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Fünf Jahre Krieg in Syrien – Was sind die Hintergründe des Konflikts?

17.03.2016 Hussein Jelebi arbeitete als Rechtsanwalt in Syrien. Mittlerweile lebt er seit 16 Jahren in Deutschland und ist als Dolmetscher und Journalist in Lüneburg tätig. Am Dienstagabend schilderte er in der vhs.halle vor knapp 100 interessierten Besucherinnen und Besuchern, welche Ursachen zum Bürgerkrieg in seiner Heimat geführt haben. Der „Themenabend Syrien: Hintergründe eines Konflikts“ ist Teil der Bildungsreihe „Einwanderungsland Europa – Wie begegnet Lüneburg der Welt?“, einer gemeinsamen Initiative der Leuphana Universtät Lüneburg und der Volkshochschule REGION Lüneburg.

Hussein Jelebi ist neben seiner Tätigkeit als Dolmetscher auch Mitglied des syrischen Journalistenverbandes und schreibt Artikel für arabische und kurdische Zeitungen.

Aus europäischer Perspektive sind die Ereignisse des Syrienkonflikts, über die tagtäglich in den Medien berichtet wird, oft schwer nachzuvollziehen. Wie konnte es überhaupt so weit kommen, dass Millionen Syrer aus ihrer Heimat flüchten müssen und eine große Zahl von ihnen sich auf den Weg nach Europa macht? Der Austausch mit syrischen Flüchtlingen ist eine Möglichkeit, um die Zusammenhänge besser zu verstehen. Am 15. März 2016, genau fünf Jahre nach Beginn der Proteste gegen das Regime in Syrien, hielt Hussein Jelebi einen Vortrag zu den Hintergründen des Syrienkonflikts. Die folgenden Passagen sind eine inhaltliche Wiedergabe der vom Referenten in seinem Vortrag dargestellten Ereignisse. Die Zwischenüberschriften wurden von der Redaktion zur besseren Übersicht hinzugefügt.

Hussein Jelebis Vortrag beginnt mit einem kurzen Überblick zur Entstehung Syrien und der Präsidentschaft von Hafiz al-Assad:

Das heutige Syrien ist nach dem Ersten Weltkrieg durch die Aufteilung des bis dahin vom Osmanischen Reich beherrschten arabischen Ostens unter die Siegermächte England und Frankreich entstanden. Seit einem Staatsstreich 1963 regiert die Baath-Partei das Land. 1970 schaffte es Hafiz al-Assad nach jahrelangen Machtkämpfen innerhalb der Baath-Partei an die Spitze der Partei und wurde kurz darauf mit 99,2 % der Stimmen zum Staatspräsidenten gewählt – einen Gegenkandidaten gab es nicht. Von 1971 bis 2000 war Hafiz al-Assad somit Generalsekretär der Baath-Partei und Staatspräsident Syriens. „Al-Assad griff von Anfang an hart gegen Oppositionelle durch und demonstrierte somit seine Macht. Um sein Ansehen in der Bevölkerung zu stärken, führte er Volksbefragungen ein. Allerdings erreichte bei diesen „Wahlen“ stets die Regierungspartei 99,9 Prozent der Stimmen“, so Hussein Jelebi. Außerdem berichtete er: „Mitglieder der Baath-Partei genossen viele Privilegien: Die Kinder von Partei-Mitgliedern bekamen in der Schule automatisch bessere Noten und konnten zum Beispiel Medizin studieren.“ Assad habe ebenfalls die Wirtschaft Syriens kontrolliert, so Jelebi. Bei großem Privatvermögen mussten reichlich Steuern gezahlt werden – jedoch nicht an den Staat, sondern direkt an die Familie al-Assad. Genauso wurden auch die Medien durch die Regierung kontrolliert, erklärte Jelebi weiter. Unter Hafiz al-Assad habe es zum Beispiel lediglich drei verschiedene Zeitungen gegeben, die alle unter dem Einfluss der Regierung standen. 

Präsidentschaft von Baschar al-Assad

Als Hafiz al-Assad im Jahr 2000 starb, wurde sein zweitältester Sohn Baschar al-Assad mit 34 Jahren sein Nachfolger. „Dafür wurde kurzerhand die Verfassung geändert und das Mindestalter für den Präsidenten von 40 auf 34 Jahre herabgesetzt“, so Jelebi. Baschar al-Assad schien zunächst liberaler als sein Vater. Unter ihm begann der sogenannte „Damaszener Frühling“. Dieser hatte demokratische Reformen zum Ziel, wodurch sich die Bevölkerung ein liberaleres Syrien erhoffte. Die Freilassung von 600 politischen Gefangenen im November 2000 unterstützte die Hoffnung auf einen neuen Kurs der Regierung. Das Regime ließ jedoch bereits im September 2001 erneut Oppositionelle inhaftieren.

„Assads Politik führte insgesamt dazu, dass die sozialen Ungleichheiten und die Existenzangst der syrischen Mittelschicht zunahmen“, erklärte der Referent. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung ließ den „Arabischen Frühling“ auch auf Syrien überschwappen. (Anm. der Redaktion: Der „Arabische Frühling“ bezeichnet eine im Dezember 2010 beginnende Serie von Protesten, Aufständen und Revolutionen in arabischen Staaten, die in Tunesien ihren Ursprung hatte. Die Proteste richteten sich gegen die autoritären Regime und die politischen und sozialen Strukturen dieser Länder.) Durch die Bilder von Demonstrationen in anderen Ländern sei auch in Syrien die Angst vor dem Regime geschwunden, so Jelebi. Themen, die in Syrien lange tabu waren, wurden nun bei Demonstrationen gegen Baschar al-Assad offen geäußert: Dazu gehörten die Forderung nach der Achtung der Menschenwürde, nach Freiheiten und Rechtsstaatlichkeit sowie sozialen und wirtschaftlichen Perspektiven.

Verschiedene Ethnien und Religionsgemeinschaften führten zu einer starken Heterogenität von Staat und Gesellschaft, erklärte Jelebi:

Dieser Zustand liefere an mehreren Stellen Konfliktpotential und sei ein Grund dafür, dass sich so viele verschiedene Gruppen im Bürgerkrieg bildeten, so Jelebi. In Syrien leben syrische Araber, Kurden, Assyrer-Aramäer, Turkmenen und Palästinenser. Diese gehören verschiedenen Religionsgemeinschaften an, unter denen die sunnitischen Muslime mit etwa 74 Prozent Anteil an der Bevölkerung die zahlenmäßig stärkste sind. Zu den religiösen Minderheiten des Landes gehören die Alawiten, die Christen, die Drusen und die Schiiten. Die Alawiten machen etwa 12 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Ein großer Teil der politischen Elite, so auch die Familie al-Assad, entstammt der alawitischen Religionsgemeinschaft, deren Wurzeln bis ins neunte Jahrhundert zurückreichen. Das Alawitentum ist bis heute eine Geheimreligion, deren religiöse Doktrinen strikter Geheimhaltung unterliegen.

2011: Ausbruch des Bürgerkriegs und die weiteren Entwicklungen

Als Ausgangspunkt des Bürgerkriegs gilt das gewaltsame Eingreifen des Regimes während einer friedlichen Demonstration. Die Demonstranten gingen am 15. März 2011 gegen die Verhaftung von Kindern in der südsyrischen Stadt Daraa auf die Straße, erzählte Jelebi. „Die Kinder hatten in der Schule auf Tafeln und in Schulhefte Sätze wie 'Das Volk will den Sturz des Regimes' geschrieben und wurden deswegen festgenommen“, so der Referent. Bei den Demonstrationen wurden mehrere Menschen getötet, daraufhin kam es auch bei weiteren Protesten zu Toten.

Mittlerweile habe sich ein Krieg mit vielen Fronten entwickelt, so Hussein Jelebi. Verschiedenste Gruppierungen strebten nach der Macht: die Terrororganisation "Islamischer Staat", aber auch Rebellengruppen wie die Freie Syrische Armee, die Islamische Front, Kurdische Milizen und der Al-Qaida-Ableger Al-Nusra-Front. Das ursprüngliche Ziel der Opposition, die Demokratisierung Syriens zu erreichen, spiele aktuell nur noch eine geringe Rolle. „Die Situation für die syrische Bevölkerung wird immer dramatischer“, so Jelebi. Perspektivlosigkeit, Unterdrückung und die Angst vor Verfolgung zwängen immer mehr Menschen zur Flucht, erläuterte er weiter. In dem Bürgerkrieg sind schon mehr als 250.000 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als vier Millionen Syrer sind aus dem Land geflohen, neun Millionen weitere sind innerhalb Syriens auf der Flucht. Somit wurde durch den Krieg etwa die Hälfte der syrischen Bevölkerung zu Flüchtlingen.

Die wachsende Einflussnahme von Interessensgruppen aus dem Ausland spiele mittlerweile auch eine große Rolle. Seit September 2015 fliegt Russland Luftangriffe in Syrien – offiziell um den IS zu schwächen. Angegriffen wurden allerdings vor allem andere Oppositionsgruppen. „Die IS-Hochburg Palmyra wurde von den russischen Kräfte überhaupt nicht angegriffen“, sagte Jelebi. Vor wenigen Tagen begann Präsident Wladimir Putin mit dem angekündigten Teilabzug der russischen Truppen aus Syrien. Hussein Jelebi begrüßte diesen Schritt, da es seiner Meinung nach immerhin „etwas weniger Gewalt für Syrien“ bedeute. Russland halte jedoch nach wie vor am syrischen Regime fest, so Jelebi, auch um seinen strategischen Zugang zum Mittelmeer nicht zu verlieren.

Syriens Hoffnung auf eine friedliche Zukunft

Angesichts der Ereignisse der letzten Zeit fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Syrien irgendwann einmal wieder ein friedlicher und zivilisierter Staat wird. Hussein Jelebi zeigte sich zum Abschluss der Veranstaltung dennoch optimistisch: Er habe trotz allem die Hoffnung, dass in Syrien irgendwann wieder ein Leben in Frieden für die Bevölkerung möglich sein wird. „Schließlich gab es in Syrien bereits seit 100 Jahren den Zustand, dass die unterschiedlichen Gruppen zusammen in Frieden miteinander gelebt haben“, sagte er. „In Syrien gibt es keine strikten geographischen Grenzen zwischen den Regionen. Das heißt, in von Kurden dominierten Regionen leben auch Araber, Christen, Armenier, Jesiden usw. und umgekehrt. Außerdem gilt seit zwei Wochen die Waffenruhe, die weitestgehend eingehalten wird. Kurden und Araber sind zusammen in der Opposition gegen Assads Regime und gehen gemeinsam auf die Straße, um Solidarität für den jeweils anderen auszudrücken. Das sind alles kleine Schritte, aber sie sind ein Anfang.“


Weitere Informationen

- Veranstaltungsreihe: Einwanderungsland Europa

- Nächste Veranstaltung: Spaziergang durch das interkulturelle Lüneburg Samstag, 09.04.2016, 11:30 – 15:30 Uhr, Welcome & Learning Center, Bleckeder Landstraße 4

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Autorin: Carina Stelter (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.