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Interkulturelle Tandems II: Flüchten und ankommen? Von Syrien auf dem Weg ins Studium in Deutschland

14.02.2017 In der Reihe „Interkulturelle Tandems“ stehen diesmal Wajeeh aus Syrien und Anja vom Leuphana College im Mittelpunkt. Wajeeh flüchtete im September 2015 mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Deutschland. Sein Studium in Damaskus musste er abbrechen. Nach ihrer Ankunft kamen sie in einer großen Flüchtlingsunterkunft in Lüneburg unter. Bereits im Februar 2016 hatten sie das Glück, von einer deutschen Familie aufgenommen zu werden – von der sie schon sehr viel über die deutsche Kultur lernten.

Sie erklärt: „Ich habe mich zum Tandem angemeldet, um einen Geflüchteten dabei zu unterstützen, unsere Sprache zu lernen und darüber den Weg ins Studium zu finden. Zu Beginn hätte ich eher erwartet, dass die Unterhaltungen schwieriger sein würden, es vielleicht manchmal zu Verständigungsproblemen kommen könnte, da ich überhaupt kein Arabisch spreche und Wajeeh erst begonnen hatte, Deutsch zu lernen. Dies war aber überhaupt nicht der Fall, da Wajeeh bereits exzellentes Englisch sprach und auch in Deutsch sehr schnelle Fortschritte erzielte. Wie ich selbst, hat Wajeeh in der Schule Englisch und Französisch gelernt."

Neben den Treffen auf dem Campus unternehmen beide gern gemeinsam Ausflüge. Anja zeigte Wajeeh ihre Heimatstadt Hamburg und stellte extra für ihn einen Stadtrundgang zusammen. An den Landungsbrücken aßen sie gemeinsam Fischbrötchen, durchquerten den alten Elbtunnel und fuhren mit der Hafenfähre zu den Docklands. Als nächstes wollen sie sich die Elbphilharmonie ansehen, am liebsten ein Konzert mit deutschen und syrischen Musikern. 

Umgekehrt lernt Anja auch viel über Syrien. Beim ersten Treffen hat Wajeeh mit ihr einen virtuellen Stadtrundgang durch seine Heimatstadt Damaskus gemacht. Sie interessieren sich beide für Architektur. Typisch für die Häuser in der Altstadt von Damaskus sei, dass sie sich zu einem Innenhof öffnen, in dem ein Brunnen steht, der im Sommer für Kühle sorgt. Es gibt zahlreiche Bauwerke, die zum UNESCO Weltkulturerbe gehören. Anja wünscht sich, diese Stadt in Zukunft einmal in der Realität sehen zu können.

Gemeinsame Gesprächsthemen

Beide können sich für gute Geschichten begeistern, ob als Buch oder Film, z.B. die Netflix-Serie „House of Cards“. Gemeinsam haben Sie in der Videoecke des Selbstlernzentrums „Almanya“ gesehen. Wajeeh hat vor kurzem seinen ersten deutschen Kino-Film allein und ohne Untertitel gesehen und alles verstanden, berichtet er stolz.

Eine weitere Gemeinsamkeit: Sie lieben gutes Essen. Anja war bei Wajeehs Familie zum Essen eingeladen, die seit November in einer eigenen Wohnung leben, und konnte dort das erste Mal die syrische Küche kennenlernen. Es gab Fattet Hummus (ein vegetarisches Gericht aus Kichererbsen mit Joghurtsauce), Brot mit Zaatar (einer Gewürzmischung aus Thymian, Sumach, geröstetem Sesam und Salz) und Makdous (gefüllte Auberginen).

Beim Stichwort Brot fällt Wajeeh etwas Wichtiges zur Kultur der Deutschen ein: „Die Deutschen und ihr Brot – das ist schon etwas Besonderes. Ich liebe die verschiedenen Sorten, die man beim Bäcker bekommt und habe gehört, dass Deutsche auf Reisen oft Heimweh allein wegen ihres Brotes haben. Das kann ich sehr gut verstehen.“ 

Im Tandem sprachen Wajeeh und Anja über kulturelle Stereotypen, z.B. dass den Deutschen im Alltag neben dem Brot vor allem Mülltrennung, Tatort am Sonntagabend, Kartoffeln, Urlaub auf Mallorca (er lacht beim Wort „Malle“) und Bier wichtig seien. Ob er ein Lieblingsbier habe, will ich wissen. „ASTRA, ganz klar. Das schmeckt mir am besten.“ 

Kulturelle Stereotypen treffen laut Wajeeh meist gar nicht zu. Er sagt, er sei hier bisher nur großzügigen, hilfsbereiten Menschen begegnet, die gar nicht so streng und kühl sind, wie vorher vermutet. Er mag die direkte Art zu kommunizieren sehr gern.
Syrien, das Land, welches nur eine Zeitzone von Deutschland entfernt ist, kennen die meisten Deutschen, wenn überhaupt, nur von der Kriegsberichterstattung in den Medien. Wajeeh findet, es gäbe keine klare Vorstellung von den Unterschieden zwischen Syrien, Afghanistan oder dem Nahen Osten. Menschen, denen er in Deutschland begegnet ist, waren oft überrascht, wenn er von den zivilisierten Zuständen des Landes (vor dem Krieg) erzählte. „Ja, wir haben auch Sofas und westliches Fernsehen. Wir sehen die gleichen Kino-Filme aus Hollywood wie ihr. Vor dem Krieg herrschte große Aufbruchsstimmung. Alle Bürger wollten den Fortschritt in der syrischen Wirtschaft vorantreiben.“

Themen, über die beide nicht so gerne sprechen

Im Verlauf des Tandems gibt es nicht immer nur fröhliche Gesprächsthemen. Tausende von Menschen werden durch den Bürgerkrieg in Syrien zur Flucht gezwungen. Pressefotografien und Berichterstattung vermitteln täglich einen Eindruck von diesem Geschehen, jedoch haben Wajeehs persönliche Erzählungen Anja noch sehr viel stärker berührt. Für ihn ist es kein Problem über seine Flucht zu sprechen, aber wenn er merkt, dass es Anja zu nahegeht, lässt er das Thema fallen. Außerdem möchte er nicht immer auf seine Eigenschaft als Flüchtling reduziert werden. Er will sich lieber der Zukunft widmen und nicht immer, wie er sagt, mit einem Stempel „Flüchtling“ auf der Stirn herumlaufen.

Wünsche und Pläne für 2017

Anja wünscht sich für die öffentliche Diskussion in Deutschland, „dass mehr Menschen, die seit langem in Deutschland leben, die Chance bekommen, mit einen geflüchteten Menschen Kontakt aufzunehmen. Wenn man ins Gespräch kommt, merkt man schnell, dass „der oder die Fremde“ in Wirklichkeit gar nicht so fremd und andersartig ist, sondern ganz im Gegenteil sehr viele Gemeinsamkeiten bestehen können. Ich freue mich, dass ich als Mitarbeiterin der Universität diese Möglichkeit erhalten habe und würde mir wünschen, dass auch andere Einrichtungen und Unternehmen ähnliche Tandem-Programme ins Leben rufen.“

Für Wajeeh stehen die nächsten Ziele fest: Er möchte die Deutsch B2 und die DSH Prüfung schaffen. Neben dem Deutschkurs besucht er auch Veranstaltungen des Brückenstudiums. „Ich möchte im Herbst ein Studium in Deutschland beginnen, und hoffe, dass auch Leistungen aus meinem vorherigen Studium in Syrien anerkannt werden.“


Weitere Informationen

Dr. Nuria Miralles Andress
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miralles@leuphana.de

Anja Stegert, M.A.
Universitätsallee 1, C8.103b
21335 Lüneburg
Fon +49.4131.677-2297
anja.stegert@leuphana.de

Länderabend Syrien: Am 20.5.2017 findet im Rahmen der Reihe Einwanderungsland Europa in der VHS Region Lüneburg ein Länderabend zu Syrien statt. Die syrische Community aus Lüneburg und Umgebung gibt einen Einblick in ihr Herkunftsland. Es gibt Raum für persönliche Perspektiven, einen historischen Einblick und der Abend wird durch ein breites Kulturprogramm abgerundet. Zwischen Musik, Tanz und kulinarischen Spezialitäten wird es ausreichend Platz für Fragen und Dialog geben.


Autorin: Dörte Krahn, Universitätskommunikation. Neuigkeiten aus der Universität und rund um Forschung, Lehre und Studium können an news@leuphana.de geschickt werden.