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Religiöse Spannungen zwischen Islam und Christentum

25.05.2016 Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Einwanderungsland Europa. Wie begegnet Lüneburg der Welt?“ hielt Prof. Dr. Achatz von Müller am 19. Mai 2016 seinen ersten von insgesamt drei Vorträgen mit dem Titel „Islam und Christentum in Konflikt und Kommunikation“. Für ihn ist die christlich-islamische Beziehung höchst spannungsreich. In seinem ersten Vortrag beleuchtete er das Spannungsfeld religiöser Art näher. Die Bildungsreihe, in dessen Rahmen der Vortrag stattfand wird organisiert von der Volkshochschule Lüneburg und der Leuphana.

Zur Geschichte Europas mit dem Islam

Zu Beginn stellt Professor von Müller die These des belgischen Historikers Henri Pirenne vor, der sich ausführlich mit der Geschichte Europas und des Islams auseinander gesetzt hat. Pirennes These lautet, dass Europa ein Zwangsprodukt der islamischen Expansion sei, da der Arabersturm im späten 7. und frühen 8. Jahrhundert Europa von der antiken Kontinuität abgeriegelt habe. David Abulafia, ein britischer Historiker, widerspricht dem teilweise: Es habe keine Abriegelung Europas statt gefunden, der Arabersturm habe nur neue Akzente gesetzt. Die islamische Präsenz in Spanien und Süditalien seit Beginn des 8. Jahrhunderts habe dazu geführt, dass Verbindungen „neu justiert, neu interpretiert und neu gedacht“ wurden. Das Übergreifen des islamischen Raums nach Europa hatte eine Fülle von Geschenken und diplomatischen, aber auch kriegerischen Beziehungen zur Folge. Durch die Verschiebung des Zentrums von Rom nach Aachen wurden neue räumliche Spannbreiten geschaffen, über die das antike Kommunikationssystem der Römer nicht mehr zu halten war. Damit habe Pirenne schlussendlich Recht, dadurch entstehe Europa. Die Rolle des Arabersturms sei damit entscheidend für die Neuakzentuierung der Traditionen und gleichzeitig „eine Akzentuierung der Schaffung Europas“.

Die daraufhin entstehende Welt sei eine kriegerische, denn „die entscheidende Trennung zwischen Ost und West verläuft ja nicht ganz selbstverständlich“, bemerkt Professor von Müller. Die religiösen Fronten verlaufen komplex. Der Islam und das frühere byzantinische Christentum kooperierten im 7. und 8. Jahrhundert sehr eng miteinander, nicht jedoch mit dem westlichen Christentum so dass es hier auch zu Differenzen innerhalb des Christentums (Ost-West) kam.

Bei der Expansion des Islams in Europa spielten Steuervorteile für Muslime eine entscheidende Rolle. „Die Expansion des Islams kann als innerer Antrieb und äußere Versuchung beschrieben werden“, fasst Professor von Müller zusammen.

Jerusalem die heilige Stadt – für drei Religionen

Jerusalem gilt im Hochmittelalter als heilige Stätte der Christen als Zentrum der Welt – arabische Herrscher lassen Pilger als eine Art von Tourismus zu. Auch als dort die ersten Moscheen gebaut werden, „ist Jerusalem eine heilige Stadt für alle Religionen, am intensivsten für Juden und Christen“, stellt Professor von Müller heraus. Als die Seldschuken zu Beginn des 11. Jahrhunderts Jerusalem erobern, riegeln sie die Stadt ab. Sie nehmen den Islam als Religion an, verstehen ihn jedoch als Gebot des Kampfes gegen alle, die nicht islamisch sind. Diese Abriegelung nutzt Papst Urban II 1095 als Anlass, zum christlichen Kreuzzug aufzurufen. Während es bis zum Beginn der Kreuzzüge immer wieder ein gegenseitiges Entgegenkommen gab, ändert sich dies nun: Im Zuge der Kreuzzüge entwickelt sich eine neue Propaganda. Zum ersten Mal gibt es auf beiden Seiten feste Feindbilder, ein Konzept, das vorher nicht existierte. Dies führt im Jahr 1130 zu dem komplett neuen Prinzip „Taufe oder Tod“, das den Beginn einer „neuen Phase der Christianisierung nach innen und außen“ markiert, erklärt Professor von Müller. Beide Glaubenskonzeptionen beginnen antagonistisches Denken und eine Theologie zu entwickeln. „Jetzt gibt es den Konflikt zwischen Islam und Christentum als einen theologischen – jeweils der andere ist der Glaubensfeind. Doch trotz aller theologischer Konflikte hat es immer wieder Gesten der Verbindlichkeit gegeben“, hebt Professor von Müller hervor.

Zur Person:

Prof. Dr. Achatz von Müller arbeitete als Verwalter der Professur Humanities an der Leuphana an einem Curriculum sowie einem kulturwissenschaftlichen und praxisorientierten Graduiertenprogramm. Er ist akademischer Leiter des Leuphana Colleges. Professor von Müllers Forschungsschwerpunkt ist unter anderem die historische Kulturtheorie, außerdem ist er emeritierter Professor für Geschichte an der Universität Basel.

Die nächsten Vorträge von Prof. von Müller tragen die Titel

• „Islam und europäische Aufklärung“ (26.5.) und
• „Islamische Kultur und europäische Geschichte“ (2.6.)

und finden jeweils von 18:30 bis 19:30 Uhr in Hörsaal 4 des Campus Scharnhorststraße statt.


Kontakt

Prof. Dr. Achatz von Müller
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21335 Lüneburg
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achatz.von_mueller@leuphana.de

Sven Prien-Ribcke, M.A.
Universitätsallee 1, C8.122
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2839
sven.prien-ribcke@leuphana.de


Autorin: Morgaine Struve (Universitätskommunikation). Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.