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Wo gelingt das Zusammenleben mit Geflüchteten besser? In der Stadt oder auf dem Land?

06.02.2017 Am 02.02.2017 fand im Rahmen der Reihe „Einwanderungsland Europa- Wie begegnet Lüneburg dem Rechtpopulismus?“ in der Volkshochschule Lüneburg eine Podiumsdiskussion zum Thema Integration in ländlichen Regionen statt. Mit am Tisch saßen Stadträtin Pia Steinrücke (Hansestadt Lüneburg), Bürgermeister Norbert Meyer (Samtgemeinde Ostheide), Bürgermeister Josef Theodor Röttgers (Samtgemeinde Gellersen), Sozialpädagoge Stephan Kuns (Samtgemeinde Amelinghausen) sowie Gudrun Kirchhoff (Deutsches Institut für Urbanistik in Berlin) und Prof. Dr. Hannes Schammann (Universität Hildesheim). Die Moderation übernahm Prof. Dr. Sybille Münch (Leuphana Universität Lüneburg).

Prof. Dr. Sybille Münch (Leuphana Universität Lüneburg) moderierte die Podiumsdiskussion

Prof. Dr. Münch von der Leuphana betonte einleitend, dass längst nicht mehr nur Großstädte, die lange klassische Ballungspunkte für Migranten waren, Orte der Integration darstellten. Durch den „Königsteiner Schlüssel“ werden die in Deutschland ankommenden Flüchtlinge auf die Länder verteilt- und dort wiederum auf Ortschaften, was auch kleine Dörfer betrifft.  

Reges Interesse in der VHS Lüneburg
Prof. Dr. Schammann betonte die Wichtigkeit flexibler Bildungsangebote
Gudrun Kirchhoff
v.l.n.r.: Sven Prien-Riebcke, Gerhard Cassens, Stephan Kuns, Pia Steinrücke, Josef Theodor Röttgers, Gudrun Kirchhoff, Prof. Dr. Sybille Münch, Norbert Meyer, Prof. Dr. Hannes Schammann

Das Land als Ort der Chancen und Herausforderungen

Jeder zehnte Bewohner auf dem Land habe durchschnittlich einen Migrationshintergrund, so Gudrun Kirchhoff (Deutsches Institut für Urbanistik). Das Land biete Migranten eine Mischung aus Chancen und Herausforderungen. Durch die geringe Siedlungsdichte, niedrigen Hierarchien und die Informalität sei schnelle und direkte Einbindung leichter als in großen Städten. Gleichzeitig sei das Gruppendenken in ländlichen Regionen dadurch ausgeprägter, eine „Wir“ gegen „die Anderen“ – Einstellung treffe selbst Leute, die seit Jahrzehnten im Dorf wohnen und noch immer nicht als vollständige Gruppenangehörige angesehen werden. Es herrsche hohe soziale Kontrolle und Anpassungserwartung. Dieses Denken schlage schon mal leicht in Fremdenfeindlichkeit gegen alles Unbekannte um. Eine weitere Herausforderung auf dem Land sei die Mobilität. Ohne Auto und nur begrenzten öffentlichen Verkehrsmitteln sei es für Geflüchtete schwierig, Bildungsangebote wahrzunehmen oder einen Weg zur Arbeit zu finden. Die Arbeitsbereiche auf dem Land beschränkten sich oft auf landwirtschaftliche und handwerkliche Bereiche, zu denen besonders Frauen mit traditionellem Migrationshintergrund schwer Zugang fänden. Einzelpersonen wie Bürgermeister und Bürgermeisterinnen oder Vereinsvorsitzende hätten großen Einfluss, denn deren Offenheit bestimme den Kurs der Integrationspolitik im Ort - im Guten wie im Schlechten.

Lüneburger Regionen als Beispiele engagierter Integrationspolitik

Bürgermeister Josef Theodor Röttgers (Samtgemeinde Gellersen) und Stadträtin Pia Steinrücke (Hansestadt Lüneburg) bewerten den Umgang mit Geflüchteten in den letzten Jahren in ihren Stadtteilen als sehr gut. Es sei schnell Wohnraum geschaffen worden, Wohnungen angemietet oder Häuser aufgekauft worden, um den Geflüchteten Unterkunft zu bieten. Dabei sei darauf geachtet worden, die Leute nicht an einem Ort zu konzentrieren, sondern sie über den Ort zu verteilen. Lüneburg habe sich kommunalpolitisch schnell und engagiert mit dem Thema Integration auseinandergesetzt und Initiative ergriffen. Bürgermeister Norbert Meyer (Samtgemeinde Ostheide) erzählte von der Initiative eines kommunalen Fahrdienstes, der Geflüchtete, zweimal wöchentlich durch Ehrenamtliche in die Innenstadt fahre, um dem Problem der Mobilität zu begegnen. Man sei nach dem Jahr 2015, das den Höhepunkt der Einwanderungswelle bildete, nun über den Berg der größten Herausforderungen. Alle sprachen den ehrenamtlichen Mitarbeitenden einen großen Dank aus. „Ohne das große ehrenamtliche Engagement wäre vieles nicht so gut gelaufen“, so Meyer.

Sozialpädagoge Stephan Kuns pochte auf die Wichtigkeit, die Geflüchteten in eine Tagesstruktur einzubinden, wenn nicht über einen Job, auch in Ehrenämter, um einen geregelten Tagesablauf und Kontakt zu Kollegen herzustellen. Prof. Dr. Hannes Schammann (Universität Hildesheim) sprach daraufhin an, dass es wichtig sei, nun einen Schritt weiterzudenken: Ein Dach über dem Kopf und ein Deutschniveau von B1, das in vielen Sprachkursen angeboten würde, reiche nicht aus, um die Geflüchteten in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Es brauche flexible Zeiten von Bildungsangeboten für Sprache und technische Kenntnisse, die auch mit Schichtarbeit, die viele Geflüchtete erst mal annehmen wollten, koordinierbar seien. Ohne dies keime schnell Frustration, dass sich diese Bereiche nicht vereinbaren lassen.

 

 

Im Anschluss an die Diskussion auf dem Podium wurde die Diskussion ins Publikum eröffnet.
Die Anwesenden konnten den Referenten und Referentinnen Fragen stellen und von eigenen Erfahrungen berichten.

Landflucht auch bei Migranten sichtbar

Trotz aller Integrationsarbeit sei auch bei Migranten der Zug in städtische Regionen sichtbar. Josef Theodor Röttgers und Sozialpädagoge Stephan Kuns nannten als Gründe dafür Mobilität und Arbeitsmöglichkeiten, die in städtischen Regionen flexibler und einfach seien. Kuns erzählte dabei, dass nicht nur Lüneburg als beliebtes Ziel galt, sondern es viele direkt in größere Städte wie Hamburg oder Frankfurt ziehe, oft auch deshalb, weil dort Familienangehörige aufgesucht werden.

Über den Berg oder nur ein „Staudamm“?

In der anschließenden Diskussion ging ein Student auf einige frühere Äußerungen ein, man sei nun „über den Berg“, nachdem man das Flüchtlingsjahr 2015 bewältigt habe. Durch das Flüchtlingsabkommen mit der Türkei und der Schließung der Balkanroute sei der Schauplatz der Flüchtlingsproblematik jedoch nur aus Deutschland hinaus in den Nordosten verschoben worden. Man habe sich lediglich einen „Staudamm“ gebaut, das Problem sei damit nicht langfristig gelöst. Würden die Vertreter und Vertreterinnen noch mehr Geflüchtete in ihren Stadtteilen aufnehmen können? Prof. Dr. Hannes Schammann (Universität Hildesheim) pflichtete dem Studenten ebenfalls bei und betonte die Wichtigkeit, die Integrationsstrukturen weiterhin flexibel und einsatzbereit zu planen, um zukünftige Integration zu erleichtern und vorzubereiten. Josef Theodor Röttgers zeigte sich für die Samtgemeinde Gellersen zuversichtlich. Auch weitere Geflüchtete seien unterzubringen, bei jeder neuen, höheren Zahl an Ankommenden habe man es doch immer wieder geschafft, die Leute zu versorgen und unterzubringen. Trotzdem sei er dankbar über eine „Verschnaufpause“, die es ermögliche, die Geflüchteten nun in die Gemeinden wirklich zu integrieren, dies sei nach der Unterbringung die viel größere Herausforderung.

Ein Bürger erzählte von der Erfahrung in seinem Dorf: Durch die schnelle Bereitschaft, den Geflüchteten zu helfen und sie in das Tagegeschehen zu integrieren, hätten „rechte Stimmen“ gar nicht erst die Gelegenheit gehabt, negative Emotionen zu schüren. Er sieht in der Geschwindigkeit von Reaktionen auf die Ankunft von Geflüchteten den Schlüssel gegen ausländerfeindliche Stimmung, die positiven Resultate zeigten den Menschen, dass die Integrationsarbeit sinnvoll sei.

Die Anwesenden kamen auf den Konsens, dass mit Hilfe schneller Reaktionen auf die Flüchtlingsproblematik und hohem ehrenamtliche Engagement den Herausforderungen zu begegnen sei. Auch auf dem Land sei eine gute Integration von Geflüchteten möglich und sichtbar.

Die nächste Veranstaltung der Reihe „Einwanderungsland Europa - wie begegnet Lüneburg dem Rechtpopulismus?“ findet am 16.02.2017 statt. Im Vortrag „Unser Leben mit Vorurteilen“ referiert Diplom-Soziologin Daniela Krause vom „Institut für inderdisziplinäre Konflikt- und Gewalt Forschung“ in Bielefeld über Vorurteile, die Flüchtlingsfrage, feindliche Zuständige und gesellschaftliche Spaltung.



Redaktion: Julia Graßhoff, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.