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Vielfältigkeit. Ein Blick auf den Neubau des Zentralgebäudes

10.02.2017 Die Eröffnung des Libeskind-Neubaus nähert sich. Das fast fertig gestellte Gebäude an der Uelzener Straße, an dem viele Pendler_innen, Anwohnende und Mitglieder der Universität jeden Tag vorbeifahren und –laufen, ist ein vertrauter Anblick geworden. Die Projektleiterin der Uni für den Neubau des Zentralgebäudes, Susanne Leinss, kommentiert dessen Formsprache.

Susanne Leinss, Projektleiterin der Universität für den Neubau des Zentralgebäudes

„Es lohnt sich immer“, sagt Susanne Leinss, „sich ein Gebäude anzuschauen, wirklich hinzugucken, so genau wie man bei einem Kunstwerk hingucken würde.“ Das ist nicht selbstverständlich. Denn wie bei so ziemlich jedem bewegungslosen Gegenstand in der Welt, sieht man auch ein Gebäude nicht mehr wirklich an, wenn es täglich im Blickfeld ist: Das einmal abgespeicherte Bild, was man sich vom dem Gebäude gemacht hat, überdeckt die Chance auf eine täglich neue Wahrnehmung. Oder man sieht nur noch diejenigen Teile davon, die man benutzt, wie Türen, Fenster oder Lichtschalter. „Gerade beim Zentralgebäude lohnt sich ein genaues Hinschauen“, empfiehlt Leinss. „Es gibt eine ganze Reihe an Dingen, die einem an diesem Gebäude sofort auffallen, wenn man nur hinguckt, und die es von anderen Bauwerken unterscheiden: Es gibt im und am ganzen Gebäude so gut wie keine rechten und dafür ganz viele spitze Winkel, es gibt keine zwei der großen Fenster, die deckungsgleich wären, manche Fenster gehen über mehrere Stockwerke, die Dächer sind gebogen – um nur ein paar Beispiele zu nennen.“

Video-Preview: Einblick in das Zentralgebäude

Formsprache und Moderne 

Manche Objekte scheinen der oder dem Betrachtenden etwas sagen zu wollen. Das ist offensichtlich bei einem Plakat der Fall, auf dem „Geh‘ ins Kino!“ steht. Aber auch Gebäude haben auf eine, zumindest metaphorische, Weise eine Sprache. Nur nicht durch Worte, sondern durch die Art wie sie aussehen und wie sie gestaltet sind. Dabei gibt es jedoch keine „richtige“ Art die Botschaft zu lesen. Jede und jeder kann ein Gebäude so interpretieren und wahrnehmen, wie sie oder er das will. Wie bei jedem Kunstwerk gibt es auch bei einem Gebäude die Interpretation oder Absicht des Künstlers oder der Künstlerin. Aber auch dessen Perspektive ist nur eine individuelle Einschätzung und es gibt keine höhere Instanz, die darüber entscheiden könnte, welche Interpretation richtig ist und welche nicht.

„Aber trotzdem kann man“, erklärt Leinss, „einfach als Orientierungsangebot, sagen: So könnte man es lesen. Oder das ist die Tradition, in der es entstanden ist. Und manchmal kann es ja auch ganz einfach spannend sein, zu erfahren, was sich der Künstler dabei gedacht hat oder wie er darauf kam.“ So kann man zum Beispiel einem schlichten Block aus den zwanziger Jahren mehr abgewinnen, wenn man sich vor Augen hält, dass dessen nackte Würfelhaftigkeit nicht brutal wirken sollte, sondern sich von der monarchistischen Schwere der ausgehenden Kaiserzeit mit ihren bekannten und verheerenden Folgen absetzen wollte.

Gelegentlich wird, unbegründet, an Kunst der Vorwurf herangetragen, ihr falle nichts Neues mehr ein. Davon ist auch die Architektur nicht ausgenommen. Nachdem die Moderne in den 20ern und, in Deutschland, in den 50ern auf Schlichtheit und mehr oder weniger sterile Geometrie gesetzt hat, fand danach mit der Postmoderne und dem optimistischen Vermischen mehrerer Stilelemente eine Abkehr davon statt. Aber gibt es noch etwas wirklich Neues? Wie könnte ein tatsächlich neuer Baustil aussehen? Der Stil mit dem etwas sperrigen Namen „Dekonstruktivismus“ ist ein Versuch, aus der scheinbar zwingenden Alternative zwischen Einfachheit und Ornament auszubrechen. In ihren Arbeiten hinterfragen Dekonstruktivisten Konventionen wie Achsengebung und Rechtwinkligkeit, was ihren Gebäuden ebenso etwas Fließendes wie Verwirrendes gibt. Der Begriff selbst geht auf die Ausstellung „Deconstructivist Architecture“ zurück, die 1988 im Museum of Modern Art in New York stattfand und an der neben Frank Gehry und Rem Koolhaas eben auch Daniel Libeskind teilnahm.Dekonstruktivismus als Stil in der Architektur bekam viele Anstöße aus der Dekonstruktion, einer Denkrichtung in der Philosophie und Literaturwissenschaft. Mittlerweile haben sich beide Schulen weitestgehend auseinander entwickelt. Beiden gemeinsam ist es aber, dass sie an Dinge – Texte, Bauweisen, Räume – mit der Frage herangehen „Was steckt da noch drin? Mit welchen bislang unhinterfragten Grundannahmen haben wir uns dem Ding bislang genähert und wie ließe sich das anders machen?“ Letztlich greift aber jeder Epochenbegriff und jeder Stilname zu kurz; es ist immer bloß ein Etikett, eine Schablone, die nie alles fasst.

 

Unvorhersehbar und komplex

Daher sind vielleicht Aspekte einer Formsprache besonders wichtig, bei denen der spontane Eindruck mit einer ‚dahinterliegenden Bedeutung‘ zusammenfällt. „So etwas ist zum Beispiel die Unvorhersehbarkeit des Neubaus: „Das Gebäude ist in seiner Erscheinung so angelegt, dass man nicht sicher sein kann, welches Bild sich einem beim Vorübergehen einige Meter weiter zeigt. Die einzelnen Baukörper schieben sich vor- bzw. hintereinander, die perspektivische Tiefe erzeugt ganz eigene Effekte.“ Das unterscheidet den Neubau ganz eindeutig von den bestehenden Kasernen-Gebäuden des Campus, bei denen man nie von optischen Eindrücken überrascht wird. Das gerade macht das Erleben des Gebäudes komplex, aber diese Komplexität symbolisiert eben auch Vielfältigkeit - und damit einen wesentlichen Aspekt universitären Lebens und Lernens. 


Autor: Martin Gierczak, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.