Meldungen aus der Universität

Manfred Ertel spricht über den Journalismus in der postfaktischen Gesellschaft

21.12.2016 „Investigativer Journalismus – Wie wichtig sind Enthüllungsmedien für die Demokratie?“ lautete das Thema des Vortrags von Manfred Ertel, der am 14.12.2016 stattfand. Ertel war bis zum Frühjahr fast 40 Jahre Journalist und Redakteur beim „Spiegel“ und deckte 1987 die Barschel-Affäre auf. Organisiert wurde der Gastvortrag von Prof. Dr. Marion Reiser vom Zentrum für Demokratieforschung (ZDEMO).

Er freue sich und sei gleichzeitig etwas überrascht, dass so viele Zuhörer da seien, begann Ertel seinen Vortrag. Doch das große Interesse zeige, dass es bei diesem aktuellen Thema offenbar Bedarf an mehr Informationen gebe. Deutlich sei das auch im Zusammenhang mit dem diesjährigen „Wort des Jahres“, das die Gesellschaft für deutsche Sprache kürzlich gekürt hat: „postfaktisch“ – ein Wort, das beschreibt, dass viele Menschen sich nicht mehr auf Fakten, sondern auf „gefühlte Wahrheiten“ verlassen, für die es keine Belege gibt. Das Internet biete dabei die Möglichkeit, falsche Informationen fahrlässig oder vorsätzlich zu verbreiten. „Je globaler und komplexer die aktuellen Probleme sind, desto einfacher ist für viele die Antwort darauf“, ist Ertel überzeugt. Die Entscheidung des Brexits und der kürzlich beendete US-Wahlkampf zeigten, wie schnell sich Unwahrheiten verbreiten und wie viele Menschen leicht von diesen zu überzeugen seien.

Die veränderte Mediennutzung: Fernseher und Internet statt Zeitung
Ein möglicher Grund dafür sei die veränderte Rolle und Wahrnehmung der Medien. Alle deutschen Zeitungen haben in den letzten 20 Jahren deutlich an Lesern verloren. Das liege auch daran, dass viele mehr Zeit vor dem Fernseher oder Computer verbrächten als mit der Zeitungslektüre, sofern überhaupt eine stattfinde. Gleichzeitig sei der Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Journalismus in den letzten Jahren gestiegen – auch wenn es keine belegbaren Gründe für diesen Zweifel gebe.

Warum Online-Journalismus (noch) keine gute Alternative zu Druckerzeugnissen ist
Trotzdem gibt es angesichts dessen noch einen Bedarf an investigativem Journalismus, so ist sich Ertel sicher. Gleiches gelte für Qualitätsjournalismus, dieser sei zur Sicherung und Fortentwicklung der Demokratie unerlässlich. Die öffentliche Debatte um Steuerhinterziehung und Millionenbetrug im internationalen Fußball konnte nur aufkommen, weil Printmedien wie beispielsweise der Spiegel diese Tatsachen aufgedeckt hätten. Dazu sei das Auswerten von unzähligen Emails, Verträgen und anderen Dokumenten nötig gewesen – eine Aufgabe, die nur mit Hilfe von mehreren Journalisten über nationale Grenzen und einen Zeitraum von mehreren Monaten hinweg bewältigt werden konnte. Den damit verbundenen Aufwand könnten Online-Medien finanziell und personell nicht abdecken, da diese anders organisiert seien und mehr Meldungen schneller generieren müssten. 

Freiheit im Printjournalismus statt Online-Werbedruck
Freiheit und Unabhängigkeit im Journalismus spielten eine große Rolle für die Aufklärung der Bürger. Wichtig sei Qualitätsjournalismus heutzutage vor allem, da beispielsweise AfD und Pegida Medien dazu nutzen würden, Unwahrheiten zu verbreiten. Diese als solche zu erkennen und für die Öffentlichkeit aufzudecken, sei Aufgabe des Qualitätsjournalismus – und dieser erfordere eben Zeit und Geld.Ertel zeigte dazu einige Beispiel aus den Medien: Ein gefälschtes Foto aus dem Wahlkampf der AfD, die Berichterstattung über die angebliche Vergewaltigung des Berliner Mädchens Lisa durch einen Flüchtling oder Meldungen, dass Muslime angeblich einen Weihnachtsbaum gestürmt und geplündert hätten – alles Falschmeldungen.

Online-Medien seien auf Klickzahlen angewiesen, um eine größere Reichweite für Werbetreibende zu generieren. Dadurch werde die Qualität gemindert: Artikel müssen schnell geschrieben werden und sollten nicht zu lang sein. Ertel zitierte dazu die ZDF-Kollegin Dunja Hayali: „Wahrheit braucht Zeit“. Das gelte umso mehr für Soziale Medien, die Teil des Problems und nicht Teil der Lösung seien: Denn über diese können falsche Meldungen mit nur wenigen Klicks geteilt oder weitergeleitet werden, was wiederum die Reichweite solcher Meldungen deutlich erhöht.

In der anschließenden Diskussion räumte Ertel ein, dass seine Aussage über soziale Medien absichtlich pauschalisiert war, nachdem eine Zuhörerin angemerkt hatte, dass diese auch zum schnellen Vernetzen für Gleichgesinnte dienen, die sich beispielsweise für Demokratie einsetzten und damit nicht nur negativ behaftet seien. 
„Es ist Aufgabe von uns allen, soziale Medien kritisch zu hinterfragen“, forderte Ertel die Zuhörer_innen auf.


Weitere Informationen

Prof. Dr. Marion Reiser
Universitätsallee 1, C12.301
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2480
marion.reiser@leuphana.de


Redaktion: Morgaine Struve und Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.