Meldungen aus der Universität

Einwanderungsland Europa – „Die Willkommenskultur wirkt in die Herkunftsländer hinein!“

29.01.2016 Am Donnerstagabend fand auf dem Campus der Leuphana die zweite Veranstaltung der Reihe „Einwanderungsland Europa – Wie begegnet Lüneburg der Welt?“ statt, organisiert von Sven Prien-Ribcke, dem Mitinitiator der Reihe. Auf dem Podium diskutierten Abimbola Odugbesan von der Initiative „Lampedusa in Hamburg“, der CDU-Politiker Philipp Heißner, die Publizistin Khola Maryam Hübsch, Ralph Bollmann von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sowie Linda Beckmann von der „Willkommensinitiative Lüneburg“ die Leitfrage „Wie gestalten wir das Einwanderungsland Europa?“. Moderiert wurde die Diskussion von Prof. Dr. Sybille Münch, Professorin für Theory of Public Policy an der Leuphana.

Als einer von etwa 300 geflüchteten Menschen kämpft Abimbola Odugbesan mit der Initiative „Lampedusa in Hamburg“ für ein dauerhaftes Bleiberecht mit Arbeitsgenehmigung in Deutschland. Die Gruppe von Männern war 2012 aus Libyen nach Italien geflohen und von dort aus nach Deutschland gelangt. „Wir sind damals vor allem auch wegen der wirtschaftlichen Krise in Afrika nach Europa gekommen“, erzählte Odugbesan. Da man sich in Italien nicht ausreichend um die Flüchtlinge kümmern konnte, erhofften sie sich in Deutschland endlich ein „normales Leben“ sowie die Chance auf Bildung und Ausbildung. Für ihn liegt eine der Hauptursachen für die Krisen in afrikanischen Ländern im Versagen der Europapolitik in Bezug auf Afrika. 

Fluchtursachen bekämpfen, aber wie?

Die westlichen Interventionen, beispielsweise in Libyen oder im Irak, werden immer wieder als Grund für den Ausbruch von Bürgerkriegen und die darauffolgen wirtschaftlichen Krisen genannt, die zur Flucht vieler Menschen führten. Philipp Heißner (CDU) vertrat ebenfalls die Meinung, dass die Bekämpfung der Fluchtursachen auf Dauer die einzige Lösung sein kann. Auch Deutschland habe es sich dabei lange zu einfach gemacht. „Die Fluchtursachen zu bekämpfen ist aber nicht so einfach“, so der Journalist Ralph Bollmann. Er habe Zweifel daran, ob es einen direkten Zusammenhang zwischen der großen Anzahl an Flüchtlingen und den genannten Fluchtursachen gibt. „Existenzielle Armut ist im Moment, und eigentlich nie, die Hauptursache“, sagte er. Die großen Flüchtlingsgruppen aus Syrien oder Afghanistan würden in der Regel aufgrund von Kriegen kommen.

Migration als Herausforderung für die Gesellschaft

Eine der wichtigsten und auch schwierigsten Fragen ist sicherlich, wie sich Europa – damit auch Deutschland – in Anbetracht der großen Flüchtlingszahlen verhalten soll. „Muss man Migration begrenzen, um die Aufnahmebereitschaft der Bevölkerung nicht in Frage zu stellen?“, fragte Münch. Linda Beckmann von der „Willkommensinitiative Lüneburg“, die sich für die Begrüßung von neuen Bürgern in Lüneburg einsetzt, antwortete: „Natürlich wird es schwieriger, je mehr Menschen vielleicht auch kritisch gegenüber Flüchtlingen eingestellt sind. Auch die Eins-zu-eins-Beziehungen herzustellen, was uns sehr am Herzen liegt, wird schwieriger, aber ich sehe es eher als Herausforderung. Je mehr Menschen zu uns kommen, desto stärker rückt es ins Bewusstsein der Bevölkerung. Man hat auch gesehen, dass sich immer mehr Menschen für das Thema begeistern und mitmachen wollen.“ Sie fügte hinzu: „Ich habe keine einzige Person unter den Helfern getroffen, die gesagt hat, ‚es war keine Bereicherung‘ oder ‚es hat mich nicht wachsen lassen‘.“

Die Diskutierenden zusammen mit Sven Prien-Ribcke (links im Bild) bei der Eröffnung der Podiumsdikussion.
Trotz der ernsten Themen herrschte während der Podiumsdiskussion eine positive Atmosphäre.

Willkommenskultur als Chance

Westliche Waffenexporte in Kriegsgebiete oder die politische Zusammenarbeit mit diktatorischen Regimen bei gleichzeitiger Einforderung von Menschenrechten lässt die Europapolitik in vielen Augen unglaubwürdig erscheinen. Auch die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung benenne die westlichen Interventionen als einen Hauptgrund für die Krisen im Nahen Osten, sagte die Publizistin Khola Maryam Hübsch. Sie sieht in der Willkommenskultur die Chance für ein gutes Zusammenleben. „Die Willkommenskultur wirkt in die Herkunftsländer hinein. Die Menschen sehen dadurch, dass es keinen Anlass gibt, die westliche Bevölkerung abzulehnen, […] es gibt keinen Islamhass und es gibt Menschenrechte und die gelten auch für Muslime."

Einwanderungsland gestalten – Aus der Geschichte lernen

Einwanderung ist bekanntlich kein neues Phänomen. „Können wir etwas aus der jahrzehntelangen Erfahrung mit Einwanderung lernen?“, fragte Münch. Hübsch führte dazu ein historisches Beispiel an: Die römisch-katholische Einwanderung Ende des 19. Jahrhunderts in die Vereinigten Staaten. Die geführten Diskurse und Ängste seien damals ganz ähnlich gewesen: „Man hatte Angst vor der Rückständigkeit der Katholiken. Man sagte, sie seien antidemokratisch eingestellt und frauenverachtend. Die Haube der Nonne wurde problematisiert als Symbol der Unterdrückung.“ Vor allem Frauen und Feminist_innen der Generation, die durch Alice Schwarzer geprägt wurde, hätten heutzutage eine große Ablehnung gegenüber dem Kopftuch, erläuterte Hübsch weiter. „Auf der anderen Seite sehe ich, dass die junge Generation damit viel gelassener umgeht, sie hat keine Probleme damit, weil sie Muslime kennt, weil sie mit Muslimen groß geworden ist.“ Diese Erfahrungswerte schützten vor einer irrationalen Angst vor dem Fremden, die uns natürlicherweise beschleiche. Daher sei es wichtig, Ängste zu nehmen, zum Beispiel durch Aufklärungsarbeit.

In der Schlussrunde nannten alle Diskutant_innen noch einmal ihre Wünsche im Hinblick auf das Zusammenleben und die Integrationspolitik.

Odugbesan: „Ich wünsche mir, dass in Deutschland allen Flüchtlingen der Zugang zu Bildung und Ausbildung offen steht. Dies ist einer der besten Wege zur Integration.“

Heißner: „Ich habe zwei Wünsche auf zwei Ebenen: Eine ist die deutsche Ebene. Da wünsche ich mir eigentlich ein bisschen Geduld. Wir machen schon viele Schritte in die richtige Richtung, aber das braucht eben Zeit. Und der andere ist auf europäischer Ebene. Da würde ich mir das Gegenteil wünschen, nämlich etwas mehr Aktivität! Und dass man da möglichst schnell eine Regelung findet.“

Hübsch: „Ich beobachte, wie viele, mit großer Sorge in ganz Europa eine Zunahme rechtspopulistischer Tendenzen. […] Es ist durch die Presse gegangen, dass 62 Personen auf der Welt so viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung. Man müsste viel stärker systemkritisch überlegen, wie wir diese Rahmenbedingungen ändern können, anstatt, dass sich die Angst und die Wut in rechtspopulistischen Tendenzen entlädt.“

Bollmann: „Mein Wunsch wäre, dass die Beteiligten sich mehr darauf konzentrieren, am Gelingen der Integration zu arbeiten, die Chancen zu nutzen und nicht die Möglichkeiten schlechter zu reden als sie sind.“

Beckmann: „Ich würde mir einen Wechsel im Blick von der Problemperspektive hin zu einer Perspektive der Bereicherung wünschen. Der Mehrwert für die Gesellschaft ist auf jeden Fall da, zum Beispiel durch wirtschaftliche Vorteile aufgrund von Arbeitsmarktintegration sowie durch kulturelle Vielfalt. Dies überwiegt meiner Meinung nach auch die negativen Aspekte.“

Veranstaltungshinweis: "1 Jahr in Deutschland – Erfahrungen von einem Geflüchteten"

„Eine Begegnung mit Ahmad Abu Alhasan“ setzt die Veranstaltungsreihe am kommenden Donnerstag, den 4. Februar um 19 Uhr im Welcome & Learning Center (Bleckeder Landstr. 4) fort. Ahmad Abu Alhasan konnte sein Studium der Landwirtschafts-Ingenieurwissenschaften in seiner Heimat Syrien wegen des Krieges nicht abschließen. Der 21-Jährige Palästinenser erzählt von seinen Erfahrungen und davon wie er jetzt in Lüneburg die deutsche Sprache lernt, um weiter studieren zu können.


Autorin: Carina Stelter (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.


Sven Prien-Ribcke, M.A.
Universitätsallee 1, C8.122
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2839
sven.prien-ribcke@leuphana.de