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Der erste Leuphana Science Slam: Lehrende stellen ihre Themen vor

12.12.2016 Am 8. Dezember 2016 war es so weit: Der Science Slam der Leuphana wurde im randvollen Hörsaal 2 ausgetragen. Alexander Schall, Dörte Haftendorn, Friedrich Müller, Andrea Schomburg und Mario Mechtel traten in einem wissenschaftlichen Wettstreit gegeneinander an: Wer kann im Rahmen des Wettbewerbs innerhalb von zehn Minuten mit einem kurzen Vortrag über ein Thema aus seinem Forschungsgebiet das Publikum von sich überzeugen? Organisiert wurde der Science Slam von der studentischen Initiative „ROCK YOUR LIFE! e.V.“, die Studierende an Lüneburger Schüler_innnen vermittelt, um diese die letzten zwei Jahre vor ihrem Schulabschluss zu unterstützen.

Ein seltener Anblick bot sich denen, die sich kurz vor Einlassbeginn im Hörsaalgang befanden: Meterlange Schlangen bildeten sich an beiden Eingängen des Hörsaals. Das Interesse daran, Professoren aus verschiedenen Forschungsgebieten mal bei einem Vortrag der etwas anderen Art zu erleben, war groß.

Die Studierenden Fiona Hawes und William Laing von der Initiative moderierten den Abend und gewannen das Publikum schnell mit ihrer lockeren Art für sich. Sie erklärten das Prinzip des Science Slams und auch das Bewertungssystem – schließlich war die Veranstaltung ein Wettbewerb und so musste es auch einen Gewinner geben. Fünf zufällig ausgewählte Zuschauer erhielten Bewertungskarten mit den Zahlen von eins bis zehn, die sie nach jedem Vortrag hochhielten. In die Wertung flossen die Kriterien wissenschaftlicher Inhalt, Verständlichkeit und Unterhaltsamkeit ein. Erster Indikator für den Erfolg des Vortrags war der direkt anschließende Applaus des Publikums.

William Laing und Fiona Hawes

Erster Vortragender war Prof. Dr. Alexander Schall, Professor für deutsches, europäisches und internationales Privat- und Unternehmensrecht sowie Rechtsvergleichung. In seinem Vortrag mit dem Titel „Körperverletzung der besonderen Art“ wollte er zeigen, dass Jura nicht so trocken ist, wie viele denken. Dazu griff er einen Fall auf, den der Bundesgerichtshof 1993 entschied. Ein Mann, der wusste, dass er aufgrund einer fortschreitenden Krankheit seine Zeugungsfähigkeit verlieren würde, machte eine Samenspende, um später trotzdem Vater werden zu können. Auf Anfrage der Samenbank einige Jahre später, ob seine Samenspende weiter aufbewahrt werden solle, bejahte der Mann dies in einem Brief. Dieser kam jedoch nie bei der Samenbank an, sodass das Sperma vernichtet wurde. Infolge dessen klagte der Mann weitere Jahre später auf Körperverletzung, als dieser mit seiner Frau ein Kind zeugen wollte und mit Entsetzen feststellen musste, dass die Samenspende vernichtet worden war.

Der BGH gab ihm Recht und sprach ihm einen Anspruch auf Schmerzensgeld wegen Körperverletzung zu – denn auch wenn das Sperma nicht mehr Bestandteil dessen Körpers war und abgetrennte „Körperteile“ wie beispielsweise Haare zu Sacheigentum werden, wenn sie vom Körper abgetrennt werden, verhält es sich hier anders. Denn im Gegensatz zu Haaren war die Samenspende – ähnlich wie bei der Spende einer Eizelle oder Körperteilen zur Eigentransplantation – dazu gedacht, wieder einem Körper zugeführt zu werden, auch wenn es in diesem Fall nicht um den Körper des Spenders ging.

Prof. Dr. Alexander Schall
Hon.-Prof. Dr. Dörte Haftendorn

Als nächste Vortragende stellte sich Hon.-Prof. Dr. Dörte Haftendorn – den meisten Studierenden noch gut bekannt aus „Mathe für alle“ des Leuphana Semesters – mit ihrem Vortrag über „Die Klothoide“ vor das gespannte Publikum. Mit einem Beispiel aus dem Straßenbau verdeutlichte sie das Problem: Wie kann man einen möglichst „glatten“ Übergang zwischen geraden und kreisförmigen Streckenstücken herstellen? Die Lösung: mit Hilfe einer Klothoide! Bei einer solchen Kurve gibt es keinen Krümmungssprung, da die Krümmung linear wächst. Durch Satellitenbilder und dem Programm Geogebra, das vielen ebenfalls noch ein Begriff ist, lassen sich so auch Kurven in Lüneburg auf ihren Krümmungsgrad und damit auf ihre Qualität überprüfen. 

Aus dem Gebiet Psychologie trat Prof. Dr. Friedrich Müller an, Professor für Wirtschaftspsychologie, insbesondere Arbeits-, Umwelt- und Wahrnehmungspsychologie. Unter dem Titel „Schrei mich nicht an“ erklärte er, warum die Psychologie bei der Entwicklung von Hörgeräten wichtig ist. Bei Hörgeschädigten ist der sogenannte „Hörraum“ verringert. Gemeint ist damit der Bereich zwischen Hörschwelle – alle Töne, die darunter liegen sind zu leise oder zu tief für das menschliche Ohr und daher nicht zu hören – und der „unangenehmen Grenze“ – Töne, die darüber liegen, sind zu hoch und gelangen mit zu viel Schalldruck an das Ohr, sodass ein unangenehmes Druckgefühl entsteht. Hörgeschädigte anzuschreien, wenn sie den Sprechenden nicht verstehen, ist daher nicht hilfreich und löst bei diesem Ärger aus, da so meist die „Unangenehmheitsschwelle“ überschritten wird. Besser ist es, die Sprechlautstärke langsam zu erhöhen sowie langsam und deutlich zu sprechen.

Aufgabe der Psychologie ist es, Messsysteme zu entwickeln, mit denen geprüft werden kann, wie das Ohr des Hörgeschädigten Töne wahrnimmt, sodass auf Grundlage der Ergebnisse intelligente Hörgeräte entwickelt werden können, die den Schall je nach Frequenz verstärken oder dämpfen, sodass der Träger Sprechende problemlos und angenehm verstehen kann. Abschließend wies Müller noch auf drei Risikofaktoren hin, die zu einem Hörschaden beitragen können: Das häufige Tragen von Kopfhörern, denn dabei wird der Gehörgang verschlossen und Druck kann nicht entweichen, über längere Zeit großem Lärm ausgesetzt zu sein, und das Rauchen: Das Nikotin verengt die Gefäße, sodass weniger Sauerstoff in diese gelangt und ein Sauerstoffnotstand entsteht, was zu einer Schädigung der Gefäße führt und einen Hörverlust begünstigt. Da Alkohol die Gefäße erweitere, würde der Konsum dessen dem schädigen Effekt des Nikotins entgegenwirken, schloss Müller seinen Vortrag mit einem Augenzwinkern ab.

Prof. Dr. Friedrich Müller
Andrea Schomburg

Die nächste Kandidatin war Andrea Schomburg, Lehrbeauftragte am Institut für Deutsche Sprache und Literatur und ihre Didaktik. Sie erklärte, wie Gedichte entstehen: Von der traditionellen japanischen Gedichtform des Haiku über das selber Verfassen von Gedichten, was auch als Collagengedicht entstehen kann, bei dem beispielsweise Titel oder Wörter aus Zeitungen ausgeschnitten und zusammengesetzt werden. In humorvoller Art und Weise trug sie anschließend ein Lied über ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte vor. 

 

Letzter Kandidat im Science Slam war Prof. Dr. Mario Mechtel, Juniorprofessor für Volkswirtschaftslehre. Er ging der Frage nach, ob das gesellschaftliche System, in dem wir leben, den Drang, sich mit anderen zu vergleichen beeinflusst und wie viel Geld daher für Statussymbole ausgegeben wird. Besonders bezüglich des Einkommens würden sich viele Menschen gerne vergleichen – das Einkommen sieht man einer Person auf den ersten Blick jedoch nicht an. Daher versuchten viele, über Statussymbole ihr Einkommen nach außen zu tragen. Dabei komme es besonders auf die Anzahl, die Beobachtbarkeit und die Transportfähigkeit derer an – ein kürzlich in Hamburg eröffnetes Konzerthaus würde letzteres Kriterium nicht erfüllen, erklärte Mechtel mit einem Augenzwinkern. Bei einer Haushaltsstichprobe, in deren Rahmen ausgewählte Haushalte drei Monate lang sämtliche Ausgaben notieren, ist Erstaunliches herausgekommen: Haushalte in Ostdeutschland gaben und geben deutlich mehr Geld für Statussymbole aus. 1993 lag diese Ost-West-Lücke bei 30%, 2008 immer noch bei 10%. Das gesellschaftliche System hat also Einfluss auf den Kauf von Statussymbolen und das nicht nur kurz- sondern auch langfristig. 

Prof. Dr. Mario Mechtel
Siegerehrung

Mit seinem humorvollen und informativen Vortrag war Mechtel der Gewinner des ersten Leuphana Science Slams. Alle Vortragenden boten dem Publikum interessante und lustige Einblicke in ihr Forschungsgebiet, und oftmals waren die Vorträge mit aktuellen Anspielungen gespickt. Auf die Frage der Moderatoren, ob es einen zweiten Science Slam geben solle, war die Antwort des Publikums ein eindeutiges ja – man darf also auf eine zweite Runde gespannt sein.


Weitere Informationen

ROCK YOUR LIFE! Lüneburg e.V.
D.S.I. Leuphana Universität Lüneburg
Scharnhorststraße 1
21335 Lüneburg
lüneburg.rockyourlife.de


Redaktion: Morgaine Struve und Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.