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Workshoptagung „Transformation-Kultur-Geschlecht“: Geschlecht und Gender im tunesisch-deutschen Vergleich

19.07.2016 Im Rahmen des seit Anfang 2016 laufenden kulturwissenschaftlichen Projekts „Transformation-Kultur-Geschlecht“ fand vom 11. bis zum 13. Juli 2016 eine Workshoptagung an der Leuphana statt. Das von Dr. Steffi Hobuß geleitete Projekt untersucht die Transformationen der Geschlechterverhältnisse und Geschlechterbegriffe in Tunesien im tunesisch-deutschen Vergleich. Ziel der Tagung mit Teilnehmenden aus Tunesien und Deutschland war es, sich untereinander zu vernetzen und einen Einblick in die verschiedenen Forschungspläne zu gewähren. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat eine zweijährige Förderung des Projekts zugesagt.

Prof. Dr. Amel Grami über "The transformation of gender relations in post revolution Tunisia".

Vortrag über „The transformation of gender relations in post revolution Tunisia“

Am Montagabend sprach Prof. Dr. Amel Grami, Professorin für Islamwissenschaft und Gender Studies an der Universität La Manouba (Tunesien), über „The transformation of gender relations in post revolution Tunisia“. 1956 wurde von der tunesischen Regierung ein Personenstandsgesetz erlassen, das Polygamie verbot und die Rechte von Frauen stärken sollte. Fast 60 Jahre später, im Jahr 2014, wurde die Gleichstellung von Frauen und Männern auch in der Verfassung festgelegt. Im gleichen Jahr habe die Radikalisierung von Jugendlichen erheblich zugenommen; als Gründe dafür nennt Prof. Grami Arbeitslosigkeit und einen Mangel an Freiheit. 

Schwierigkeiten in der Durchsetzung von Gleichberechtigung 

„In the 20th century the status of women was bound in political struggles“, erklärt Prof. Grami. Es sei von politischer Seite Druck auf Frauen ausgeübt worden; das Personenstandsgesetz von 1956 sei kein Sieg des Feminismus, sondern ein Sieg der Regierung gewesen. Dies liege daran, dass feministische Akteure zu dem damaligen Zeitpunkt nicht am politischen Diskurs teilgenommen hätten. Frauenbewegungen hätten in den 1950er Jahren noch nicht existiert, also könne das Gesetz nicht deren Ergebnis sein. Außerdem hätten die Reformen nicht die Geschlechtergleichheit als vorrangiges Ziel gehabt, sondern die Modernisierung des Landes. Eine nicht-demokratische Regierung habe sich durch den angeblichen Fortschritt in der Stärkung der Frauenrechte eine demokratische Fassade gegeben. In den späten 1980er und 1990er Jahren seien erste Bewegungen zur Stärkung der Rechte von Frauen entstanden, zum Beispiel die Association Tunisienne des Femmes Démocrates (ATFD). Sie sind bis heute aktiv, in der Gesellschaft jedoch nicht sehr präsent. Kleine Veränderungen hätten sie erreicht, es mangele allerdings immer noch an Autonomie und Unabhängigkeit. Auch Akademikerinnen, die sich engagierten, würden nur wenig erreichen. Dies sei ein Grund, warum sich junge Frauen extremistischen Bewegungen anschließen.

Frauen und Männer engagieren sich gemeinsam für Gleichberechtigung

Im Januar 2011 haben Männer und Frauen gemeinsam in Protesten für Bürgerrechte gekämpft. Religion würde dabei oft als Werkzeug für ein politisches Engagement benutzt. Die Fortschritte, die in der Stärkung der Frauenrechte bis heute erreicht worden sind, wären ohne die Unterstützung von profeministischen Männern vermutlich nicht möglich gewesen. Die Forderung nach Gleichberechtigung folge bei Männern oft auf Grundlage ihrer politischen Prinzipien. Männer engagierten sich außerdem für die Rechte von Frauen, wenn sie in ihrem persönlichen Umfeld eine Ungleichberechtigung erlebt hätten; Väter wünschten sich z.B. Gleichberechtigung für ihre Töchter. 

“One can not simply change the way women are but must also push men to change. Gender is a system of inequality“, fasst Prof. Grami zusammen.

Prof. Dr. Sven Kramer über Geschlechterrollen in der Literaturwissenschaft

Neben Vorträgen gab es Panels, in denen spezifische Einblicke in kulturwissenschaftliche Bereiche gegeben wurden. Prof. Dr. Sven Kramer, Professor für neuere deutsche Literaturwissenschaft und literarische Kulturen, sprach dabei über den Wandel von Geschlechterbildern in der neueren deutschen Literatur und Literaturwissenschaft. Im Wandel der Geschlechterverhältnisse gebe es verschiedene Typen von Veränderungen, besonders unterschieden sich dabei die Zeitmaße: Manche Veränderungen gingen nur sehr langsam voran, andere dauerten die Spanne einer Lebenszeit an und wieder andere hätten Umsturzcharakter. „In Deutschland hat die grundlegende Veränderung des Frauenbilds in den letzten 200 Jahren stattgefunden“, erklärt Prof. Kramer. Eine besonders wichtige Rolle habe dabei die politische und rechtliche Emanzipation gespielt. 

Teilnehmende der Workshoptagung bei einem Panel.

Langsame Gleichstellungsprozesse im öffentlichen und privaten Bereich

Erst 1908 sind Frauen in politischen Parteien zugelassen worden. Im Grundgesetz wurde 1949 die Gleichstellung von Frauen und Männern festgelegt, es habe jedoch lange gedauert, die politische Gleichstellung der Frauen durchzusetzen. Lange Zeit wären in Deutschland besonders christlich-religiöse Argumente gegen eine Gleichberechtigung angebracht worden. Dies sei heute nicht mehr der Fall, auch die Kirche spreche sich für eine Gleichstellung aus. Die Ungleichbehandlung sei im privaten Bereich lange selbstverständlich gewesen: „Im Bürgerlichen Gesetzbuch, das 1900 erschien, wurde die männliche Entscheidungsgewalt bestätigt“, stellt Prof. Kramer heraus. Erst als Folge der Frauenbewegung der 1970er Jahre wurde 1977 die Gleichheit von Frauen und Männern auch im BGB festgeschrieben. So galt beispielsweise bei Scheidungen nicht mehr das „Schuldprinzip“, nach dem der Frau, wenn sie sich von ihrem Mann scheiden ließ, automatisch die Schuld am Scheitern der Ehe zugesprochen wurde und kein Recht auf Unterhalt oder Sorgerecht für gemeinsame Kinder hatte. 2006 trat schließlich das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Kraft. Im Mittelpunkt der Diskussion um Gleichberechtigung stehe heute die Debatte um gleiche Lohnzahlung für die gleiche erbrachte Arbeit.

Fehlender Zugang zu Bildung und mangelnde öffentliche Anerkennung

Frauen sei der Zugang zu Bildung lange verwehrt geblieben, das Rollenbild der Frauen als Hausfrauen und Mütter fest verankert gewesen. Der Beginn der Einführung der Schulpflicht im 18. Jahrhundert habe dem entgegen gewirkt; Mädchen lernten Lesen und Schreiben. Seit Ende des 18. Jahrhunderts traten Frauen daher halböffentlich als Leserinnen in Erscheinung. Der Zugang zu höherer Bildung sei jedoch verwehrt geblieben – ein Zustand, der sich erst Ende des 19. Jahrhunderts geändert habe. Zuvor sei höhere Bildung für Mädchen nur in Klosterschulen möglich gewesen, die sich hauptsächlich Adlige leisten konnten. Höhere Bildung sei also nicht nur den Bessersituierten vorbehalten worden, sondern zudem auch von der Entscheidung des Vaters abhängig gewesen. Als Autorinnen seien Frauen nur im Privaten oder Halböffentlichen in Erscheinung getreten. Oftmals seien Pseudonyme verwendet worden, um das Geschlecht der Autorin zu verbergen, da Frauen den Männern als „natürlicherweise unterlegen“ angesehen worden seien. 

Die Etablierung von Frauen als Autorinnen in der Öffentlichkeit

Mit der Ausbildung des Mittelstandes hätten vermehrt Frauen einen Beruf ergriffen, seit der Wende zum 20. Jahrhundert seien Frauen als Autorinnen nach und nach in der Öffentlichkeit anerkannt worden. Doch erst seit der Frauenbewegung der 1970er Jahre seien Frauen als Autorinnen und das Bild der schreibenden Frau durch die Verleihung des Literaturnobelpreises an weibliche Preisträger vollständig etabliert.


Weitere Informationen

Dr. phil. Steffi Hobuß
Universitätsallee 1, C8.103a
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2763
Fax +49.4131.677-2782
hobuss@uni.leuphana.de


Autorin: Morgaine Struve, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de  geschickt werden.