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Interkulturelle Tandems I: Eine Afghanin entschließt sich allein zur Flucht

09.02.2017 Seit Sommer 2016 können Beschäftigte der Leuphana am sogenannten „Interkulturellen Tandem“ teilnehmen. Auf Initiative der Zentraleinrichtung Moderne Sprachen (ZeMoS) lernen sie Geflüchtete, deren Geschichte und ihren Alltag besser kennen. Die Geflüchteten profitieren davon, da sie in den Tandems auf ungezwungene Weise ihre deutschen Sprachkenntnisse erweitern und die hiesige Kultur kennenlernen können. In dieser Reihe sprechen beide Seiten über ihre bisherigen Erfahrungen und welche Hoffnungen sie für das neue Jahr haben. Dieses Mal: Sahar aus Afghanistan und Sonja von der ZeMoS.

Sahar (li.) kam 2015 aus Afghanistan nach Deutschland. Sonja (re.) ist ihre deutsche Tandempartnerin.

„Am Anfang bestand unser Tandem aus mir und 3 Geflüchteten, Sahar und zwei Männern. Ich habe gemerkt, dass Sahar sehr schüchtern war und sich kaum an der Diskussion beteiligt hat. Darum haben wir gemeinsam entschieden, uns einzeln zu verabreden. Seitdem sprechen wir über alles und sind richtig gute Freundinnen geworden."

Sahar hat sich die deutsche Sprache in den ersten Monaten in Deutschland allein beigebracht. Sie hat deutsche Bücher gelesen und über YouTube die Aussprache gelernt. Als sie dann an dem ersten Sprachkurs im Juni 2016 teilnahm, hatte sie schon einen Wissensvorsprung und konnte gleich mit dem B1-Level starten. Einige weitere geflüchtete Frauen hatten an der Aufnahmeprüfung teilgenommen, aber den Einstieg nicht geschafft, obwohl diese bereits an einem Integrationskurs teilgenommen haben. „Mir war es wichtig, in den B1-Kurs zu kommen, weil ich im Herbst 2017 mit meinem Master-Studium an der Leuphana beginnen möchte. Dafür ist die bestandene DSH–Prüfung eine wichtige Voraussetzung. Dass keine weitere Frau in dem B1-Kurs ist, finde ich sehr schade.“

Die Kultur der anderen

Auch in den interkulturellen Tandems der Universität spielt Sahar als Frau eine Sonderrolle. Sie ist die einzige Frau unter den geflüchteten Tandempartnern. Umgekehrt ist es so, dass alle Deutschen in den Tandems weibliche Beschäftigte der Leuphana sind. Als sich Sahar im Sommer 2016 für das interkulturelle Tandem an der Leuphana entschied, tat sie dies, um mehr über die deutsche Kultur zu erfahren und die Sprache zu trainieren. Sie sieht das Tandem als Ergänzung zu ihrem Sprachkurs, in dem Vokabeln und Grammatik gelernt werden. Mit dem Kurs war sie in Berlin und hat viel über die deutsche Gesellschaft und Geschichte hinzugelernt: Sie hat den Bundestag, Museen und die Mauer besucht und mehr über die ostdeutsche Geschichte erfahren. Im Tandem lernt sie viel über die Alltagskultur der anderen kennen. Sie und Sonja reden zum Beispiel darüber, wie die Strukturen in deutschen oder afghanischen Durchschnittsfamilien aussehen, unter welchen Bedingungen geheiratet wird oder auch mal welche Lieblingsgerichte an Feiertagen gegessen werden. Sonja: „Bei einem gemeinsamen Essen lernte ich viel über die afghanische Kultur kennen. Sahar kochte afghanische Spezialitäten und lud mich zum Essen ein. Demnächst soll ein deutscher Abend bei mir stattfinden. Sahar ist sehr offen für die deutsche Kultur. So hat sie beim letzten Jahreswechsel das typische Raclette-Essen bei einer deutschen Familie in Bremen kennengelernt.“ Sahar: „Ja, so ein traditionelles Silvester in Deutschland mit den guten Vorsätzen, die man sich für das neue Jahr macht, kannte ich noch gar nicht. Das Jahr davor war ich zwar schon in Deutschland, habe aber noch in einer Flüchtlingsunterkunft gewohnt.

Sprache ist ein wichtiger Teil der Kultur. Und wenn ich die deutsche Sprache nicht sprechen könnte, würde ich auch den Rest der Kultur nicht verstehen.“

Auf ihre Vergangenheit in Afghanistan angesprochen, verrät sie, dass sie sich in ihrer Kindheit über Jahre als Junge ausgegeben hat, um in die Schule gehen zu dürfen. Ihre Eltern sind beide Akademiker und haben sie dabei unterstützt und auch darin gefördert, dass sie an einer Hochschule studieren konnte. Dafür nutzte sie ein Stipendium an einer amerikanischen Universität in Kirgistan, wo sie nach 5 Jahren ihren Bachelor-Abschluss in Politikwissenschaften erwarb. Heute hält sie neben ihren Sprachkursen selbst Vorträge im Welcome and Learning Center (WLC) in Lüneburg und sogar an der Onlineuniversität Kiron University. Beim WLC in Lüneburg gibt es die Überlegung, ob man Sprachkurse nicht nur für Frauen anbietet, weil diese Frauen an gemischt-geschlechtlichen Kursen oft nicht teilnehmen. Es sei oft so, dass man dort weibliche Geflüchtete nur an bestimmten Wochentagen antrifft, weil es reine Frauenabende sind.

Die Geschlechtertrennung in Afghanistan beschreibt Sahar als sehr ausgeprägt. Frauen und Männer sitzen nicht im gleichen Bereich im Bus, Männer steigen hinten, Frauen vorne ein. Es sei immer noch viel angesehener einen Sohn zu bekommen, als eine Tochter. Viele afghanische Mädchen würden sich als Jungs ausgeben, um an Bildung und Alltag teilnehmen zu dürfen (Buchtipp: Jenny Nordberg, Afghanistans verborgene Töchter). Frauen werden schon früh als Mädchen anderen Männern versprochen oder gleich jung verheiratet. Sonja: „Ich finde es erschreckend, dass Kinderehen in Deutschland akzeptiert werden. Man kann sich als ein älterer Mann mit seiner minderjährigen Frau bei einer deutschen Behörde anmelden und die Behörde unternimmt einfach nichts. Er kann also in dieser Ehe hier weiterleben. Die Rechtsgültigkeit der Ehe wird von deutschen Gerichten nicht angezweifelt, obwohl eine Eheschließung unter diesen Bedingungen in Deutschland verboten wäre. Ich befürchte manchmal, dass die Emanzipation, die wir in Deutschland in den letzten 50 Jahren erreicht haben, durch falsche Toleranz rückläufig sein könnte. Schlimmer noch: Oft höre ich Ängste in der Bevölkerung, etwas gegen diese Art der Kultur zu sagen, um nicht sofort in eine rechte Schublade gesteckt zu werden, obwohl man sich nur für die Frauenförderung einsetzen will.“

Verschleiherung und Emanzipation

Die Verschleierung der muslimischen Frau ist häufig Thema in öffentlichen Diskussionen und ist es natürlich auch bei Sahar und Sonja im Tandem, denen Emanzipation sehr wichtig ist. Dass muslimischen Frauen sagen, dass sie dies freiwillig tun und sich dabei nicht unterdrückt fühlen, sehen beide Frauen so begründet: Den Mädchen werde doch schon von Kindheit an beigebracht, dass eine unverschleierte Frau keine gute, ehrenhafte Frau sei. Dass sie sich dann später freiwillig verschleiert, finden beide nur verständlich. Aber als wirkliche Freiheit empfinden das beide nicht. Auch Sahar kam vollkommen verschleiert nach Europa und hat im ersten Jahr in Deutschland so gelebt. Inzwischen trägt sie nicht einmal mehr ein Kopftuch und denkt auch nicht, dass ihre Religion dies unbedingt zwingend von ihr verlangt. Durch ihre Außensicht auf die afghanische Kultur sieht sie in der Verschleierung auch eine Art Doppelmoral. Manche Frauen seien unter dem Schleier oder dem Kopftuch stark geschminkt oder aufreizend angezogen. Sie fühle sich aber wohl in westlicher Kleidung und will sich unter einem Tuch nicht verstecken. Begrüßungsarten sind ein weiterer Punkt über das wir sprechen. In Deutschland gibt man sich zur Begrüßung die Hand oder man umarmt sich. In Afghanistan ist dies zwischen Mann und Frau undenkbar.

Mit Sonja kann Sahar über alles sprechen, auch über brisante Themen aus den Medien. Neben dem großen Thema „Emanzipation“, welches sich in allen Gesprächen wiederfindet, sind Mode, Familie und Sport gemeinsame Leidenschaften, die sie teilen. Beide wünschen sich mehr praktische Unterstützung für geflüchtete Frauen in Deutschland und Europa. Es sei wichtig, dass alle Geflüchteten die deutsche Sprache lernen und an einem kulturellen Austausch teilnehmen können. Frauen, die mit ihren Männern geflüchtet sind, haben es da viel schwerer, weil sie nicht immer an den Integrationskursen teilnehmen dürfen, sondern zu Hause auf die Rückkehr ihrer Männer warten und/oder Kinder betreuen sollen. Besonders Sonja wünscht sich, dass Deutschland sich nicht zurückentwickelt, was freie Meinungsäußerung und die Emanzipation der Frau angeht.


Länderabend Afghanistan: Am 18.2.2017 findet im Rahmen der Reihe Einwanderungsland Europa in der VHS Region Lüneburg ein Länderabend zu Afghanistan statt. Die afghanische Community aus Lüneburg und Umgebung gibt einen Einblick in ihr Herkunftsland. Es gibt Raum für persönliche Perspektiven, einen historischen Einblick und der Abend wird durch ein breites Kulturprogramm abgerundet. Zwischen Musik, Tanz und kulinarischen Spezialitäten wird es ausreichend Platz für Fragen und Dialog geben.


Autorin: Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.