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Rechte Winkel, Glas und Aufbruch: Geografisches Kolloquium zum Campus an der Scharnhorststraße

30.01.2017 Beim Geografischen Kolloquium am 24. Januar 2017 wurden in Zusammenarbeit mit dem Forum Baukultur Lüneburg die baulichen Phasen, die der Campus an der Scharnhorststraße durchlaufen hat, vorgestellt. Martin Pries sprach zur Nutzung des Campus‘ als Kaserne von den Dreißigern bis zur Wende, Carl Peter von Mansberg zur Umgestaltung in den Zweitausendern, Susanne Leinss zum Neubau und Ursula Kirschner zur Kunst, dem Ausbau der Dachgeschosse sowie studentischen Ideen zur weiteren Gestaltung.

Ursula Kirschner vom Institut für Stadt- und Kulturraumforschung

Der Campus an der Scharnhorststraße, erklärt Martin Pries, war früher eine Kaserne. Lüneburg war nicht immer eine idyllische Universitätsstadt zwischen Heide und Hamburg, sondern über lange Zeit hinweg Garnisonsstadt mit insgesamt vier Kasernen, der jetzige Campus war eine davon. Es ist nicht leicht, Verlässliches über die Scharnhorstkaserne herauszufinden, da viele Unterlagen dazu am Ende des zweiten Weltkrieges vernichtet wurden. Es lässt sich aber festhalten, dass Deutschland unmittelbar nach dem ersten Weltkrieg wenig Kasernen hatte, da eine Auflage des Völkerbunds ein großes stehendes Heer verbat. Nachdem Austritt aus dem Völkerbund 1933 fühlte man sich nicht mehr daran gebunden und begann eine Aufrüstung, in deren Zuge mehrere Kasernen entstanden, so auch die in Lüneburg. Äußerlich sind sie an den norddeutschen Backhausstil angelehnt und geklinkert. Erst 1938 wurde die Kaserne in Scharnhorstkaserne benannt, nach dem preußischen General Gerhard von Scharnhorst, der unter anderem in den Napoleonischen Kriegen kämpfte. Pries zeigt auf, dass die Vorliebe für Rechtwinkligkeit und militärische Ordnung in der zentralen Achse deutlich wird, die das gesamte Gelände in zwei Hälften teilt: Der heutige Weg von der Mensa zum Gebäude 16.

Er zeigt einige Fotos aus dieser Zeit, darunter eines von einer Militärparade am heutigen Gebäude 10 und weist auf ein Detail darauf hin: In einem der Fenster steht eine Frau, die ein Kind hochhält. Damit es die bewaffneten Soldaten besser sehen kann. Aus heutiger Sicht, wenn man den Campus als Ort von Studieren, Wissen und Gemeinschaft vor Augen hat, ebenso seltsam ist ein Foto vom Aufmarschierplatz am heutigen Hochschulsport (die heutige Bibliothek war früher ein Pferdestall).
„Wenn ich so Fotos sehe“ kommentiert Pries trocken, „bin ich sehr froh, dass Bäume gepflanzt wurden“. 1958 zog dann die Bundeswehr in die Kaserne ein. Während des Kalten Krieges war Lüneburg, da Grenzstadt, ein wichtiger Stützpunkt; Schwerpunkt der Scharnhorst-Kaserne waren Panzer. 1989 begann die Abrüstung, 2002 wurde das Bataillon aufgelöst.

Leichtigkeit herstellen 

Carl-Peter von Mansberg war Architekt der zweiten Bauphase, nämlich der Umgestaltung der ehemaligen Kaserne zu einem Universitätsgebäude. Er entwarf die Hörsäle, den Hörsaalgang sowie die Mensa. Bevor er mit seinem Vortrag begann, bat er das Plenum, aus dem Fenster zu blicken. Die Veranstaltung fand in HS 4 statt, man schaute auf den nächtlichen HS 2. Wenn man noch die Fotos, die Pries gezeigt hatte, vor Augen hatte, war das ein großer Kontrast. „Es ging mir darum“, sagt von Mansberg, „Leichtigkeit herzustellen“. In seinen Plänen wollte er an das Vorhandene anzuknüpfen, musste er sich dabei aber auch an ganz pragmatischen Faktoren orientieren: Dass es im Hörsaalgang Linoleum-Boden und nackte Betonwände gibt, liegt nicht daran, dass das besonders gut aussieht, sondern weil schlicht für die Neugestaltung fast kein Geld zur Verfügung stand. Die Hörsäle sind trotzdem mit Holz ausgekleidet, weil Beton kaum Geräusche reflektiert und man sonst bei einer Vorlesung fast nichts gehört hätte. Auch aus Gründen der Akustik sind die Sitzlehnen in den Hörsälen gepolstert: Damit die Hörbarkeit auch dann ausreicht, wenn der Saal nicht voll besetzt ist.

Die Entkrampfung zeigt sich in Details und Verspieltheiten, derer man manchmal erst auf den zweiten Blick gewahr wird. Wie etwa, dass die Fenster in den Hörsälen um vier Grad gedreht sind (auf beiden Seiten jeweils zur Tafel hin). Um möglichst nicht das Steinkisten-Prinzip der Kasernengebäude zu wiederholen, sind auch die Hörsäle an den hinteren Ecken verglast und somit offen. Tatsächlich hat man, gerade wenn man Hörsäle in anderen Universitäten kennt, an der Leuphana nie den Eindruck, eingesperrt zu sein.
Zudem baute von Mansberg kleine Zitate ein: Der Leseplatz im ersten Stock der Bibliothek ist dem Lesesaal in der Bibliothèque Nationale in Paris nachempfunden und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass sich an dem Punkt, an dem der Hörsaalgang auf den Bibliotheks-Bereich trifft, ein Kapitälchen mit zwei Säulen befindet – eine Anspielung auf den Tempel der griechischen Göttin Athene, der Göttin der Weisheit. Dabei zitiert von Mansberg nicht nur andere Bauwerke, sondern auch die Natur: Die Baumreihe der Allee die auf die Mensa zuführt, wird in der Mensa selbst durch Doppelsäulen fortgesetzt. „Wir wollten“, sagt der Architekt, „dass es ein Ort des Wohlfühlens wird – dass es nicht drückt“

Kunst gegen Kaserne 

Ursula Kirschner ergänzte das durch Hinweise auf die Kunst am Campus, diese haben eine ähnliche Stoßrichtung. Kirschner nennt sie „einen Versuch, dem Kasernen-Mief mit Kunst zu begegnen“: Neben den Überlagerungsbildern, die, verstreut in der Bibliotheksgängen, die Leuphana in den globalen Kontext der Universitäten setzen, über den Fake-Merchandise in der Erdgeschossbox von Gebäude 7, der ironisch auf den gesellschaftlichen Marketing-Druck hinweist bis zu den Graffiti. Diese entstanden im Zuge der ARTotale, also der Startwoche 2009, und das an der Seite des Mensaeingangs ist noch besonders gut sichtbar. Vor dem an der Rückseite von HS5 steht zwar mittlerweile ein Gerüst, aber man kann das Graffito noch sehen, wenn man sich seitlich hinstellt, irgendwann wird es ganz verschwunden sein. Das macht aber nichts – diese Kunst kommt und geht, sie ist, hält Kirschner fest, eine Intervention.


Orthogonalität aufbrechen 

Susanne Leinss, die Leiterin der Campusentwicklung, verglich die Schilderungen ihrer Vorredner_innen mit „Schichten, oder Layer, die über die Kaserne gelegt werden“. Der Neubau ist nun die nächste Schicht. Sie verwies auf die Fusion von der Lüneburger Universität und der Fachhochschule. Die fusionierte Universität sollte ein Studienmodell für den Bologna-Prozess entwickeln. In diesem Kontext wurde auch die Zusammenlegung der verschiedenen Standorte der Universität geplant, in der Bausprache eine „Nachverdichtung“. Der Neubau ist in vielfältiger Hinsicht etwas komplett Neues auf dem Campusgelände. Darunter schon die Tatsache, dass er von einem jüdischen Architekten auf dem Gelände einer ehemaligen Nazikaserne errichtet wurde. Die Änderung und den Aufbruch, der damit einhergeht, bringt Leinss wie folgt auf den Punkt: „Es geht darum, die Orthogonalität, auch die des Geistes, aufzubrechen.“
Deswegen war es Daniel Libeskind wichtig, den Entwurf des Baues zusammen mit Studierenden zu entwickeln. Dazu fanden in Lüneburg und New York Workshops mit ihm und Studierenden der Leuphana statt.
Der Neubau besteht aus vier Baukörpern, die sich ineinander verzahnen. Sie tun das auf eine Weise, die das Gebäude bewegt erscheinen lässt. Wenn man genau vor der Campus-seitigen Spitze steht, scheint diese größer zu sein als der Turm in der Mitte des Gebäudes. Wenn man auf dem Gelände des Neubaus weiter geht, wirken die Wände von einigen Blickpunkten aus schief, von anderen nicht. Ebenso hat man in dem Gebäude manchmal den Eindruck, der Boden sei uneben, doch wenn man darüber läuft, stellt man fest, er ist es nicht. Der Neubau selbst stellt der Betrachterin oder dem Betrachter die Frage „Was ist richtig?“. Dies, die Frage nach Wahrnehmung und Perspektive, passt gut zu einer Universität. Im Gegensatz zu Gebäuden, die von allen Seiten gleich aussehen, zeigt der Neubau aus jeder Blickrichtung ein anderes Bild. Da man solche Gebäude nicht gewöhnt ist, fällt es einem nicht sofort auf. „Wir lernen das richtige Sehen nicht“, bedauert Leinss – und empfiehlt, genau hinzugucken. Die Lebendigkeit und Schiefe des Neubaus hat auch funktionale Vorteile: Die Dächer sind so geneigt, dass das Gebäude im Winter, bei tiefstehender Sonne, viel Sonnenstrahlen empfängt, im Sommer, bei hochstehender Sonne, nur wenig. Auf diese Weise reguliert sich die Wärme in dem Gebäude und es wird Energie gespart.

Ausblicke

Kirschner schloss das Kolloquium mit einem Verweis auf die Dachgeschossausbauten, die den Vorteil des zusätzlichen Raumes mit einem spielerischen Aspekt verbinden: So folgen zum Beispiel die Fenster der ausgebauten Dachgeschosse nicht stur dem Rhythmus der Fenster darunter. Zudem stellte sie studentische Projekte zu weiteren Campusbauideen vor, darunter einen Lernraum in einer Seilbahn oder Brücken zwischen den Gebäuden, die farblich markieren, wohin man gerade geht. Für die Zukunft stellte sie die Frage: „Spannend ist es zu sehen, wie sich in Zukunft die Laufwege verändern werden.“


Das geographische Kolloquium ist eine Diskussions- und Vortragsreihe vom Institut für Stadt- und Kulturraumforschung zu Themen aus der Geografie. Das Forum Baukultur Lüneburg e.V. hat sich im Jahr 2015 gegründet und organisiert Vorträge und Ausstellungen zu Architekturthemen sowie Baukulturgespräche. 1. Vorsitzender ist Carl-Peter von Mansberg, 2. Vorsitzende ist Prof. Ursula Kirschner. Die nächste Veranstaltung findet am 16.2.2017 um 19 Uhr im Heinemannsaal im Museum Lüneburg statt. Dort wird Prof. Dr. Staffa, Tragwerksplaner an der HCU Hamburg, die Ausstellung zu ausgewählten Bauwerken von Bernhard Hermkes mit einem Vortrag eröffnen.

Prof. Dr. Ursula Kirschner ist seit 2005 Professorin an der Leuphana Universität Lüneburg. Gastprofessuren führten sie unter anderem nach Argentinien und Brasilien. Ihre Forschung wird durch den DAAD und DFG gefördert, zurzeit entwickelt sie eine Campus-App zum Leuphana Campus.

Kontakt

Prof. Dr.-Ing. Ursula Kirschner
Universitätsallee 1, C5.029
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2687
Fax +49.4131.677-2674
kirschner@uni.leuphana.de


Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.