mir das Abitur ergaunert. Dann hab ich ein FSJ Kultur gemacht und hab gemerkt: „Oh nein! da bin ich auch nicht gut aufgehoben.“ Und dann hab ich 6 Wochen lang studiert, an der Uni Hamburg, Soziologie und Geschichte. Das war das erste Jahr der Bachelor-Zeit und entsprechend chaotisch lief alles ab.

Ist das nervig, wenn man immer angesprochen wird auf alles, was nicht so rund lief?

Ich find das befreiend. Das mag ich sehr an dem, was ich tue. Ich hab das Gefühl: Ich darf ehrlicher sein. Es ist ein kleiner Bruch mit der Konvention, sich auf die Bühne zu stellen und zu sagen: Bei mir läuft das alles nicht. Wir kennen es aus fast allen anderen Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft, dass berichtet wird über Erfolgsgeschichten und Karrieren, die funktionieren. Es geht immer darum, im Ranking auf Platz 1 zu landen. Da find ich es sehr erholsam, den Fokus auch mal auf das Gegenteil zu setzen. Ich habe das Museum des Scheiterns eingerichtet, in dem ich Dokumente des Scheiterns sammle und zeige. Da geht es mir darum zu zeigen, dass Scheitern ein Massenphänomen ist und da geht es mir darum, ein bißchen Trost zu spenden. Zu zeigen: es passiert viel häufiger als man denkt. Scheitern passiert ja meistens heimlich. Natürlich möchte ich selbst auch nicht scheitern, aber ich möchte dieser Geschichte etwas entgegenhalten, dass etwas nur wertvoll ist, wenn es gelingt.

Kann das auch umschlagen? Es gibt Leute, die kritisieren, Du machst Dich über Depressionen lustig.

Ich versuche immer, den Grat zu finden zwischen lustig und traurig, zwischen ernst und albern. Ich find es toll, wenn jemand sich wirklich darüber freut und kaputtlacht und der daneben einfach nur mit dem Kopf schüttelt und sagt: „Wie kann man denn darüber lachen? Das ist doch gar nicht mehr lustig!“ Genau diese Gratwanderung, diese Ambivalenz in der wir alle stecken – in einer Welt zu leben, in der wie so viele Freiheiten und Chancen haben und gleichzeitig so erpressbar sind, in der Angst abzusteigen und zu scheitern - ich versuch möglichst viel davon auf die Bühne zu bekommen.

Was machst Du eigentlich, wenn am 16. Juni, wenn Du an der Leuphana zu Gast bist, niemand zu Deinem Auftritt kommt?

Dann fühlt sich die Figur bestätigt, die ich spiele, und ich privat bin traurig.

 

Mehr Infos zu Nico Semsrott und zu seinem Auftritt an der Leuphana finden Interessierte auf Facebook.