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Nihilismus als Motivation im Dschihad

08.03.2016 Im Rahmen der gemeinsam von VHS und Leuphana gestalteten Reihe „Einwanderungsland Europa“ gab jetzt Prof. Dr. Jürgen Manemann in seinem Vortrag "Wir lieben den Tod - Was fasziniert junge Europäer an dschihadistischer Gewalt?" im Glockenhaus Annäherungsversuche zum Verständnis des Dschihads.

Der katholische Theologe Prof. Dr. Jürgen Manemann veröffentlichte zuletzt "Der Dschihad und der Nihilismus des Westens. Warum ziehen junge Europäer in den Krieg?"

Der Vortrag beginnt mit dem düsteren Musikvideo des Rappers Deso Dogg (Denis Cuspert) aus dem Jahr 2006. Der in Berlin geborene Musiker erzählt, dass er trotz einer „Welt voller Hass und Blut“ nur noch Gutes tun wolle mit der Bitte an Allah, er solle ihn nicht fallen lassen. Wenige Jahre später tritt er als radikaler dschihadistischer Salafist in Erscheinung. 2012 spricht er Drohungen gegen den Deutschen Staat aus und wird Teil der Medienorganisation des IS. Wie lässt es sich erklären, dass Leute aus unserer Mitte einen solchen Hass auf uns entwickeln? 
„Hier läuft etwas verdammt schief.“ So der Referent.

Manemann stellt irreführende Deutungsmuster vor, mit denen sich dem IS genähert wird. Diabolisierung, Religionisierung, Soziologisierung und Ethnisierung.

In der Diabolisierung ist der Ansatz ein radikales Schwarz-Weiß-Denken. Die Dschihadisten werden als die „Bösen“ abgestempelt, komplementär steht die „gute“ Eigengruppe. Diese Idee, das Böse sei kein möglicher Teil des eigenen Kreises hilft, mit dem Schrecken umzugehen. Diese Grenzziehung erklärt aber nicht das Symptom. Sie erklärt nicht, wie „normale“ Mitbürger, die man zur Eigengruppe zählte, zu solchen Taten fähig werden. Der Dschihadismus ist nicht wie erhofft ein eingeschleppter Virus von Außen. Der Dschihadismus kann aus unserer Mitte kommen, als Eigengewächs, ein „home grown terror“. Dschihadisten aus Deutschland verhalten sich teilweise noch brutaler als jene aus den arabischen Ländern. Die Verwirrung entstehe besonders dadurch, dass die Gruppen scheinbar aus dem Nichts heraus entstehen, ohne großen Vorlauf oder Hilfe von bestehenden Netzwerken. Die Bildung erfolge oft spontan, schnell und somit unberechenbar.

In der Religionisierung wird der Ansatz vertreten, dschihadistische Gewalt sei religiöse Gewalt. Dschihadismus sei als Teil des Islams ohne diesen nicht existent. Übergreifend formuliert können alle monetären Religionen zu dieser Art von Gewalt führen. Der einzige Ausweg wäre also eine Gesellschaft vollständig ohne Religion. Dieser monokausale Ansatz verdecke allerdings die Perspektive, dass dem Dschihadismus andere, nichtreligiöse Motive zu Grunde liegen. Indem man das Verhalten der Dschihadisten auf die Religion zurück führe, spiele man deren Spiel mit. Denn die Dschihadisten wollen ihren Krieg als einen religiösen Krieg darstellen.

In der Soziologisierung werden die Klischees vertreten, ein Dschihadist habe das typische Profil einer verarmten Person mit niederer Bildung und starkem Religionsbezug. Tatsächlich wuchsen die meisten neuen Anhänger aus Deutschland in atheistischen Elternhäusern auf. Zwei Drittel kamen aus Mittelschichtsfamilien. Viele werden durch ihr junges Einstiegsalter, meist zwischen 18-22 Jahren, zu Abbrechern ihres Bildungsweges. Der Zirkelschluss, diese Jugendlichen seien nicht intelligent, treffe jedoch nicht zu, betont Manemann. Zum Anschluss an den Dschihad sei die Fähigkeit einer schnellen, effizienten Informationssuche notwendig sowie ausgeprägte Sprach- und Länderkenntnisse. Der Ansatz, die Gewalt aus unserer Mitte heraus an den „Rand“ der Gesellschaft zu drängen, der mit einem nichts zu tun hat, sei also nicht überzeugend.

Bei der Ethnisierung wird das Handeln der Dschihadisten damit erklärt, dass ihre Ethik ihr Handeln als gutes Handeln bewertet. Die Dschihadisten sehen sich in ihrem Handeln nicht als die „Bösen“, eher seien es andere, die beseitigt werden müssten um die Welt zu heilen. Dieser psychologische Ansatz mache das skrupellose Handeln besser verständlich. Allerdings sei der Ansatz eine Art der Legitimation der Gräueltaten der Täter.

Einzeln betrachtet sind alle Ansätze irreführend und unzureichend. Manemann vertritt einen seiner Meinung nach komplexeren und zielführenderen Ansatz.

„Je irrationaler eine Tat der Dschihadisten erscheint, desto rationaler ist sie geplant“

Manemann zitiert den Dschihadisten Christian Emde: „Wir gewinnen durch die Furcht im Herzen unserer Feinde.“ Die Dschihadisten haben eben dieses Ziel: Angst und Schrecken zu verbreiten. Genau das mache sie klar zu einer Terrororganisation. Dabei gilt: Je irrationaler und wahnsinniger eine Tat für uns erscheint, desto genauer und rationaler sei sie geplant worden. Diese Unkalkulierbarkeit zielt auf maximale psychische Verstörung ab. Besonders verstörend sei hier die Enthemmung. Massenvernichtung schein eine spezifische Dimension des religiösen Terrors im Vergleich zum politischen Terror zu sein. Den Terroristen ist dabei wichtig, dass sie nicht als Gewaltkriminelle handeln, so Manemann. Aus ihrer Perspektive üben sie Gewalttaten im Namen einer Klasse, in Berufung eines Dritten aus. Problematisch, wenn sich dieser Dritte nicht meldet für den Fall, dass dieses Handeln doch nicht in dessen Sinne ist.

„Kein Ja zum Leben sondern ein ja zum Nichts.“

Dschihadismus ist Hass, blanker Hass, so Manemann. „Der Hass wird sakralisiert. Ihm wird alles, auch das eigene Leben, untergeordnet.“ Es gehe um die willentliche Neutralisierung der Empathiefähigkeit, der Hemmung, den anderen nicht zu töten. Der Tod des Anderen werde zum Lebenszweck für den die Selbstopferung in Kauf genommen wird. Manemann beschreibt aktiven Nihilismus als Grundlage des Dschihadismus. Es ginge dabei aber nicht um philosophischen Nihilismus, sondern um eine Art der Lebenserfahrung in totaler Sinnlosigkeit und Hoffnungslosigkeit. Manemann führt hier die scheinbar sinnlose Gewalt Jugendlicher aus: Zwei Jungen schlugen einen Obdachlosen tödlich zusammen. Ohne Schuldgefühle äußerten sie ihre Motivation einerseits in Langeweile, andererseits darin, sie seien neugierig gewesen, wie es wohl sei einen Menschen zu töten. „Dies ist ein extremer Ausdruck von Sinnlosigkeit von Leben, einer Pervertierung von Sinn. Der Sinn ist hiermit nicht mehr ein „Ja“ zum Leben sondern ein „Ja“ zum Nichts.“  Nichts scheine mehr von Bedeutung. Diese Einstellung lasse sich politisch kanalisieren. Manemann erklärt, man könne niemals völlig frei sein: der Tod und die Angst davor seien unausweichlich. Anhänger des IS hätten kleine, schwache Ichs, die mit dieser Vorstellung nicht klar kämen. Menschen, die zwar ein Gefühl der Leere erfüllt, die aber trotzdem den Tod in seiner absoluten Kraft fürchten. Der einzige Ausweg, dem zu entfliehen sehen sie darin, selbst Exekutor zu werden. Somit entstehe das Gefühl der Antizipation des Todes. Man transzendiert die Sterblichkeit indem man Teil des Todes wird. Dies fasziniert und führt zu Bewunderung oder wenigstens Beachtung durch andere. Die Todesbereitschaft der Dschihadisten wurzele in einer vorgestellten unangreifbaren Destruktionskraft. Indem man andere tötet oder sie in den Tod mitreißt rückt der individuelle Tod in den Hintergrund. Dem Tod wird nicht ins Gesicht gesehen sondern verdrängt. In Videos, die für die Suizidierung an öffentlichen Plätzen werben, wird der Tod geradezu ästhetisiert. Die Selbstmörder sind gut gekleidet und zuversichtlich, keinerlei Zweifel sind erkennbar, der „Auftrag“ schützt sie davor, sich selbst als Opfer des Todes wahrzunehmen sondern als dessen Kompagnon.

„Wenn Sterben keine Bedeutung hätte, hätte auch das Leben keine Bedeutung“


Was kann man tun gegen einen Sinneswandel in diese Richtung? Wichtig sei es, über die Ressourcensicherung hinaus, sein Leben mit glücklichen Momenten zu füllen. Wir brauchen Momente des Erfolges. Erst so erkennen wir das Leben als etwas Endliches und Verletzliches aber gleichzeitig als etwas Sinnvolles. Es entsteht ein humanistischer Blickwinkel, der mit dem Leben auch dem Tod Bedeutung zuspricht. Wenn Sterben keine Bedeutung hätte, hätte auch das Leben keine Bedeutung. „Indem wir der Tragik des Lebens entgegenblicken, erhalten wir dessen Würde und die Würde eines jeden anderen Lebens.“


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Autorin: Julia Graßhoff (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.