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Von Eisernen Helmen, Schafen und Schmerzen: Der Navajo Code im 2. Weltkrieg

22.11.2016 Am 10. November 2016 fand die zweite Veranstaltung der Vorlesungsreihe „Maple Leaf & Stars and Stripes“ statt, die von der Zentraleinrichtung Moderne Sprachen (ZeMoS) organisiert wird. Franklin Sage von der University of North Dakota, sprach über den von Navajo Indianern entwickelten Code, den die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg zur Kommunikation verwendeten.

Die Navajo Indianer verfügen über ein eigenes Wissenssystem, das sie über Erzählungen von Generation zu Generation weitergeben. Dieses Wissen umfasst Normen, Werte und Rituale. Der Kern des Wissens der Navajo ist die Sprache. Die Weitergabe des Wissens trägt zum Erhalt der Kultur der Navajo bei. Durch den Versuch der amerikanischen Regierung, die Kultur der Indianer zu zerstören, gibt es heute in manchen Stämmen nur noch ein Mitglied, das diese Sprache beherrscht.

Kinder mussten auf amerikanische Schulen gehen

Mit dem Dawes Act von 1887 ging eine große Veränderung für die Indianer einher. Den Kindern der Indianer sollte das Sprechen, Lesen und Schreiben in der englischen Sprache beigebracht werden. Dafür mussten sie staatliche Schulen besuchen. Wieder zuhause bei ihren Eltern übten die Kinder das Erlernte jedoch nicht. Außerdem waren die älteren Familienmitglieder der Meinung, dass ihre Kinder dieses Wissen nicht benötigten. Als Reaktion eröffnete der Staat 1879 das erste Internat für die Ausbildung der indianischen Kinder, das diese besuchen mussten. Dort angekommen mussten die Kinder ihre Kleidung ablegen und erhielten neue Kleidung und einen neuen Haarschnitt. Außerdem wurde ihnen erzählt, dass das Wissenssystem der Navajo wertlos sei. Im Internat wurde ihnen daraufhin die Verhaltensweise eines „normalen“ Amerikaners beigebracht. Für die Kinder, die teilweise erst fünf Jahre alt waren, war die Trennung von ihrer Familie und die veränderte Lebensweise ein traumatisches Erlebnis. 

Der Navajo-Code im Zweiten Weltkrieg

Philipp Johnson, ein Amerikaner und Sohn eines Priesters, wuchs in engem Kontakt mit den Navajoauf. Bereits als Kind begann er so beim Spielen mit Navajo Kindern, die Sprache der Navajo zu lernen. Als Jugendlicher beherrschte er die Sprache schließlich fließend, sodass er als Vermittler zwischen den Navajo und der amerikanischen Regierung agieren konnte. Im Erwachsenenalter arbeitete er als Ingenieur in Kalifornien. Während des Zweiten Weltkriegs überwachten die Japaner die Kommunikation der Amerikaner und entschlüsselten deren Codes – unter anderem, weil viele Japaner in Amerika ausgebildet wurden. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Navajo keinen Kontakt mit Amerikanern. Johnson hatte schließlich die Idee, mit Hilfe der Sprache der Navajo einen Code zu entwickeln, den die Japaner nicht entschlüsseln könnten. Seine Idee wurde von amerikanischen Generälen mit Skepsis aufgenommen, doch Johnson konnte sie letztendlich überzeugen. Auf seine Bitte hin meldeten sich 29 Navajo freiwillig, dem amerikanischen Militär beizutreten – sie waren alle zwischen 18 und 30 Jahren alt, körperlich fit und beherrschten durch die Schulausbildung die englische Sprache. Nachdem ihre militärische Grundausbildung abgeschlossen war, wurden sie in ein separates Gebäude eskortiert und dort streng überwacht. Erst jetzt erfuhren sie, dass sie als Soldaten einen Code für das amerikanische Militär entwickeln sollten. Dabei durften sie nichts aufschreiben, sondern mussten sich die entwickelten Wörter merken, sodass nichts nach außen dringen konnte. Zu diesem Zweck wurde jeder vor dem Verlassen des Gebäudes durchsucht.

Aus einem Schlachtschiff wird ein „Wal“ und aus Deutschland die „Eisernen Helme“

Bereits am ersten Tag entwickelten die Navajos 78 Codewörter. Dazu verbildlichten sie die häufigsten militärischen Begriffe und ordneten den einzelnen Buchstaben des amerikanischen Alphabets Wörter der Navajo Sprache zu. Das „battleship“, das größte der amerikanischen Schiffe, erhielt so das Navajo Wort für „Wal“, da dies das größte Säugetier des Meeres ist. Länder wurden ebenfalls mit Wörtern beschrieben: So wurde „Deutschland“ zu „Eisernen Helmen“, „Spain“ wurde in „s“ und „pain“ aufgeteilt und aus den Navajo Wörtern für „sheep“ und „pain“ zusammengesetzt, da die Navajo dem Buchstaben „s“ das Wort „sheep“ zugeteilt hatten. 

Vergebliche Entschlüsselungsversuche und späte Anerkennung

Die Japaner konnten den von den Navajo entwickelten Code durch die schnelle Kommunikation und die mangelnde Vertrautheit mit der Sprache nicht entschlüsseln. So konnten sie lediglich versuchen, die Kommunikation selbst zu verhindern. Bis 1969 war der Code der Navajo als „top secret“ klassifiziert; erst seit dem sind der Code und dessen Entschlüsselung öffentlich. George W. Bush verlieh den 29 Navajos die „Congressional Gold Medal of Honor“ – zu diesem Zeitpunkt waren jedoch nur noch fünf der Beteiligten am Leben.

Wie es weiter geht bei "Maple Leaf & Stars and Stripes"

Die nächsten Veranstaltungen der Vorlesungsreihe finden am 1. bzw. 15. Dezember 2016 in Raum 14.006 statt. Jutta Ernst von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz spricht am 1.12. über „Periodicals, Anthologies, and the Making of American Modernisms“ während Tom Rice am 15.12. einen Vortrag über den Ku-Klux Klan hält: „Beware the Face at Your Window: The Klan, Film, and the Fear of  the Outsider“.


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