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Immun gegen Meteoriten? Gastprofessor referiert zur Gaia-Hypothese

15.06.2015 Am 10. Juni referierte Bruce Clarke, renommierter Wissenschafts- und Literaturforscher von der Texas Tech University, unter dem Titel „Planetary Immunity. Biopolitics, Gaia Theory and the Systems Counterculture“ über die Geschichte und mögliche Aktualität der Gaia-Hypothese. Der Vortrag fand im Rahmen der von Prof. Erich Hörl (ICAM) organisierten Vortragsreihe „History of Fascination with Non-Modernity“ statt.

Lebewesen sind nicht einfach so in der Welt wie ein Hut in einer Schachtel. Die nicht-biologische Umwelt ist von der biologischen geformt, das Leben schafft sich seine eigenen Bedingungen. Dass massive globale Klimaschwankungen, die über lange Zeit auf dem Planeten stattfanden, mit dem Aufkommen komplexer Organismen nachließen, ist ein Beispiel dafür. Der auffällig konstante Salzgehalt der Meere ein anderes. Selbst die Luft, die wir atmen, ist das Ergebnis biologischer Prozesse. „We are breathing our ancestors“, nennt Clarke diese Einbettung. Da diese planetare Selbstregulierung ähnlich verläuft wie die Temperatur-Regulierung im Körper eines Säugetiers, kann man von der Welt als Ganzen wie von einem selbstorganisierenden dynamischen System, einem Quasi-Subjekt sprechen. Auf diesen Gedanken kamen erstmalig die Mikrobiologin Lynn Margulis und der Chemiker James Lovelock und benannten diesen Erd-Organismus nach einer griechischen Göttin: Gaia. „Gaia, in essence, is the immune system of our planet”, sagt Clarke. Der Selbstregulierungsmechanismus des Lebens auf der Erde schützt es gegen Einflüsse von außen, zum Beispiel den Einschlag von Meteoriten. Die Welt hatte ein Immunsystem, bevor die Menschen eines hatten. Das Leben ist erstaunlich widerstandsfähig und überdauert auch extreme Ereignisse wie zum Beispiel das Aussterben der Dinosaurier.

Leben als Rückkopplungs-System

Die Gaia-Hypothese ist so attraktiv, weil sie den unscharfen Begriff „Leben“ kybernetisch zu fassen ermöglicht: Gaia, die Gesamtheit von biologischer und nicht-biologischer Umwelt, erscheint so gesehen als ein selbstregulierendes Rückkopplungs-System – wie ein Thermostat, nur komplexer. Die Gaia-Hypothese ist damit in ihrer ganzen Konzeptualisierung letztlich durch ein hohes Maß an Technizität charakterisiert, sie ist integraler Bestandteil des Zeitalters der kybernetische Hypothese und durch das noch in unseren Tagen so wirkmächtige Steuerungs- und Kontrollparadigma geprägt. So trügt auch die populäre Assoziation von Gaia mit New Age: Die beiden Gründer verwehrten sich gegen jedwede animistische oder esoterische Vereinnahmung ihrer Theorie. Clarke weist darauf hin, dass die Gaia-Hypothese im direkten Kontext von Technik und Raumfahrt entstanden ist: Lovelock, ursprünglich Atmosphärenchemiker, war etwa als Ingenieur am Viking-Programm der NASA beteiligt. Zudem inspirierte der Gaia-Diskurs seinerseits progressives technologisches Denken. Aus dem Periodikum „The Whole Earth Catalog“ und dem Nachfolgeprojekt „CoEvolution Quaterly", worin die Gaia-Hypothese in den 1970er Jahren popularisiert wurde, entwickelte sich schließlich 1985 „The WELL“, die allererste Online Community.

Nachhaltiges Handeln 

Während die Gaia-Hypothese eine gute Hilfe dabei ist, das Leben auf der Erde als Ganzes zu beschreiben, lassen sich daraus jedoch keine Handlungsanweisungen ableiten. Trocken stellt Clarke fest: „Gaia doesn’t need humanity.“ Gaia beschützt das Leben auf der Erde und macht es immun gegen Meteoriten, aber nur das Leben als Ganzes, nicht einzelne Arten. Ein Beispiel wäre das Massenaussterben an der Perm-Trias-Grenze: Tragisch, aber nicht relevant, denn das Leben ging weiter und Bakterien etwa überleben so ziemlich alles. Die Verantwortung für die Schaffung einer nachhaltigen Gesellschaft muss bei den Menschen selbst liegen, denn Gaia braucht uns nicht. Selbst wenn die globalen Regenerierungsprozesse lange brauchen - „Human time means nothing for Gaia“. Es liegt an uns: „We have got to become sustainable.“ 

Autor: Martin Gierczak (Universitätskommunikation)

Der Vortrag wurde vom Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien (ICAM) organisiert.

Weitere Informationen

Prof. Dr. Erich Hörl
Universitätsallee 1, C5.302
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2760
erich.hoerl@leuphana.de