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Die Welt in ihrer Komplexität abbilden. Regine Herbrik im Interview

19.02.2016 Das Methodenzentrum der Leuphana Universität Lüneburg arbeitet als interfakultäre Einrichtung zu disziplinären sowie inter- und transdisziplinären Methoden. In enger Kooperation mit den Schools und Fakultäten werden für Studierende und Forschende Seminare, Schulungen und Werkstattgespräche angeboten. Die Leiterin des Methodenzentrums, Prof. Dr. Regine Herbrik, erklärt im Interview die Bedeutung von Methoden und die Chance, die forschendes Lehren bietet.

Wozu gibt es eigentlich Methoden? Kann man als Wissenschaftler_in nicht einfach sagen: „Ich forsche jetzt drauf los und schaue was passiert?“

Das Problem dabei wäre, dass niemand nachvollziehen könnte, wie dabei Erkenntnisse zustande gekommen sind und wie glaubwürdig diese sind. Deswegen ist es unsere Aufgabe als Wissenschaftler_innen, die Wege, die wir nutzen, um zu Ergebnissen zu kommen, zu verdeutlichen. So machen wir für unsere Leser_innen und Hörer_innen unsere Vorgehensweise transparent und geben ihnen dadurch die Möglichkeit, uns  gegebenenfalls auch widerlegen zu können. Wir sind alle in einen – auch historischen – Diskurs eingebunden, der davon lebt, dass Theorien und Hypothesen aufgestellt, aber auch überprüft und verworfen werden können. Und es geht darum, dass wir uns in diesem Diskurs als glaubwürdige und redliche Gesprächspartner_innen zeigen. Das kann man sehr gut tun, indem man die Methoden ausweist, derer man sich bedient. 

Sie erwähnen auf der Startseite des Methodenzentrums ja unter anderem statistische Methoden. Ist es richtig zu sagen, dass methodisch zu arbeiten, bedeutet, eine Zahl hinter eine Erkenntnis zu stellen?

Nein, das ist ein Weg neben anderen. Neben dem großen Bereich der quantifizierenden Verfahren ist am Methodenzentrum ja auch das gesamte Spektrum qualitativer und kulturwissenschaftlicher Methoden vertreten. Dort besteht keinerlei Interesse daran, „eine Zahl dahinter zu schreiben“. Denken Sie beispielsweise an die Interpretation eines Kunstwerks. Da ist die Nachvollziehbarkeit der Auslegung relevant, während Quantifizierbarkeit meist keine Rolle spielt. Doch selbst in den Bereichen, wo wir zu bezifferbaren Ergebnissen kommen, ist eine Interpretation unumgänglich. Eine Zahl ist zunächst nur eine Zahl. Interessant wird sie erst, wenn wir ihre Bedeutung für unsere Fragestellung erläutern. Darüber hinaus wird an der Leuphana viel mit inter- und transdisziplinären Methoden gearbeitet. Daran kann man gut ablesen, dass gerade die Kombination unterschiedlicher Forschungslogiken als Weg der Wissensgenerierung gut funktionieren kann. 

Sie sind von Haus aus Soziologin – wie ist das in Ihrem eigenen Fach?

Gerade in der Soziologie hat man längst gemerkt, dass die Welt zu komplex geworden ist, um sie mit einfachen Statistiken zu beschreiben. Deswegen setzt man dort neben einer immer noch ausgefeilteren Quantifizierung auch auf Methoden, die gerade nicht darauf hinwirken, die Welt auf definierbare Variablen zu reduzieren, sondern sie im Gegenteil in ihrer gesamten Vielfältigkeit und Komplexität abbilden. Das ist die Herangehensweise der qualitativen Methoden.  

Sind Methoden unserer Wissenschaft nicht letztlich eine Verabredung oder „Glaubenssache“? Sind wissenschaftliche Methoden auf einer grundsätzlichen Ebene nicht genauso wahr wie künstlerische oder nicht-westliche Methoden der Wahrheitsfindung? 

Natürlich geht es hier auch um gemeinsame Verabredungen und Setzungen dessen, was als wissenschaftlich, zuverlässig und valide gilt . Deswegen ist es umso schöner, wenn eine Universität über ein Methodenzentrum verfügt: Dort hat man – neben den alltäglichen Lehr- und Beratungstätigkeiten –auch den Spielraum, methodologische Fragestellungen anzugehen, Methoden weiterzuentwickeln und zu überlegen: Was messen wir jeweils? Trifft es das, was wir herausfinden wollen? Letztlich auch: Wie können wir Methoden so gestalten, dass wir Anregungen aus anderen Bereichen aufgreifen können, wenn wir uns zum Beispiel von künstlerischen Methoden inspirieren lassen?

Wie verortet sich das Methodenzentrum an  der Leuphana?

Das Methodenzentrum ist einer der Grundbausteine der Leuphana Universität. Das Studienmodell der Leuphana setzt in allen Bildungsphasen darauf, die Studierenden zu forschendem Lernen in multidisziplinären Arbeitsgruppen zu ermutigen. Dieser Studienlogik entsprechend wurde das Methodenzentrum als fakultätsübergreifende Einrichtung konzipiert. Das Angebot in Lehre und Beratung ist genauso flexibel abrufbar, wie es die fachlichen Angebote und die übergeordneten Bildungsziele der Leuphana erfordern. Das Methodenzentrum bietet Formate, die das Lernen ergänzend zu Seminararbeiten und in multidisziplinären Settings fördern und auch auf inter- und transdisziplinäres Arbeiten vorbereiten können. Fünf Juniorprofessuren spiegeln die methodischen Erfordernisse der Schwerpunkte der Leuphana in ihrer fachlichen Ausrichtung, um das Spektrum methodischer Herangehensweisen der Nachhaltigkeitswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Bildungswissenschaften und der Kulturwissenschaften abbilden zu können.

Ein weiteres Tätigkeitsfeld des Methodenzentrums sind die Abschlussarbeiten: Bei Bachelorarbeiten, Masterarbeiten und Dissertationen sind wir jeweils Ansprechpartner_innen für die gewählten Forschungsdesigns und Methoden. Und wir verantworten entsprechend auch Module, die Methoden reflektieren, wie das Modul „Reflecting Research Methods“ im Masterkomplementärstudium und das Modul „Methods in Comparison“ im Studium Individuale. 

Überfordert man Erstsemester nicht mit forschendem Lernen?

Das hat man an Universitäten lange gedacht. An der Leuphana hat man erkannt, dass es ein Irrtum ist, Studierenden methodische Herangehensweisen zunächst abgekoppelt von Inhalten beizubringen. Das funktioniert nicht. Reine Methoden-Vorlesungen halte ich für hochgradig problematisch. Der beste Weg, Methodenkenntnisse zu erwerben, besteht darin, Methoden anzuwenden, dabei auf Fragen und Probleme zu stoßen, diese gemeinsam zu bearbeiten, zu beantworten und zu lösen. Und genau das machen wir im Leuphana Semester und im Komplementärstudium. Forschend zu lernen, bedeutet eben auch, dass zunächst meist nicht alles so funktioniert, wie man es haben möchte. Man findet heraus, woran das liegen könnte und nimmt Anpassungen vor. So lernen unsere Studierenden schon zu Beginn ihres Studiums  einzuschätzen, welche Werkzeuge und welche methodischen Bausteine sie brauchen, um konkrete Fragestellungen gemeinsam angehen zu können. Besser kann man den Einsatz wissenschaftlicher Methoden nicht erlernen. 

Vielen Dank für das Interview!

Prof. Dr. Regine Herbrik
Universitätsallee 1, C40.525
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-1561
Fax +49.4131.677-2713
regine.herbrik@leuphana.de

Das Interview führte Martin Gierczak (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.