Meldungen aus der Universität

Flüchtlinge an der Leuphana: Vorlesungen besuchen, Deutsch lernen, Buddies sein

18.06.2015 Leuphana-Studierende haben das Programm „Flüchtlinge als Gasthörer“ initiiert. Seit April nehmen Geflüchtete an Veranstaltungen auf dem Campus teil und lernen Deutsch. Jeder von ihnen hat einen Studierenden-Buddy, der oder die ihm hilft, sich zurechtzufinden. Initiator Tom Schmidt (Bild: Mitte) sowie Flüchtlingsbeauftragte Claudia Wölk vom International Office der Leuphana im Interview.

Die Geflüchteten leben in Unterkünften nahe der Universität und werden in den kommenden Monaten von Studierenden der Leuphana dabei unterstützt, ausgewählte Veranstaltungen als Gasthörer zu besuchen und sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden. 

Mitglieder des AStA Lüneburg, besonders des Antirassismus-Referats, haben sich für dieses Projekt eingesetzt. Unterstützt werden sie dabei unter anderem von der amikeco-Willkommensinitiative Lüneburg, der Volkshochschule Lüneburg, dem International Office der Leuphana, dem Studierendenservice und dem Infoportal. 

Einer der Initiatoren ist Leuphana-Student Tom Schmidt. Im Interview erzählt er von der Entstehung der Initiative.


Tom, wann und wie kam die Idee für das Projekt auf? 

Ich hatte das Thema schon länger im Kopf und saß dann zufällig in einer Lerngruppe mit Jonas, dem AstA-Sprecher, der auch beim Antirassismus-Referat war. Das war Anfang Februar und da haben wir eigentlich mehr über unsere Ideen geredet als gelernt. Dann kam die Konferenzwoche mit der Podiumsdiskussion zum Verhältnis von Wissenschaft und Geflüchteten, auf der wir uns mit Wiebke Schwandt vom Methodenzentrum und Christine Katz von der amikeco-Willkommensinitiative zusammengeschlossen und Mitte März mit Trang Vo (im Bild links) die Initative gegründet haben.

Das ging ja von da an alles sehr schnell…?

Die Leute, die bei dem Treffen dabei waren, waren in verschiedene Richtungen gut vernetzt und irgendwie lief so alles sehr schnell. Wir waren schnell einig, dass der erste Schritt die Öffnung des Gasthörerprogramms sein sollte. Wir beschlossen, vor Semesterbeginn ein eigenes Kick-Off-Treffen mit den Geflüchteten zu machen. Darüber informierten wir die Unterkünfte mit E-Mails und Aushängen vor Ort. Die E-Mail ist auch an drei Redaktionen gegangen, die Interesse hatten, das Kick-Off medial zu begleiten. Bei dem Kick-Off waren dann plötzlich drei Medienteams dabei, auch der NDR und DIE ZEIT, das hatte sich auch alles so zufällig ergeben. Wir hatten so mit zehn Teilnehmenden beim Kick-Off gerechnet, aber es kamen über 40 Leute. 

Wie finanziert ihr das Projekt?

Dadurch, dass die Geflüchteten nicht alle aus Lüneburg kommen, musste sehr schnell eine Lösung gefunden werden, wie die Fahrtkosten bezahlt werden können. Wir haben über die Uni und die LZ dazu einen Spendenaufruf gestartet. Zudem gab es eine „Rote Rosen Benefizlesung“, die sowieso organisiert war und deren Erlös auch uns zugute kam. So konnte die Frage der Fahrtkosten schnell geklärt werden. 

Hast du nicht manchmal die Sorge, dass dein Einsatz umsonst ist, weil die Flüchtlinge abgelehnt werden könnten und dann Lüneburg und Deutschland verlassen müssen?

Das klammere ich aus. Das liegt leider nicht in meiner Macht. Mit unserem Projekt zeigen wir allen, auch den Behörden, dass wir die Geflüchteten willkommen heißen, dass wir sie gerne unterstützen und dass sie gebraucht werden. Wir schaffen ein Standbein für die Geflüchteten, das ist unser Ansatz für eine bessere Gesellschaft.


Flüchtlingsbeauftragte Claudia Wölk vom International Office erzählt im Interview, was das Programm für die Geflüchteten und für die Initiatoren konkret bedeutet.

Claudia Wölk, was genau ist alles zu organisieren?

Es gibt sehr viele Kleinigkeiten: Welcher der Geflüchteten passt an welche Fakultät? In welcher Art müssen die Buddys hier von der Uni gebrieft werden? Welche Formulare und Dokumente müssen vorliegen und wann? Die notwendigen Formulare zum Beispiel sind auf Deutsch, also mussten Lesehilfen erstellt werden und all sowas.

Wo sind die Geflüchteten aktuell untergebracht?

Nicht nur in Lüneburg, auch in Adendorf, Scharnebeck, Jesteburg… Es wurde schnell weiter bekannt, als wir am Anfang dachten.Wie viele Flüchtlinge waren zu Beginn dabei? Es waren von Beginn an 40-50 Flüchtlinge.

Sprechen alle Geflüchteten Englisch?

Die, die dabei sind, können Englisch und teilweise auch Deutsch, die Kommunikation klappt also gut. 

Welche Fragen kommen denn thematisch bei Ihnen im International Office an?

Vor allem solche zum Thema Prüfungsleistungen und offizieller Zulassung. Man muss wissen, viele der Geflüchteten haben in ihrer Heimat bereits ein Studium begonnen oder abgeschlossen, die wollen hier also echt weiterkommen und bringen auch das Know-How mit. Aber nach bisherigen Bestimmungen ist eine Zulassung einfach so nicht möglich, es fehlen auch oft Dokumente. Ein zweiter Bereich sind Anfragen von anderen Universitäten, die von dem Projekt begeistert sind und von unserer Erfahrung profitieren wollen. Aber auch von Stellen innerhalb der Leuphana, die sich beteiligen wollen. Da entsteht Koordinationsaufwand. Die Leuphana kann hier eine ganz klare Vorreiterrolle einnehmen und ein Vorbild sein für andere Universitäten.

Was motiviert Sie, sich so für das Projekt zu engagieren?

Ich wünsche mir eine echte, gelebte Willkommenskultur, nicht nur an der Universität, sondern überall. Die Basis ist dafür in Lüneburg sehr gut, unter anderem durch die gut aufgestellte Willkommensinitiative. Hier an der Leuphana hoffe ich auf eine weitere Sensibilisierung für internationale Studierende und Gäste aus dem Ausland. Und darüber hinaus stelle ich mir ganz praktisch noch etwas anderes vor: Ein Bildungsangebot ohne die üblichen Zulassungsbeschränkungen, aber mit Prüfungen. Es ist so, die Geflüchteten selber sagen, dass ihnen die Hoffnung und die Perspektive fehlen. Sie kommen hier in Deutschland an, sie bringen so viel mit an Wissen und Kenntnissen und sie wollen sich unbedingt einbringen. Aber hier als Gasthörer, ohne Zertifizierung und Prüfungen – da kommt bei ihnen die Frage auf, was es eigentlich bringt.

Gibt es denn Möglichkeiten, diese Beschränkungen zu umgehen?

Noch nicht wirklich. Aber es jetzt in den letzten Wochen zum Beispiel Einzelfälle, in denen Institute hier an der Uni angefragt haben, ob sie nicht einzelne Geflüchtete bei sich anstellen können. Es sind eben sehr gut qualifizierte Menschen dabei, die hier gebraucht werden. Eine einfache Anstellung geht natürlich aus rechtlichen Gründen nicht, aber mit einem Praktikumsvertrag kann man diese Sache vielleicht lösen.

Haben Sie auch manchmal Ängste, was das ganze Projekt betrifft?

Ja, im Hinblick auf die persönliche Geschichten, die die Geflüchteten in sich tragen, wie zum Beispiel traumatische Kriegserlebnisse. Oder was, wenn die Universität einen Zugang für einen oder eine Geflüchtete(n) eröffnet und ihm oder ihr parallel die Abschiebung mitgeteilt wird? Wir dürfen keine Hoffnungen wecken, die wir nicht erfüllen können.  

Die Interviews führte Lisa Wagner.


Kontakt

 

Initiator Tom Schmidt

E-Mail: openlecturehall@asta-lueneburg.de

 

Koordinatorin Internationale Studierende Claudia Wölk

E-Mail: claudia.woelk@leuphana.de

Fon: 04131.677-1072