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Philosophisches Theaterspiel "Kristina und Descartes" an der Universität

29.11.2016 „Alleine sind große Geister ganz in ihrem Element.“ Die schwedische Königin Kristina Wasa hätte im 17. Jahrhundert vermutlich nicht erwartet, dass dieser Satz von ihr einmal in Hörsaal 4 zu hören sein würde. Am vergangenen Mittwoch, 24.11.2016, fand hier das philosophische Theaterstück „Kristina und Descartes“ eine Bühne und die „großen Geister“ ihr Publikum. Das Kammerspiel von Josh Goldberg versprach mit 2.500 Jahren abendländischer Fundamentalphilosophie 100 kurzweilige Minuten, durch die mit viel Raffinesse, Leidenschaft, Witz und Romantik geführt wurde und die großen Anklang unter den Zuschauer_innen fanden.

Der Abteilung Philosophie sowie der Sparkasse Lüneburg und der Organisation von Dr. Steffi Hobuß ist es zu verdanken, dass „Kristina und Descartes“ von Autor und Regisseur Josh Goldberg im universitären Kontext aufgeführt werden konnte.
Die Premiere fand in Descartes‘ Geburtsort in Frankreich statt, die Schwedenpremiere in Stockholm. Mittlerweile spielt sich das Kammerspiel bereits im dritten Jahr über Bühnen von Schulen, Theatern, Cafés und Sälen in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Eine wortgeladene Liebesgeschichte mit Witz

Das Stück „Kristina und Descartes“ bildet den Auftakt einer Reihe philosophischer Kammerspiele und spielt im 17. Jahrhundert. Schauplatz ist das Schlafgemach von Königin Kristina im schwedischen Schloss Gripsholm. Als sie sich auf eine erotische und intellektuelle Affäre mit ihrem Hofphilosophen René Descartes einlässt, wird schnell klar: Auch wenn Kristina wissbegierig von Descartes lernen möchte und seine Schülerin ist, gewährt sie ihm nicht sie ihrer hoheitlichen Rolle zu berauben. Als selbstbewusste und entwaffnend ehrliche, junge Frau lässt sie sich nicht so einfach vom wortgewandten Charme des Franzosen irritieren. Gemeinsam unternehmen die beiden den Versuch, alle essentiellen Menschheitsfragen zu beantworten. Hierbei erhalten sie von rund 25 hochkarätigen Philosophen Unterstützung, die von Descartes zitiert und von Kristina interpretiert werden, sodass auch nicht-philosophische Publikumsgäste die wesentlichen Grundkonzepte von Kant, Hegel, Platon oder Derrida verstehen.
Kokettierend und leicht bekleidet versuchen die Liebenden einander die Welt und den Sinn des Lebens zu erklären. Unterbrochen werden ihre klugen Dialoge lediglich von spontan aufkeimenden Szenen der Leidenschaft, rabiaten Fechtkämpfen oder einer Uhr, die unerbittlich die letzten vier Stunden von Descartes‘ Leben im Zeitraffer vergehen lässt. 
Die klugen Verse und wortgewaltigen Dialoge nehmen alsbald ein jähes Ende: Descartes trifft mit seiner Ansicht der Evidenz des jeweils eigenen Ichs und der Singularität bei Kristina, die eigentlich auf eine gemeinsame Zukunft mit dem französischem Denker und Verführer pokerte, auf derartig viel Entgegnung dass sie ihn kurzerhand erzürnt entlässt – und dies sogleich wieder bereut. Descartes, mittlerweile fest entschlossen zu gehen, lässt sich jedoch noch auf einen letzten gemeinsamen Wein ein, bevor sie sich für immer trennen werden. Die betrübte Königin hat sich indes vergifteten Wein eingeschenkt, Descartes merkt dies, trinkt ihn selbst  - und stirbt in Kristinas Armen. Königlicher Stolz hat über philosophischen Hochmut gesiegt.
Mit diesem pathetischem Tod lässt Josh Goldberg seine Zuschauer_innen aber nicht davonkommen und wirft abschließend durch einen Zeitsprung einen ganz neuen philosophischen Ansatz in den Raum: den Plausibilismus. Schmunzelnd betritt ein weiteres Liebespaar die Bühne und verwirft die Frage nach dem „Einzelnen“ oder dem pärchenhaften „Wir“ zugunsten des „Alle“.

Das Kammerspiel schloss mit regen Diskussionen 

Nach diesem Denkanstoß und gebührendem Applaus standen Josh Goldberg sowie seine beiden Darsteller Larissa Keat (Kristina) und Thomas Lindhout (Descartes) noch für kurzweilige Gespräche und anregende Deutungsansätze zur Verfügung und freuten sich über die mitreißenden Diskussionen und Lobesworte der Studierenden. Auch die Hauptorganisatorin Dr. Steffi Hobuß zeigte sich am Ende des Abends beeindruckt: Sowohl von der Figur der Kristina als starker Frau als auch von der Darstellung der vielen philosophischen Ansätze.
Im Publikum und unter den Studierenden fanden besonders die bildlichen Erklärungen Anklang und nahmen einigen die Scheu vor anspruchsvoller Philosophie.

Wer sich nun selbst von dem „philosophischstem Theaterstück der Welt“ überzeugen möchte, kann sich auf der Internetseite des Kammerspiels über die nächsten Termine informieren.


Dr. phil. Steffi Hobuß
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Redaktion: Ann Cathrin Frank und Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.