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Leuphana ist jetzt Fairtrade University – Wem nützt das eigentlich?

24.02.2016 Bei der Eröffnungsveranstaltung der Konferenzwoche 2016 wurde die Leuphana feierlich als „Fairtrade University“ ausgezeichnet, aber wem nützt das eigentlich? In einem von Irmhild Brüggen (Umweltbeauftragte der Leuphana) moderierten Gespräch beschäftigten sich Nachhaltigkeits-Experten kritisch mit dem Fairtade-Siegel und erklärten, was die Auszeichnung für die Universität bedeutet. Das Podiumsgespräch fand im Rahmen der Konferenzwoche 2016 statt. Laut Fairtrade-Botschafter Volkmar Lübke ist fairer Handel vor allem „der Versuch, ein partnerschaftliches Verhältnis zu den Produzenten aufzubauen. Sich zu unterstützen und zu helfen.“ Die Leuphana engagiert sich seit vielen Jahren in diesem Bereich.

Es diskutierten Henning Siedentopp, Volkmar Lübke, Irmhild Brüggen, Eva Freund (v.li.n.re.; nicht auf dem Bild: Stefanie Nicklaus).

Zu Beginn des Podiumsgesprächs fasste Irmhild Brüggen, Umweltkoordinatorin der Leuphana, zusammen, welche Kriterien die Leuphana erfüllen musste, um „Fairtrade University“ zu werden. Es sind fünf Kriterien: 1. der gemeinsame Beschluss des Studierendenparlaments und des Präsidiums zur Bewerbung, 2. die Bildung einer Steuerungsgruppe, 3. die Integration des Themas in die Lehre, 4. Anbieten von Fairtrade-Produkten bei öffentlichen Veranstaltungen und 5. pro Quartal mindestens eine Veranstaltung zum Thema.“ Daraufhin erläuterte sie, welche Bedeutung die Auszeichnung für die Universität hat.

„Ziel ist es, das Bewusstsein für Fairtrade auf dem Campus zu stärken. In der Lehre, in der Bildung, aber auch durch die Produkten, die hier angeboten werden. Wir sehen die Auszeichnung daher als Antrieb, zukünftig noch weitere Projekte umzusetzen.

Im Folgenden sind die spannendsten Fragen und Antworten aus dem Podiumsgespräch zusammengefasst. Die Fragen wurden von Irmhild Brüggen gestellt.

Nicht nur Institutionen werden mit dem Fairtade-Siegel ausgezeichnet, auch ganze Städte. Weltweit gibt es über 2200 Fairtrade Towns, in Deutschland derzeit knapp 400. Seit 2012 gehört auch Lüneburg dazu. Stefanie Nicklaus ist Vorsitzende der Steuerungsgruppe Fairtrade-Stadt Lüneburg und zudem in der Klimaschutzleitstelle von Hansestadt und Landkreis Lüneburg tätig.

War es einfach für Lüneburg Fairtrade Town zu werden?

Stefanie Nicklaus (Stadt Lüneburg): „Nachdem wir uns entschlossen hatten, uns als Fairtrade Town zu bewerben, haben wir relativ schnell festgestellt, dass es für uns auch gar nicht so schwierig ist. Die Kriterien (zum Beispiel eine Mindestanzahl an gastronomischen Betrieben, die Fairtrade-Produkte anbieten) hatten wir bereits erfüllt. Wir mussten dies also nur noch nachweisen und zertifizieren lassen.“

Gab die Auszeichnung auch in Lüneburg den Anstoß für weitere Nachhaltigkeits-Projekte?

Stefanie Nicklaus: „In Lüneburg wurden in den letzten Jahren viele Projekte umgesetzt, zum Beispiel durch das SCHUBZ (Umweltbildungszentrum der Hansestadt Lüneburg) oder in Form von Fairtrade-Frühstücken, die von der Steuerungsgruppe organisiert wurden. Die Lüneburger Bürger konnten einfach am Sonntag zum Frühstück kommen und sich dabei über Fairtrade-Produkte und die Arbeit in der Steuerungsgruppe informieren.“

Auch Fairtrade-Botschafter Volkmar Lübke bestätigt: „Der Prozess, der durch so eine Auszeichnung in Gang gesetzt wird, ist eigentlich mit das wichtigste. Das berichten viele Städte. Dadurch erfahren Personen davon, die vorher überhaupt nichts mit dem Thema zu tun hatten und es kommen Netzwerke zustande zwischen Menschen, die für die gleiche Sache arbeiteten.“

Für Lüneburg schien die Erfüllung der Kriterien relativ einfach gewesen zu sein. Sind die Kriterien für das Fairtrade-Siegel eventuell zu niedrig angesetzt?

Volkmar Lübke (TransFair e.V.): „Nein, das kann man pauschal nicht sagen. Wir hören es ab und an, in engagierten Städten wie Lüneburg, dass die Kriterien als niedrig angesehen werden, aber andere Städte müssen wiederum dafür arbeiten. Deshalb bleiben wir auch bei diesem Standard.“

Eine Frage, die sich in dem Zusammenhang immer wieder stellt, ist: Wie soll die Einhaltung der Richtlinien überprüft werden?

Volkmar Lübke: „An einem Produkt zu messen, ob Kinderarbeit drinsteckt, so ein Verfahren gibt es nicht. Daher muss man vor Ort in irgendeiner Weise Informationsquellen haben, entweder durch sogenannte Auditoren, regelmäßige Überprüfungen, oder in den Ländern befindliche Officers, die die Verbindung herstellen zur Organisation. Heute ist es so, dass immer mehr in die Länder verlegt wird, d.h. in Afrika oder Asien gibt es Regionalbüros, die Aufgaben selber in die Hand nehmen. Diese sind für die Sicherstellung der Standards unglaublich wertvoll.“

Es gibt derzeit um die 30 verschiedenen Güte-Siegel für Fairtrade-Produkte… Woher sollen Nutzer wissen, was welches bedeutet?

Volkmar Lübke: „Das ist das Problem. Der Begriff „fair“ ist nicht geschützt, anders als beim Bio-Siegel, wo es bestimmte Vorgaben gibt. Als Verbraucherschützer denkt man sich „Mein Gott, wäre es nicht eigentlich an der Zeit, so etwas wie im Bio-Bereich zu haben, also einen Mindeststandard gesetzlich vorzuschreiben?!“ Dann würden wahrscheinlich von diesen 30 Siegeln schon 25 rausfallen.“ 

Dipl.-Umweltwissenschaftlerin Eva Freund hat an der Leuphana bereits selbst Seminare mit Fairtrade-Bezug gegeben.

An welche Fachdisziplinen und fachlichen Kontexte lässt sich das Thema Nachhaltigkeit an der Leuphana andocken?

Eva Freund: „Es passt tatsächlich an alle Fakultäten, die hier an der Universität vertreten sind. Angefangen natürlich exemplarisch bei Nachhaltigkeit, aber auch politisch und kulturell, denn wir beziehen schließlich Produkte aus aller Welt. Fairer Handel ist für mich aber vor allem auch ein ökonomisches Thema, „Was bedeutet Handel, Welthandel und welche Probleme gibt es dabei?“. Und letztlich können die gestellten Fragen auch in den Bildungsstudiengängen wieder aufgegriffen werden.“

Der ehemalige Leuphana-Student Henning Siedentopp, ist Gründer und Geschäftsführer der mela wear GmbH, welche ausschließlich Fairtrade und GOTS zertifizierte Kleidung aus Indien vertreibt. Gerade haben sie den weltweit ersten Fairtrade-Bio-Rucksack auf den Markt gebracht. Auch Siedentopp sieht in der Auszeichnung Chancen für die weitere nachhaltige Universitätsentwicklung.

Er betonte: „Die Auszeichnung als Fairtrade-University ist sehr lobenswert, denn sie bescheinigt uns, dass wir uns nicht nur in Lehre damit beschäftigen und Aufklärungsarbeit leisten, sondern auch Produkte am Campus aus Fairtrade-zertifizierten Betrieben kommen und die Studierenden sich somit mehr mit dem Thema beschäftigen. Mein persönlicher Wunsch ist, dass dies nicht als eine Errungenschaft angesehen wird, die jetzt Stillstand verspricht, sondern, dass man die Auszeichnung als Grund nimmt, das Engagement weiter auszubauen und zu gucken, wo es noch weiteres Potenzial gibt, zum Beispiel bei Produkten wie Büromaterialien oder Textilien.“

Siedentopp ist davon überzeugt, dass nachhaltige Produkte nicht in der Nische bleiben sollten, sondern in die Masse müssen. Um das zu erreichen, beweist er mit mela wear, dass nachhaltige Mode keineswegs teuer sein muss.

Henning Siedentopp: „Wir liegen preislich zwischen zehn und 30 Prozent unter den Markenprodukten. Was sagen die Leute immer? 'Nachhaltige Mode sieht nicht gut aus, ist teuer und wo gibt’s das überhaupt zu kaufen?‘. Das ist genau das Problem! Dann macht man das einfach mal schick, zu 'nem fairen Preis und legt es in die Läden, wo jeder reingeht.“


Dipl. Umw. Irmhild Brüggen
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Autorin: Carina Stelter (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.